Stephanskirchen – Ein Knopfdruck und das Ungetüm erwacht. „Obacht, jetzt wird’s laut“, warnt Alfred Licht und drückt den Schalter an dem 120 Jahre alten Webstuhl. Er hat nicht übertrieben, es rattert und kracht bedrohlich, als das Holzschiffchen mit der Schafwolle quer durch die in die Maschine gespannten Fäden schießt. Und schon ist der Wollteppich, der aus dem historischen Webstuhl wächst, um einen Zentimeter länger. Uraltes Handwerk, praktiziert in der Werkstatt von Alfred Licht, einem von nur noch wenigen Webermeistern in Bayern.
In der Simssee Handweberei in Stephanskirchen bei Rosenheim gibt es sie noch, klassische Fleckerl- oder Wollteppiche aus echter Handarbeit. Und in der Werkstatt stehen drei Generationen der Familie Licht Webstuhl an Webstuhl. Opa Erwin, der Firmengründer, 84 Jahre alt. Papa Alfred, Firmenchef, 56 Jahre. Und Sohnemann Johannes, 25, der sich vor Kurzem dazu entschlossen hat, die Familientradition weiterzuführen. Die alten Webstühle halten dabei nicht nur die Teppiche zusammen, sondern knüpfen auch eine enge Familienbande. „Bei uns“, sagt Opa Erwin mit einem sanften Lächeln, „ist eigentlich jeden Tag Vatertag.“
Der erste Eindruck beim Blick in die Werkstatt: Wolle. Überall. Aufgerollt wie auf Gabeln voll überdimensionierter Spaghetti liegen die Knäuel für die Teppiche bereit. An den Wänden hängen hunderte Fadenrollen, deren Schnüre wie ein Spinnennetz in den Webstühlen verschwinden. Die wiederum spucken Zentimeter für Zentimeter die Teppiche aus, ungefähr einen Quadratmeter pro Stunde. Das Ergebnis verkauft die Familie Licht in ihrem kleinen Laden direkt neben der Werkstatt. Fleckerlteppich Simssee 60 mal 120 Zentimeter für 63,35 Euro. Schafwollteppich Watzmann 27 gefilzt, 70 mal 140 Zentimeter für 171,50 Euro. Ein Quadratmeter Stoff fürs wohlige Wohnzimmer – und gegen kalte Füße.
Opa Erwin, der ewige Tüftler, schlurft durch die Werkstatt und kann zu jedem Webstuhl mit großer Geduld eine Geschichte erzählen. Hier hat er ein altes Kanalrohr verbaut, dort ein Zahnrad aus einem ausrangierten Miststreuer und eigentlich überall einen Haufen Altmetall vom Schrottplatz. Die fünf Webstühle sind alle zwischen 60 und 120 Jahre alt. Aber sie laufen. Und wenn nicht, dann macht Opa Erwin ihnen Beine.
Er, der Kriegsflüchtling, geboren in Czernowitz in der heutigen Ukraine, später aus dem polnischen Kattowitz nach Deutschland geflohen und 1945 in Rosenheim gestrandet, hat den Betrieb vor mehr als 40 Jahren gegründet. Eigentlich wollte er Mechaniker werden. Aber nach dem Krieg war keine Zeit für Wünsche. Er fand eine Stelle als Weber für fünf Mark im Monat plus Verpflegung und Unterkunft. Tagsüber arbeitete er, abends holte er per Telekolleg die mittlere Reife nach. Er absolvierte die Meisterprüfung, machte sich selbstständig, besorgte sich ausrangierte Webstühle aus aufgegebenen Fabriken. Und baute sie nach seinen Vorstellungen um. Am Ende ist er doch irgendwie zum Mechaniker geworden.
Die Fleckerlteppiche aus zerfledderten Hemden und zerrissenen Seidenstrümpfen – heute heißt so etwas Upcycling, damals war es purer Pragmatismus – verkaufte er in einer kleinen Garage. „Aber eigentlich konnte er das gar nicht, das Verkaufen“, sagt sein Sohn Alfred, der damals schon mit in der Werkstatt herumwuselte. Während der Vater an den Maschinen schraubte, kümmerte sich Sohn Alfred immer mehr um den Vertrieb. Er pries die Ware auf Märkten an, später auf der Heim und Handwerk in München – „Unser Stand war größer als die Verkaufsgarage zu Hause“, erinnert er sich. Und vor zehn Jahren dann der erste Online-Shop. Die Lichts rollten den Kunden in der weiten Welt des Internets den Teppich aus.
Heute bekommt Alfred Licht viele seiner Kunden gar nicht mehr zu Gesicht. Sie bestellen den Schafwollteppich nach Maß im Netz, die Fotos dafür macht Sohn Johannes. „Aber der persönliche Kontakt macht uns aus“, sagt der 56-Jährige. Deswegen ruft er vor jeder Auslieferung beim Kunden an. Pflegehinweise, Ratschläge, vielleicht ein Vorabmuster per Post, um einmal mit dem Finger über die Wolle zu fahren. „Das hebt uns ab von der Masse“, sagt der Firmenchef. „Unser Alleinstellungsmerkmal: Hohe Qualität. Und Persönlichkeit.“ So haben die Teppichweber von Stephanskirchen ihre Nische gefunden in einer Branche, die weitgehend von Billigfabriken vom anderen Ende der Welt dominiert wird.
Und mit Sohn Johannes schließt sich der Kreis. Denn weil sich Papa Alfred, der Mann für den Vertrieb, so gut mit Tüftler Erwin ergänzte, lief der Laden. Und Johannes, gelernter Industriemechaniker, steigt in die Fußstapfen des Opas und werkelt mit viel Liebe an den Maschinen. „Ich lass ihn gern machen“, sagt der Opa. „Er hat mehr Kraft.“ Und der Enkel ergänzt: „Das ist das Schöne bei uns: Keiner hält den anderen klein.“ Weben und weben lassen, ist das Motto der Lichts.
Und obwohl sich die drei Generationen jeden Tag in der Werkstatt sehen, hat der Familienfriede nicht gelitten. „Im Gegenteil“, sagt Vater Alfred. „Ich finde, wir sind noch enger zusammengerückt.“ Die ganze Familie fährt sogar zusammen in den Urlaub. Nach Kroatien. Einzige Bedingung: Ein Pool muss dabei sein, damit Opa Erwin früh morgens seine Bahnen ziehen kann. Allerdings mussten Papa Alfred und Sohn Johannes schon mal ein Machtwort sprechen: „Opa, jetzt wird mal eine Woche nicht über die Arbeit geredet.“ Denn Ideen hat der Tüftler immer noch jede Menge. Alfred Licht sagt über seinen Vater: „Da rattert’s im Kopf – auch mit knapp 85.“ Wie bei seinen geliebten Maschinen.