München – Die Bildungsschere klafft seit der Corona-Pandemie wieder weiter auseinander. Betroffen sind vor allem Kinder aus sozioökonomisch schwachen Familien, also mit geringen finanziellen Mitteln und Eltern, die selber einen geringen Bildungsstand haben. Oft sind das Kinder mit Migrationshintergrund.
Seit dem sogenannten „Pisa-Schock“ aus dem Jahr 2000 hatte sich die Situation leicht verbessert. Trotzdem bleiben die schulischen Kompetenzen „erheblich hinter denen von Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund“ zurück, schreibt der Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) in seinem Bericht „Ungleiche Bildungschancen“ vom Februar. Corona hat das Problem verschärft. Dies geht aus der bundesweiten IQB-Schulstudie hervor. 2016, also vor der Pandemie, hinkten die hier geborenen Kinder aus zugewanderten Familien in Mathematik im Lernstoff ein halbes Schuljahr hinterher, im Lesen ein Dreivierteljahr, so SVR-Bildungsexpertin Mohini Lokhande. Nun hat sich die Lücke weiter vergrößert und entspricht in Mathematik dem Lernstoff eines Dreivierteljahres und im Lesen sogar dem eines ganzen Jahres (Stand 2021). „Das ist ganz schön viel“, urteilt Lokhande.
Auch bei Schülern ohne Migrationshintergrund sind die Leistungen durch die Schulschließungen gesunken, aber nicht so stark. Kinder mit Migrationshintergrund hätten zu Hause oft ungünstigere Bedingungen, seltener einen Raum zum Lernen und einen eigenen Schreibtisch, schlechte digitale Ausstattung – und seltener Eltern, die beim Lernen helfen, schreibt der SVR. Die Situation sei insofern dramatisch, weil knapp die Hälfte der Kinder nicht mehr den Regelstandard erreiche, der für weiterführende Schulen nötig sei. Besonders betroffen: Kinder, die im Ausland geboren und zugewandert sind.
Auch ohne Pandemie wären die Probleme da. Während bei Kindern ohne Migrationshintergrund mit 99 Prozent Kita-Anteil quasi Vollbetreuung herrscht, besuchen nur acht von zehn Kindern mit Migrationshintergrund eine Kindertagesstätte. Bei den unter Dreijährigen liegt der Unterschied bei 43 zu 21 Prozent. Das führt zu Problemen beim Erlernen der deutschen Sprache. „Die Unterschiede werden in der Grundschule häufig nicht aufgeholt, teilweise verstärken sie sich“, sagt Lokhande.
Die Folge: Jugendliche mit Migrationshintergrund haben häufiger keinen Schulabschluss, besuchen häufiger die Mittelschule und seltener das Gymnasium – wobei die Lücke bei der zweiten Generation (in Deutschland geboren) kleiner ist: 54,9 Prozent erreichen Fachhochschulreife oder Abitur. Das ist nah an den 60,6 Prozent bei Kindern ohne Migrationshintergrund. Schüler, die zugewandert sind, erreichen hingegen nur zu 38,2 Prozent eine Hochschulreife. 13,1 Prozent haben gar keinen Abschluss.
Ulrich Kober, Migrationsexperte der Bertelsmann Stiftung, meint, Integration im Schulsystem funktioniere, aber leider erst in der zweiten Generation. „Die traditionelle Halbtagsschule setzt darauf, dass Eltern ihre Kinder bei den Hausaufgaben unterstützen. Dadurch werden nicht deutschsprachige und bildungsferne Familien benachteiligt.“ So wie Lokhande vom Sachverständigenrat plädiert Kober für mehr rhythmisierte Ganztagsschule mit einem über den ganzen Tag verteilten Pflichtangebot, Zusatzangeboten, Schulsozialarbeit. Zwar ist das Ganztagsangebot zuletzt stetig ausgebaut worden, aber häufig ist es offener Ganztag. „Die Eltern wollen maximale Flexibilität. Aber so kann man Schule nicht organisieren“, kritisiert Kober.
In Bayern ist Ganztag bisher kein Erfolgsmodell. Laut der neuen Statistik der Kultusministerkonferenz ist die Zahl der Schulen mit Ganztagsangeboten mit 73,4 Prozent zwar konstant, die Zahl der Schüler, die am offenen oder gebundenen Ganztag teilnehmen, ist aber von 25,6 (Stand 2016) auf 17,3 Prozent (2020) gesunken. Bayern ist damit mit Abstand Schlusslicht im Vergleich der Bundesländer und auch weit entfernt vom Bundesschnitt (47,2 Prozent).
Kritik kommt auch von Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). „Eine gut ausgestattete Ganztagsschule ist das beste Modell, um die Lücke zu verkleinern“, sagt sie. Die Kultusminister setzten aber nicht auf Qualität. Die offene Ganztagsschule habe mit einer rhythmisierten nur wenig zu tun. Dort finde Ganztagsbetreuung statt, nicht Ganztagsbildung. Das treffe vor allem die schwachen Schüler. Es fehle an Geld und Lehrkräften. „Die Schulen können die Lücke nicht mehr schließen. Wir müssen akzeptieren, dass wir es nicht schaffen.“
Laut Bertelsmann Stiftung müssten bis 2025 3,3 Millionen Ganztagsplätze mit 31 400 zusätzlichen Lehrkräften sowie 16 200 pädagogischen Fachkräften entstehen, um 80 Prozent der Schüler mit hochwertigem Ganztagsbetrieb zu erreichen. Das würde jedes Jahr 2,8 Milliarden mehr Personalkosten bedeuten. Zudem müssten die kommunalen Schulträger rund 15 Milliarden Euro in räumliche Infrastruktur investieren.
WOLFGANG HAUSKRECHT
Probleme beginnen schon in der Kita
Es fehlen 3,3 Mio. Ganztagsplätze