„Sie haben immer an uns geglaubt“

von Redaktion

INTERVIEW Zeynep und Merve Findik sind Kinder türkischer Gastarbeiter. Mit Hilfe ihrer Eltern haben sie es geschafft, Ärztinnen zu werden. Dafür sind sie unendlich dankbar.

München – Deutschland fehlt es an Fachkräften. Das Land brauche mehr Zuwanderung, heißt es aus Politik und Wirtschaft. Aber wie steht es um die Integration? Noch immer geraten Kinder mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem viel zu oft ins Hintertreffen, beklagen Experten. Es gibt aber auch Positivbeispiele wie Merve und Zeynep Findik. Die Zwillingsschwestern (29) sind Kinder türkischer Gastarbeiter. Die Eltern kamen Anfang der 1980er-Jahre aus Anatolien, konnten kein Deutsch. Die Töchter arbeiten heute als Klinik-Ärztinnen in München und Ingolstadt. Ein Gespräch über Hürden, Chancen und die Rolle der Eltern.

Erzählen Sie doch kurz von Ihren Eltern …

Merve: Mein Vater war 18, meine Mutter zwölf, als sie mit Teilen der Familie nach München kamen. Beide stammen aus Trabzon an der Schwarzmeerküste in Anatolien, kannten sich aber nicht.

Sie haben hier geheiratet.

Merve: Es war zum Teil eine arrangierte Ehe. Die Großeltern kamen aus derselben Region. Aber meine Eltern hatten die Möglichkeit, sich kennenzulernen und haben sich aktiv für die Ehe entschieden.

Wie integriert waren Ihre Eltern anfangs?

Merve: Sie hatten sprachliche Defizite, kulturelle Defizite, finanzielle Defizite. Aber sie haben uns das nie spüren lassen. Das schafft nicht jeder. Meine Mama konnte etwas besser Deutsch, weil sie jünger kam. Mein Vater hat mehr Türkisch gesprochen. Am Fließband bei BMW waren eben sehr viele Ausländer, auch viele Türken. Zeynep: Das ist für die Integration natürlich erst mal nicht gut. Aber er war zufrieden und hat gut verdient.

Wie war das für Sie?

Zeynep: Im Kindergarten konnten wir nur schlecht Deutsch. Ich hatte mit „der, die, das“ extreme Probleme. Als wir in die Schule kamen, war das erst mal schwierig.

Heute sprechen Sie perfekt Deutsch und sind Ärztinnen. Auch ihre jüngere Schwester Melike ist Ärztin, ihr Bruder Emre Ingenieur. Was ist passiert?

Merve: Das ist sehr stark das Verdienst unserer Eltern. Zeynep: Unsere Mutter hat deutsche Schulfreundinnen zu uns eingeladen. Wir haben zusammen Hausaufgaben gemacht, sie hat uns was Gutes gekocht. Oder sie hat Spieleabende organisiert. Ich habe das damals gar nicht wirklich verstanden. Wir haben uns nur gefreut, dass die Freundin mitkommen darf. Aber dadurch haben wir ganz nebenbei Deutsch gelernt.

Merve: Unser Vater hat uns ausgefragt, auch im Medizin-Studium. Er kann die Muskelgruppen genauso gut wie ich (lacht). Mein Vater hat Abitur, wollte immer studieren. Aber das war nicht der Plan seines Vaters. Jetzt ist er sehr stolz.

Ihr Vater hatte also nicht diese Unterstützung.

Merve: Das Ziel war, die Familie zu Hause finanziell zu unterstützen. Also ein paar Jahre in Deutschland arbeiten und dann zurück in die Türkei. Die Großeltern haben sich nicht aktiv für die Bildung eingesetzt. Integration war damals nicht das Thema.

Nun ist die Familie geblieben. Ihre Eltern haben offenbar rechtzeitig erkannt, dass Bildung wichtig ist.

Merve: Bildung ist essenziell für Integration. Und die Grundlage dafür ist die Erziehung. Erziehung ist der erste Baustein, dann kommen Bildung und Integration. Wir sind jetzt 29 Jahre alt und haben 29 Jahre nur von unseren Eltern profitiert.

Dabei sollten Sie gar nicht aufs Gymnasium …

Merve: Die Grundschullehrerin hat Haupt- oder Realschule empfohlen, weil man sich als Türke sprachlich schwer tun könnte am Gymnasium. Aber unsere Mutter hat anders entschieden. Zeynep: Auch unser Vater war immer der Meinung, dass wir alles schaffen können.

Es gibt auch viele gegenteilige Beispiele. Migranten, die lieber in ihrem eigenen Kulturkreis bleiben.

Merve: Vielen fehlt das Selbstbewusstsein, sich zu präsentieren. Es ist nicht so, dass meine Mutter immer mit offenen Armen aufgenommen wurde. Sie war auf der Kontaktskala sozusagen auf minus zehn und musste in den Plusbereich kommen. Aber genau das wollte sie. Meine Mama kennt alle Nachbarn. Wir verstehen uns mit allen prima, aber mit den deutschen Nachbarn tatsächlich am besten.

Zeynep: Ich glaube, dass viele Angst haben, ihre eigene Kultur zu verlieren. Diese Ängste übertragen sie auf die Kinder. Die Ängste sind so groß, dass viele versuchen, die Kinder von der deutschen Kultur fernzuhalten. Die Kinder grenzen sich dann aktiv aus. So entstehen Barrieren. Merve: Ich war lange in der „Arche“ engagiert und hatte viel mit Migrationskindern zu tun. Beim Mutter-Kind-Tag mussten die Kinder dolmetschen. Die Mütter konnten oft nur drei Sätze Deutsch. Ich habe mich schon gefragt: Wie kann das sein, dass man sein Kind fördert, aber sich selber gar nicht engagiert? Zeynep: Will man in Deutschland gesellschaftlich einen Platz haben, muss man kämpfen. Ich sehe in meinem Umfeld aber fast nur positive Beispiele. In den türkischen Familien ist es angekommen, dass Bildung wichtig ist. Mit jeder Generation gibt es mehr Menschen mit Migrationshintergrund, die Vorbilder sind. Merve: Oft heißt es: Ich kann kein Deutsch, mir hilft keiner, wie soll ich mein Kind unterstützen. Ich denke, man muss erst mal selber fragen: Was kann ich selber tun? Anstatt immer alles nur von den Lehrern zu erwarten.

Sie tragen aus religiöser Überzeugung Kopftuch.

Merve: Ja, seit einigen Jahren. Unsere Mutter war nicht so begeistert, obwohl sie auch Kopftuch trägt. Unser Vater war auch eher besorgt. Zeynep: Sie haben gesagt: Da habt ihr es nur schwerer.

Und, ist das so?

Merve: Im Alltag hat man mit Kopftuch schon noch einen gewissen Stempel, wird manchmal auch mit Vorurteilen konfrontiert. Aber in der Arbeit sagt keiner was. Als Ärztin hat man natürlich auch eine gewisse Stellung.

Wie fühlen Sie sich? Als Deutsche oder als Türken?

Merve: Ich fühle mich genauso deutsch wie türkisch. In Deutschland komme ich besser zurecht. Wir haben vier Monate in einem türkischen Krankenhaus gearbeitet. Da hatten wir zu kämpfen. Zeynep: Mit der Sprache, der Kultur. Das Arbeiten ist anders. Ich fühle mich im Herzen mehr türkisch, aber von der Lebensweise ist es in Deutschland leichter für uns. Merve: Wir genießen es sehr, beide Kulturen zu haben.

Und Ihre Eltern?

Merve: Die würden türkisch sagen (lacht). Aber wenn wir in der Türkei sind, stellen wir fest: Mama und Papa kommen in Deutschland inzwischen auch viel besser zurecht.

Interview: Wolfgang Hauskrecht

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