München – Henry Kissinger ist vielleicht der berühmteste Diplomat in der Geschichte der USA. Lange, nachdem sich der Deutschamerikaner aus der Politik zurückgezogen hatte, suchten Spitzenpolitiker noch seinen Rat. Und noch heute teilt Kissinger, der am Samstag 100 Jahre alt wird, gern seine Meinung zur Weltpolitik mit. Doch der ehemalige US-Außenminister ist auch eine kontroverse Figur: für die einen ein brillanter Realpolitiker, für andere ein skrupelloser Machtmensch.
Kissinger ist mittlerweile schwerhörig und auf einem Auge blind. Doch geistig ist er topfit – auch wenn er inzwischen langsam formuliert. Erst vor wenigen Tagen gab er der „Zeit“ in seinem New Yorker Büro ein Interview. Man spricht auch über die Ukraine und aus Kissingers Antworten lässt sich herauslesen, dass er eine andere Außenpolitik verfolgt hätte.
„Ich bin nicht der Meinung, dass alle Schuld bei Putin liegt“, sagt Kissinger den „Zeit“-Reportern. Es sei „nicht weise“ gewesen, „die Aufnahme aller Länder des ehemaligen Ostblocks in die Nato mit der Einladung an die Ukraine zu verbinden, ebenfalls der Nato beizutreten“. Dass die Nato sich gegen einen Beitritt entschied, kontert Kissinger: „Aber die Möglichkeit wurde offengelassen.“ Die Ukraine sei für Putin ein Symbol der Erniedrigung. Er habe sich nicht ernst genommen gefühlt.
Kissingers Plan für die Zukunft klingt dann aber anders. Heute sei er „absolut dafür, die Ukraine nach dem Ende des Krieges in die Nato aufzunehmen“, um neue einseitige Angriffe zu verhindern. Ein neutraler Status ähnlich dem Finnlands sei nun nicht mehr möglich. Den Angriff hält er für einen strategischen Fehler Putins. Und: „Ich befürworte den Widerstand der Ukraine und des Westens.“
Anders sieht er den internationalen Haftbefehl. „Putin vor Gericht? Besser nicht!“ Man dürfe den Ausgang des Krieges nicht mit dem politischen Schicksal eines politischen Führers verknüpfen. Das mache es „sehr viel schwieriger, einen Krieg zu begrenzen“. Ob Putin mit ihm reden würde? Ja, lässt er durchblicken. Und dass Putin wohl schon versuchte, ihn zu kontaktieren. „Es hätte eine Gelegenheit gegeben, aber ich habe auf Anraten meiner Regierung darauf verzichtet.“
Geboren wurde Kissinger, Sohn eines deutsch-jüdischen Ehepaares, am 27. Mai 1923 als Heinz Alfred in Fürth. Ein Platz ist dort nach ihm benannt, bis heute ist er Fan und Ehrenmitglied der SpVgg Greuther Fürth. Über seine Kindheit redet Kissinger nicht gern. 1938 flieht die Familie vor den Nazis in die USA. Kissinger wächst in New York auf, ein schüchterner Junge, der wenig spricht. Vielleicht auch deshalb hat er bis heute einen starken deutschen Akzent. Nach der US-Einbürgerung wird er 1943 zum Militär eingezogen, kämpft in den Ardennen, arbeitet dann in Deutschland für die US-Spionageabwehr.
Nach der Rückkehr in die USA studiert er an der Elite-Universität Harvard Politikwissenschaften und promoviert 1954. In den Folgejahren macht er sich als Spezialist für internationale Politik einen Namen. 1969 holt ihn der republikanische Präsident Richard Nixon als Sicherheitsberater ins Weiße Haus. Später wird er gleichzeitig Außenminister – und bleibt das unter Nixons Nachfolger Gerald Ford. Kissinger prägt die sogenannte Pendeldiplomatie, reist viel und verhandelt zwischen Konfliktparteien. Als Außenminister ist er eine Berühmtheit, bekannt für sein Machtbewusstsein – und auch für seine Frauengeschichten.
Kissinger ist ein Kind des Kalten Krieges – eine Zeit, in der die Angst vor dem Kommunismus die USA prägt. Ein Kampf der politischen Systeme. Kissinger stellt Ideologien aber hintan, hält ein Gleichgewicht der Mächte für realpolitisch sinnvoll. Sein Credo dabei: Eine internationale Ordnung, die den Interessen der USA dient, dient auch anderen Nationen. Er sucht Entspannung mit China und der Sowjetunion, stiftet Frieden in Nahost, bemüht sich um Abrüstung. So fädelt er in Geheimgesprächen in der damaligen UdSSR das erste Abkommen zur strategischen Rüstungsbegrenzung (SALT I) ein. Legendär ist seine Reise in die Volksrepublik China 1971. Er bereitet dort den Besuch Nixons vor, den ersten eines US-Präsidenten. Außerdem handelt er 1973/74 das Ende des Jom-Kippur-Krieges aus. Für viele gilt Kissinger bis heute als außenpolitisches Genie.
Das ist die eine Seite. Kritiker sehen in Kissinger hingegen einen Machtpolitiker ohne Moral, der auch Diktaturen unterstützte, wenn es seinen Interessen nützte. Dabei, so der Vorwurf, habe der Zweck die Mittel geheiligt. Er galt damals als zunehmend selbstherrlich und verschlossen. In einem Interview von 1972 verglich er sich mit einem Cowboy, der allein voranreitet und die Kolonne anführt. Später bereute er diese Worte.
Es gibt eine ganze Liste an Kriegen und Krisen, in denen Kissinger eine mindestens zweifelhafte Rolle spielte. Im Vietnamkrieg soll er 1968 einen Friedensschluss verhindert haben, um Nixon zum Wahlsieg zu verhelfen. 1973 münden seine jahrelangen Geheimverhandlungen mit Nordvietnams Unterhändler Le Duc Tho in einen Friedensvertrag. Beiden wird der Friedensnobelpreis zugesprochen – obwohl der Krieg noch bis 1975 andauert. Kissinger nimmt an, Le Duc Tho nicht.
Umstritten ist, welche Rolle Kissinger bei der geheimen Bombardierung Kambodschas während des Vietnamkriegs spielte. Kritiker werfen ihm vor, sein Vorgehen habe der Roten Khmer in Kambodscha zur Macht verholfen. Auch die Unterstützung der blutigen Invasion Indonesiens in Osttimor 1975 ist ein dunkler Fleck in Kissingers außenpolitischer Karriere.
Mit dem US-Geheimdienst CIA soll Kissinger 1973 auch in den blutigen Putsch von General Augusto Pinochet gegen Chiles sozialistischen Präsidenten Salvador Allende verstrickt gewesen sein. Nach der Wahl im Jahr 1970 sagte Kissinger, er sehe nicht sein, „warum wir zusehen sollen, wie ein Land kommunistisch wird“. Die Forschungseinrichtung „National Security Archive“ hat anhand von Geheimdokumenten gezeigt, wie auf Anordnung Nixons und unter Kissingers Aufsicht die CIA Chile vor dem Militärputsch destabilisierte. Drei Jahre später, inmitten von Repression und Folter in Chile, versicherte Kissinger dem chilenischen Diktator, er habe „dem Westen einen großen Dienst erwiesen“.
Kissinger wurde in verschiedenen Ländern vor Gericht geladen, erschien aber nie. Fragen nach Kambodscha oder Chile empfindet er als ignorant. „Ich will darüber nicht sprechen, ich muss mich nicht verteidigen“, sagt er auch zu den „Zeit“-Reportern, die ihn nach persönlicher Schuld fragten. „Mich einen Kriegsverbrecher zu nennen, war ein einfacher Weg, eine Debatte zu führen, ohne sich mit Inhalten auseinanderzusetzen.“
Die politische Bühne verließ Kissinger 1977, als der demokratische Präsident Jimmy Carter das Amt übernahm. Er blieb aber präsent. Der Vater von zwei Kindern, der in zweiter Ehe verheiratet ist, gründete eine Beraterfirma, schrieb Bücher – und ist auch mit nun 100 Jahren noch ein gefragter Außenexperte.