Friedensnobelpreisträger mit Playboy-Image

von Redaktion

Siko-Dinner-Gastgeber Seybold über das aufregende Leben des 100-jährigen Ausnahme-Politikers

München – Seit 40 Jahren ist Wolfgang Seybold Gastgeber des deutsch-amerikanischen Dinners am Vorabend der Münchner Sicherheitskonferenz. Auch Henry Kissinger war oft Gast bei den Treffen der Polit-Prominenz im Münchner Nobel-Restaurant Käfer. Der Rechtsanwalt Seybold hat nun eine Biografie über den legendären Ex-US-Außenminister geschrieben (FB-Verlag, 18 Euro).

Was war Ihr erster Eindruck von Kissinger?

Wenn man so einer historischen Persönlichkeit gegenübertritt, ist man schon fasziniert. Er hat ja diesen unglaublich tollen, tiefen Bass mit fränkischem Akzent – man kann gar nicht glauben, wie sexy amerikanisches Fränkisch klingen kann!

Sie haben ihn bei Ihren Siko-Dinners lieber neben Promis wie Katarina Witt als neben andere Politiker platziert. Warum?

Kissinger hat ja in den USA sein Image als Playboy durchaus gepflegt und hat sich immer wieder mit Schauspielerinnen gezeigt. Als er mit einem braunen Kuvert unterm Arm zu einer geselligen Veranstaltung in Washington ging, fragte ihn eine Journalistin, ob geheime Staatspapiere drin sind. Da antwortete er: Nein, das ist der Vorabdruck des neuen „Playboy“. Er war zudem ein absoluter Filmfreak. Einmal saß er beim Dinner neben Uschi Glas, und er erzählte ihr damals, dass er sogar ihren Film „Zur Sache, Schätzchen“ gesehen hat.

Wie viel Deutsches steckt in dem US-Politiker?

Sehr viel. Er musste ja mit 16 aus Deutschland fliehen und kam als 21-jähriger GI nach Deutschland zurück. Er war Übersetzer des US-Oberbefehlshabers und wurde später Stadtkommandant von Bensheim in Hessen. Da hat er gesehen, wie schrecklich Deutschland für seine Sünden im Dritten Reich bezahlt hat. Er verlängerte freiwillig seine Zeit in Deutschland bis 1947. Unter seinem Kommando waren auch einige Juden, die sich gerne an den Deutschen gerächt hätten. Er sagte ihnen: Bitte behandelt die Deutschen nicht so, wie ihr von den Deutschen nie behandelt werden wolltet.

Wie war sein Verhältnis zu deutschen Politikern?

Er kannte alle deutschen Kanzler. Als die Mauer gebaut wurde, schickte US-Präsident Kennedy den damaligen Harvard-Professor Kissinger nach Deutschland mit dem Auftrag: Check doch mal den Adenauer. Besonders eng war aber Kissingers Freundschaft mit Helmut Schmidt.

Was war Kissingers wichtigste Leistung?

Ich glaube schon, dass das der Friedensvertrag mit Vietnam war. Für diesen Erfolg nach vier Jahren der zähen Verhandlungen bekam er 1973 ja auch den Friedensnobelpreis.

Dieser Nobelpreis stieß auch auf Kritik. So gibt es den Vorwurf, dass Kissinger 1968 einen Vietnam-Friedensschluss verhindert habe, um Nixon zum Wahlsieg zu verhelfen…

Zu diesen dunklen Seiten habe ich mich in meinem Buch nicht geäußert. Kissinger hat selbst eine gewisse Distanz zu diesem Nobelpreis an den Tag gelegt: Er hat ihn nicht feierlich in Oslo entgegengenommen, sondern das dem US-Botschafter in Norwegen überlassen. Und er hat das Preisgeld gespendet.

Wie beurteilen Sie Kissingers Äußerungen zum Krieg in der Ukraine? Er hat sich ja schon früh für eine Verhandlungslösung mit Putin starkgemacht.

Das sehe ich skeptisch, Kissinger ist da ja inzwischen auch etwas zurückgerudert. Inzwischen koppelt er den Verzicht Kiews auf Gebiete an den ukrainischen Nato-Beitritt – was nach den Statuten der Nato gar nicht möglich ist, denn ein im Krieg befindliches Land darf gar nicht beitreten.

Was hält Kissinger von Donald Trump?

Den schätzt er überhaupt nicht! Ich war ja bei der Beerdigung meines Freundes, des US-Senators John McCain, der in seinem Testament ausdrücklich betont hatte, dass Trump nicht zu seiner Trauerfeier eingeladen werden dürfe. Kissinger war hingegen einer der Trauerredner. In der Verachtung Trumps waren sich Kissinger und McCain einig.

Interview: Klaus Rimpel

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