„An der Front zu sein ist ein Nervenkitzel“

von Redaktion

INTERVIEW Kriegsreporter Caleb Larson über seine Ukraine-Mission und den Tod eines Freundes

München – Der Krieg in der Ukraine fordert viele Opfer – auch Journalisten. Erst vor Kurzem starb der 32-jährige Arman Soldin, der für die Nachrichtenagentur AFP berichtete, bei einem russischen Raketenangriff. Caleb Larson (31) war lange mit Soldin im Kriegsgebiet unterwegs. Der US-Amerikaner lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist unter anderem für die Nachrichtenagentur AP und die Deutsche Welle. Fünf Mal war er im Kriegsgebiet, insgesamt sieben Monate. Es ist sein erster Krieg. Im Interview spricht er über seinen getöteten Freund, die Gefahren seines Jobs – und sagt, warum er trotzdem weitermacht.

Herr Larson, Sie haben Arman Soldin im Osten der Ukraine kennengelernt.

Ich bin mit anderen Journalisten in den Donbass gereist. Kramatorsk ist ziemlich nah an der Front, aber einigermaßen sicher. Am Anfang waren wir die einzigen Journalisten in der Gegend. Irgendwann, ungefähr nach zwei Wochen, kamen Arman und sein Team dazu. Wir haben uns praktisch jeden Abend gesehen. Tagsüber suchten wir Geschichten, abends im Hotel saßen wir zusammen.

Was für ein Mensch war er?

In der Kriegsberichterstattung herrscht ein ziemlicher Wettbewerb. Man schützt seine Geschichten und erzählt nicht so gern, woran man gerade arbeitet. Arman war anders. Obwohl Alkoholverbot herrschte, schaffte er es, ein paar Flaschen zu organisieren. Dann sagte er: Hey, lasst uns mal zusammensetzen und über den Tag reden. Er war extrem offen und nett.

Wie haben Sie erfahren, dass er tot ist?

Ich habe eine Whatsapp-Gruppe mit den Leuten von damals. Einer von ihnen sah eine Meldung auf Twitter, postete sie in der Gruppe und schrieb sinngemäß: Oh mein Gott, Arman ist tot.

Ein Schock …

Absolut, ja. Jeder, der in die Ukraine geht, weiß, welche Konsequenzen das haben kann. Aber es gibt so eine Art nützlichen Optimismus, der verhindert, dass einem die Gefahr so richtig bewusst wird. In manchen Situationen fühlst du nur den Adrenalin-Rausch und denkst dir: Wow, das war verrückt. Aber du fühlst dich auch furchtlos und unaufhaltbar.

Hat Sie der Tod Ihres Freundes verändert?

Ich würde sagen, dass ich mir der Gefahren jetzt anders bewusst bin. Man sieht Tod und Zerstörung, viele schlimme Dinge. Aber so lange es niemanden trifft, den man persönlich kennt, kann man all das von sich fernhalten. Das ist bei Arman anders.

Wie muss man sich das Leben eines Kriegskorrespondenten vorstellen?

90 Prozent Langeweile, zehn Prozent absoluter Terror. Es gab Situationen, in denen etwas unweit von mir explodiert ist. Man weiß nie genau, woher das feindliche Artilleriefeuer kommt, das kann angsteinflößend sein. Deshalb ist Vorbereitung alles. Bevor wir an die Front fahren, schauen wir online, wo Gefechte waren, sprechen mit Kollegen, die gerade von dort kommen. Deine Sinne werden schärfer.

Das klingt, als sei das Stresslevel ziemlich hoch.

Das ist sehr unterschiedlich. In Kramatorsk gab es einen Kollegen, der nervlich am Ende war. Wir sind eine Gruppe von vier, fünf Leuten, jeder einzelne muss in Bestform sein, sonst gefährdet er alle. Wir sagten also: Du musst raus hier, nach Polen oder sonst wo hin. Ruh dich aus. Es gibt aber auch Kollegen, die ich nie gestresst gesehen habe. Ich würde sagen, das ist eine Frage von Alter und Erfahrung. Manche sind sehr jung und sehr unerfahren. Die sagen: Hey, lass uns mal in den Donbass fahren. Ich denke mir dann oft: Mit dir würde ich nicht mal in den Supermarkt gehen.

Welche Geschichten reizen Sie besonders?

Das hat sich im Laufe der Zeit verändert. Am Anfang jagten wir dem Konflikt hinterher: Kiew, Charkiw, dann an die Front. An Orten, die gerade befreit wurden, gibt es wahnsinnig spannende Geschichten, weil dort viel Schlimmes passiert ist. Ich schäme mich ein wenig, das zu sagen, aber an der Front zu sein ist ein Nervenkitzel, der mit nichts zu vergleichen ist. Was die Leute erzählen, die gerade aus dem Kampf kommen, ist unglaublich. Meine letzten Geschichten waren anders, manchmal musste ich nicht mal viel tun. Man fährt zu einem Ort, an dem Soldaten sind, stellt sich vor, teilt Zigaretten aus – und die Leute erzählen ganz von selbst.

Warum denn das?

Die Soldaten waren wochenlang an der Front, die sind einfach froh, mit jemandem sprechen zu können.

Gibt es eine Situation, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ja, die gibt es. Als die Ukrainer Cherson befreit hatten, war ich in Kiew, und ich dachte: Du musst da hin. Also bin ich die ganze Nacht durchgefahren und war am Morgen in Cherson. Am Rathaus hatten sich unfassbar viele Menschen versammelt. Ich fragte sie, wie es unter russischer Besatzung war. Plötzlich war da diese große Emotion, ich sah mich um – und Präsident Selenskyj kam aus dem Rathaus. Ich kriege jetzt noch Gänsehaut davon.

Kamen Sie an ihn heran?

Wir konnten einige Fragen stellen, das war super. Aber dann passierte etwas. Man muss wissen: Die Einwohner hatten monatelang keinen Handyempfang, Verwandte wussten nicht, ob sie noch leben. Selenskyj sagt also: Wir haben einen Mobilfunkturm, den machen wir jetzt an. Die Leute zücken ihre Handys und beginnen sofort zu telefonieren. Plötzlich sehe ich hunderte, die weinen, schreien, lachen, auf und ab springen. Einfach weil sie ihren Eltern, Großeltern, Freunden sagen konnten: Hey, ich bin am Leben. Das war das Unglaublichste, was ich je gesehen habe. Soldaten gingen die Straße entlang, Menschen warfen ihnen Blumen entgegen, alte Frauen küssten junge Soldaten auf die Wangen. Es war sehr berührend.

Die Ukraine soll es Journalisten gerade schwer machen, an die Front zu kommen. Stimmt das?

Ja, das ist richtig. Ich glaube, die Ukrainer haben jetzt einfach festgestellt, dass sie zehntausende Akkreditierungen ausgestellt haben, ohne wirklich zu wissen, an wen.

Das heißt?

Es gibt viele tolle Journalisten dort, aber auch Leute, die sagen: Hey, ich bin Reporter, ich habe einen Youtube-Kanal. Das sind im Grunde Touristen, die nicht dort sein sollten. Die Behörden haben also alle Akkreditierungen für ungültig erklärt. Man muss sich jetzt neu bewerben. Auch ich warte noch. In Frontgebiete kommt man nur mit einem Pressesprecher. Die Ukrainer versuchen also, einen besseren Überblick zu bekommen. Natürlich geht es auch ein Stück weit darum, das Narrativ zu kontrollieren.

Wie kommen Sie mit all den schrecklichen Dingen klar, die Sie erleben?

Natürlich hinterlassen viele Erlebnisse Spuren. Aber jeder, der in die Ukraine geht, macht eine persönliche Risikobewertung und sagt am Ende: Trotz der Gefahr mache ich diesen Job, weil es wichtig ist. Es gibt kein besseres Gefühl, als jemanden zu treffen, der Schreckliches erlebt hat, und dessen Geschichte aufzuschreiben. Für die Leute ist das therapeutisch, weil ihnen jemand zuhört. Und ich bin am richtigen Platz zur richtigen Zeit und tue das, was ich tun will. Das ist großartig.

Wie kritisch kann man als Kriegsreporter bleiben, wenn die Rollen von Täter und Opfer so klar verteilt sind wie in der Ukraine?

Natürlich ist das auch ein Informationskrieg. Die Ukraine ist unglaublich erfolgreich darin, das Narrativ zu kontrollieren. Es ist ja auch einfach für sie, ich meine: Das Land wurde von Russland überfallen, es verteidigt sich, da gibt es keine Zweideutigkeiten. Aber es gibt Situationen, die kompliziert sind.

Zum Beispiel?

In einer der befreiten Städte, Lyman, wollten die Ukrainer, dass wir auf einem Friedhof unbedingt die „Massengräber“ fotografieren. Hunderte Gräber, sehr dramatisch. Es wäre einfach gewesen zu sagen: Die Russen haben all diese Menschen getötet. Aber viele, die da lagen, waren sehr alt – wer weiß, woran genau sie starben? Man sollte das als Reporter einfach im Hinterkopf behalten. Haben die Ukrainer Dinge getan, die nicht ins patriotische Narrativ passen? Natürlich. Wir alle haben Videos von Männern gesehen, die in der Moskauer U-Bahn einen Bescheid bekommen und zwei Wochen später an der Front stehen. Das passiert auch in der Ukraine, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in Russland. Das ändert aber die Grundsituation nicht.

Haben Sie nach dem Tod von Arman daran gedacht, den Job aufzugeben?

Nein, keine Sekunde lang. Die Aufgabe eines Journalisten ist es, all die tragischen Geschichten zu erzählen, die sonst verloren wären. Arman war so einer. Jetzt, da er weg ist, müssen wir anderen seinen Platz einnehmen.

Was denkt Ihre Familie?

Nach den ersten drei Monaten in der Ukraine war ich ziemlich erschöpft und flog zu meinen Eltern nach Los Angeles. Irgendwann erzählte meine Mutter, sie habe ihren Schwestern von meiner Arbeit in der Ukraine erzählt. Meine Mutter sagte ihnen: Es überrascht uns gar nicht, dass Caleb dort ist. Was ich sagen will: Ich glaube, alle haben sich daran gewöhnt.

Werden Sie wieder in die Ukraine reisen?

Das hängt davon ab, wann ich meine neue Akkreditierung bekomme. Ich würde sagen: innerhalb der nächsten ein, zwei Monate ist es so weit. Ich freue mich drauf.

Interview: Marcus Mäckler

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