HINTERGRUND

Die meisten Reporter sterben nicht in Kriegsgebieten

von Redaktion

München – Der Verein „Reporter ohne Grenzen“ (RSF) kämpft nicht nur für Pressefreiheit, sondern kümmert sich auch um Journalisten, die in Gefahr sind. Was viele nicht wissen: Die meisten Reporter sterben gar nicht in Kriegsgebieten – und getötet zu werden ist nicht das einzige Risiko. Die Gefahr, im Gefängnis zu verschwinden, sei viel größer, sagt Birger Schütz, RSF-Osteuropa-Experte. Meist sind es einem Regime lästige einheimische Journalisten.

57 Journalisten sind vergangenes Jahr weltweit bei der Ausübung ihres Berufs ums Leben gekommen, darunter sieben Frauen. Das sind aber nur die, die wir verifizieren können“, sagt Schütz. „Die Dunkelziffer liegt wohl höher.“ 20 Reporter starben in Kriegsgebieten wie der Ukraine, dem Jemen, Syrien, Palästina, Israel oder auf Haiti, wo seit dem Mord an Präsident Jovenel Moïse Mitte 2021 Bandenkriege im Gange sind.

Hotspot Mexiko

Die übrigen 37 traf es in Ländern, in denen es auch ohne Krieg gefährlich ist. Die schlimmste Region war vergangenes Jahr Lateinamerika mit 26 Toten. Am gefährlichsten: Mexiko mit elf Morden. „Das ist etwa ein Fünftel aller weltweit getöteten Journalisten“, sagt Schütz. Die Reporter recherchieren zum Drogenkrieg, über Geldwäsche oder Korruption in der Lokalpolitik – und werden beseitigt. Häufig, sagt Schütz, würden sie auf offener Straße erschossen. Die Zahl der in Mexiko ermordeten Reporter könne noch steigen, weil ein halbes Dutzend weiterer Fälle noch in Prüfung sei. In Brasilien wurden 2022 der britische „The Guardian“-Reporter Dom Phillips (57) und sein Begleiter Bruno Pereira (41) zerstückelt im Amazonas-Gebiet gefunden. „Sie hatten zum Kampf der Indigenen gegen Wilderei, Abholzung und illegalen Goldabbau recherchiert“, sagt Schütz.

533 sitzen in Haft

Mord ist aber nur ein Mittel, um Reporter zum Schweigen zu bringen. Viel größer ist die Zahl derer, die inhaftiert werden. 533 dauerhaft inhaftierte Journalisten, darunter 78 Frauen, hat RSF 2022 gezählt – so viele wie noch nie. Meist sind es einheimische Reporter. Mehr als die Hälfte gehen auf das Konto von fünf Ländern: China, Myanmar, Iran, Vietnam und Belarus.

„In China nehmen Zensur und Überwachung schon seit Längerem zu“, sagt Schütz. 100 chinesische Journalisten seien gesichert in Haft. In Myanmar sei die Zensur nach dem Militärputsch stark verschärft worden. Die Folge: mittlerweile 74 Inhaftierte. In Belarus zählt die Organisation derzeit 33 Inhaftierte, in Russland nur 24. „In Russland wirken die Mediengesetze schon wie vorgezeigtes Folterbesteck“, erklärt Schütz. Bis zu 15 Jahre Haft drohen unliebsamen Reportern. Unabhängige Journalisten flüchten deshalb ins Exil. „Wir vermuten, dass rund tausend Journalisten das Land verlassen haben.“ In der Ukraine sind laut „Reporter ohne Grenzen“ aktuell keine Reporter in Haft, auch nicht in den USA.  wha

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