Kiew/München – Die Katastrophe kam in der Nacht zum Dienstag. Um kurz vor 3 Uhr zerstörten Explosionen den Kachowka-Staudamm im Süden der Ukraine und das zugehörige Wasserkraftwerk. Russische Soldaten halten die Anlagen seit vergangenem Jahr besetzt. Die Gegend ist überschwemmt. 80 Dörfer sind bedroht. Der Kachowka–Staudamm ist ein Relikt aus Zeiten der Sowjetunion. 1956 erbaut, staute das 3,3 Kilometer lange Monstrum rund 18 Milliarden Tonnen Wasser zwischen Saporischschja und Nowa Kachowka und speiste weite Regionen im Süden bis hin zur Krim. Zudem versorgte das Kraftwerk drei Millionen Menschen mit Strom.
Nach der Annexion der Krim durch Moskau im Jahr 2014 hatte Kiew den Hahn abgedreht. Wenige Wochen nach der Invasion öffneten die russischen Besatzer den Zufluss wieder, sodass täglich 1,7 Millionen Kubikmeter Wasser die Krim erreichten. Dass der Damm nun eine Ruine ist, stellt also auch die Krim vor Probleme.
Alle Blicke richten sich nach Moskau
Seit Beginn des Krieges hatten sich Moskau und Kiew gegenseitig beschuldigt, den Staudamm zerstören zu wollen. Nun ist es passiert. Die Frage ist: Wer war es? Klare Belege gibt es bisher nicht, aber westliche Politiker und Experten sehen die Täter im Kreml in Moskau sitzen.
„Alles spricht dafür, dass die Russen den Damm gesprengt haben“, sagte der Militärexperte Carlo Masala am Dienstag. Moskau wolle Chaos stiften und die Gegenoffensive der Ukraine behindern. Eine Flussüberquerung sei die schwierigste Operation überhaupt für Streitkräfte, sagte der Professor der Bundeswehr-Universität in Neubiberg. Mit steigendem Wasser und der Überflutung beider Flussufer würden ukrainische Offensivoperationen an jener Stelle faktisch unmöglich.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj bezichtigt den Kreml, den Befehl zur Sprengung erteilt zu haben. „Das ist die größte menschengemachte Umweltkatastrophe in Europa seit Jahrzehnten“, sagte er. „Russland hat eine ökologische Massenvernichtungswaffe gezündet.“ Selenskyj wies die vom Kreml verbreitete Behauptung zurück, die Ukraine habe den Damm selbst zerstört und verwies darauf, dass der Staudamm von russischen Soldaten vermint worden sei. „Und sie haben ihn gesprengt.“ Kiew sieht das als Versuch, die geplante ukrainische Offensive auszubremsen. Man werde sich aber nicht von der Befreiung besetzter Gebiete abhalten lassen.
Auch sonst richten sich alle Blicke nach Moskau. Der Außenbeauftragte Josep Borrell und der EU-Kommissar für Krisenmanagement, Janez Lenarcic sprachen von einer „neuen Dimension russischer Gräueltaten. Russland gefährde nicht nur hunderttausende Zivilisten, sondern setze sein „rücksichtsloses nukleares Hasardspiel“ fort, indem es die Sicherheit des Kernkraftwerks gefährde. Der britische Außenminister James Cleverly sagte: „Vorsätzliche Angriffe auf rein zivile Infrastruktur sind ein Kriegsverbrechen.“
Die grüne Bundesaußenministerin Annalena Baerbock sagte, Russland missbrauche den Staudamm in Nähe eines Kernkraftwerks als „Kriegswaffe“. Kanzler Olaf Scholz (SPD) sprach von einer „neuen Dimension“. Die Sprengung sei eine gezielte Aktion Russlands, um eine militärische Offensive der Ukraine zu stoppen. „Das ist natürlich, bei allem was man annehmen kann, eine Aggression der russischen Seite, um die ukrainische Offensive zur Verteidigung des eigenen Landes aufzuhalten.“
Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg schrieb auf Twitter: „Dies ist eine ungeheuerliche Tat, die einmal mehr die Brutalität von Russlands Krieg in der Ukraine demonstriert.“ Tschechiens Außenminister Jan Lipavsky verglich die Tat wie Selenskyj mit dem „Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen Zivilisten.“ Auch Estland, Lettland und Litauen beschuldigen Russland, Polen sprach von „russischer Barbarei“.
Überflutungen auch in besetzten Orten
Moskau beschuldigt indes die Ukraine, den Staudamm beschossen und so zerstört zu haben. „Der Vorfall ist ein Terroranschlag, der sich gegen zutiefst zivile Infrastruktur richtet“, hieß es vom russischen Außenministerium. Verteidigungsminister Sergej Schoigu warf der Ukraine vor, durch die Zerstörung des Dammes „offensive Aktionen der russischen Armee in diesem Bereich der Front“ verhindern zu wollen. In einem seltenen Schritt gab Schoigu zudem den Tod von 71 russischen Soldaten bei Einsätzen zur Abwehr ukrainischer Angriffe bekannt. Die Ukraine habe „eine lange versprochene Offensive“ gestartet.
Die Zerstörung trifft Orte auch unter russischer Besatzung. In der Stadt Nowa Kachowka riefen die Besatzer den Notstand aus. Das Wasser sei um zwölf Meter angestiegen, sagte der von Russland eingesetzte Bürgermeister Wladimir Leontjew. „Die Stadt ist überflutet.“ Auf der russisch besetzten Seite des Flusses Dnipro sind Leontjew zufolge 600 Häuser in drei Ortschaften von den schweren Überschwemmungen betroffen. Laut dem ukrainischen Innenminister Igor Klymenko wurden 24 Ortschaften überschwemmt. „Rund eintausend“ Bewohner seien bereits evakuiert worden. Auch in der Großstadt Cherson steige das Wasser.
Die Bundesregierung hat der Ukraine Hilfe angekündigt. Deutschland werde der Ukraine zur Seite stehen, um diese Katastrophe zu bewältigen, sagte Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) Das THW bereite schon mit Hochdruck Hilfslieferungen vor.