München/Uffing – Es gibt da eine Anekdote aus Sepp Stückls Leben, die ganz gut beschreibt, warum er tut, was er tut. Stückl, Gründer der Schwuhplattler, dem weltweit ersten schwulen Verein, der sich dem Erhalt von bayerischem Brauchtum und Tradition verschrieben hat, sitzt vor Jahren fesch rausgeputzt in seiner Tracht im Bus, auf dem Weg zum Christopher Street Day in München. Er und seine Plattlerkollegen gingen dort jahrelang bei der Parade voraus. Im Bus fragt ihn eine ältere Dame, wo er denn hinfahre. „Zum CSD“, sagte Stückl. „Ah, gibt’s eine Gegendemo?“, entgegnet die Dame. Ein Urbayer mit Schnauzbart, Krachlederner und Filzhut zwischen Drag-Queens und allerlei anderen bunten Vögeln, das passt für sie so gar nicht zusammen. Stückl klärt die Dame auf. Und tatsächlich: „Später stand sie beim CSD am Straßenrand – und hat uns zugewunken.“ Da ist Sepp Stückl mal wieder unfreiwillig aktiv geworden. In seiner Rolle als Botschafter für die schwul-lesbische Gemeinschaft in Oberbayern.
71 Jahre ist Stückl mittlerweile alt. Er lebt noch immer in seinem Geburtsort, in Uffing am Staffelsee. Mit Ehemann Manfred und Boxerhund Roger. Doch sein Engagement für die Akzeptanz von Homosexuellen ist nach wie vor ungebrochen. Und das hat viel mit seiner persönlichen Geschichte zu tun.
Rückblick: Stückl ist in seiner Jugend tief verwurzelt in seiner Heimat. Ministrant, Hilfsmesner, mit 21 Jahren Vorstand des örtlichen Trachtenvereins. Doch nach und nach spürt er, dass er Männer liebt. Das, was sein katholischer Glaube ihm damals verbietet. „Man kämpft dagegen an. Und man verliert den Kampf“, sagt er heute über diese Findungsphase.
Anfangs kann er sich nicht identifizieren mit den wenigen, die sich damals offen schwul zeigen. „Das waren die Schrillen, die Künstler, Schauspieler und Modemacher. So war ich nicht.“ Aber als er in den 80er-Jahren in Tanz- und Wandergruppen andere Homosexuelle kennenlernt, merkt er: Es gibt viele, die so sind wie er. Heimatverbunden, traditionsbewusst. Und schwul.
Aus dem örtlichen Trachtenverein zieht er sich zurück, als er bemerkt, dass seine alten Freunde wegen seiner Homosexualität immer mehr auf Distanz zu ihm gehen. Auch der katholischen Kirche kehrt er den Rücken gekehrt – und findet bei den Alt-Katholiken eine neue Heimat. Doch die Leidenschaft fürs Brauchtum lässt ihn nicht los. Und als aus einer Laune heraus mit mehreren Bekannten 1997 eine erste Plattlprobe entsteht, sind die „Schwuhplattler“ geboren. „Es gab sofort eine Reihe von Anfragen, ob wir nicht auftreten wollen“, erzählt Stückl. Sein Verein wächst und wächst. Heute sind es über 100 Mitglieder. Ungefähr ein Drittel davon aktive Plattler. Zuletzt sind wieder fünf neue dazugekommen. Unter anderem aus Brasilien. „Wahnsinnig gute Plattler, die kommen vom Tango, die haben das Tanzen im Blut.“
Auch beim CSD am kommenden Wochenende werden die Schwuhplattler wieder mit dabei sein. Seit 1999 beteiligen sich die Plattler an der Parade. „Da hat sich viel gewandelt“, sagt Stückl. Er hat die Rufe aus den Münchner Fenstern noch im Ohr, als der damalige OB Christian Ude zum ersten Mal an der Veranstaltung teilnahm. Was der OB bei diesem „Saustall“ zu suchen habe. So war der Tenor. Auch die repressive Gangart des damaligen Kreisverwaltungsreferenten Peter Gauweiler und die scharfe Linie der CSU gegen homosexuelle Partnerschaften hat Stückl nicht vergessen. „Deswegen verstehe ich das Misstrauen mancher beim CSD gegenüber einem eigenen Wagen der CSU.“ Die alten Wunden seien noch nicht verheilt. Für Stückl ist der CSD immer noch eine Demonstration. Nicht nur eine Party, wie für viele jüngere Teilnehmer.
Und doch sei die Gesellschaft heute eine ganz andere als in den Zeiten, in denen Stückl zum ersten Mal beim CSD für mehr Schwulenrechte auf die Straße ging. „Es ist gut und wichtig, dass sich heute auch bei der CSU Politiker offen schwul zeigen.“ Zuletzt hat ihm sogar der CSU-Ministerpräsident Markus Söder den bayerischen Verdienstorden überreicht.
Und so zielt Stückls größter Wunsch auch auf sein Herzensprojekt. „Mein Wunsch wäre, dass es uns Schwuhplattler irgendwann gar nicht mehr braucht.“ Und dass heimatverbundene Homosexuelle sich auch in den örtlichen Vereinen willkommen fühlen. „Ich bin sehr froh, dass das immer häufiger auch schon so ist.“ Da spricht er wieder, der Botschafter. Wie damals im Bus zum CSD.