6 FRAGEN AN
Der Historiker Benno Gammerl (47) stammt aus Eichstätt, ist Professor für Gender- und Sexualitätengeschichte in Florenz und hat jüngst wie berichtet das Buch „Queer – eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute“ veröffentlicht.
Wie war das im Kaiserreich mit dem Queersein?
Man denkt an Preußentum, Pickelhaube, Männerwelt und Marschmusik. Doch das Kaiserreich war teils überraschend liberal. Ein Beispiel: Ab 1899 erschien unter der Leitung des Sexualforschers Magnus Hirschfeld das Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen. Und in München forderte der Jurist und Publizist Karl Heinrich Ulrichs schon 1867 öffentlich, Homosexualität nicht zu kriminalisieren.
Andererseits wurde 1871 Paragraf 175 eingeführt.
Ja, er stellte „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern unter Strafe.
Warum nicht auch zwischen Frauen?
Das gab es in Österreich, aber nicht im Deutschen Reich. Man hielt das nicht für ein Problem, weil man dachte, dass Frauen kein eigenes sexuelles Begehren kennen. Frauen sollten schwanger werden und Kinder kriegen – Vergewaltigung in der Ehe war keine Seltenheit.
Erst 1994 wurde der „Schwulenparagraf“, wie er oft genannt wurde, endgültig abgeschafft.
In der DDR wurde ein entsprechender Paragraf bereits 1989 gestrichen, kurz vor dem Fall der Mauer. Da hat man im Zuge der gesetzlichen Vereinheitlichung in der BRD nachgezogen.
Welche Rolle spielt München in der Geschichte?
Im Nazi-Deutschland war es überall gleich: Null Toleranz, es drohte Verfolgung, Folter und Tod. Es gab eine Reichszentrale zur Bekämpfung von Homosexualität und Abtreibung. Die Ideologie war zutiefst heterosexistisch, es ging um Fortpflanzung. Als einige Nazis selbst in den Ruf kamen, schwul zu sein – siehe Ernst Röhm –, inszenierte sich Hitler als brutaler Saubermann. Die SS-Männlichkeit war wider Willen ambivalent. Einerseits eine reine Männerveranstaltung, auf der sich Männer andererseits nicht zu nahe kommen sollten.
Und München vor und nach den Nazis?
Denken Sie an Schwabing um die Jahrhundertwende mit seinen starken Frauen und seiner brodelnden Sexualität. Denken Sie an die 70er-Jahre mit ihrer neuen Freizügigkeit, an die 80er, als in Zeiten von Aids Tausende gegen etwaige CSU-Pläne zur Internierung von Prostituierten und Homosexuellen auf die Straße gingen. München war immer wieder vorne mit dabei, wenn es um Toleranz und Buntsein geht.
Interview: Matthias Bieber