München – Heute ist der internationale Tag des Kusses. Dr. Wolfgang Krüger, Psychotherapeut und Buchautor, hat sich ausgiebig mit dem Thema Liebe und Küssen beschäftigt. Im Gespräch erklärt er, was beim Küssen im Körper passiert, welche Bedeutung der Kuss für eine Beziehung hat – und warum Küssen eigentlich eine ziemlich schwierige Angelegenheit ist.
Herr Krüger, wie wichtig ist der Kuss für eine Beziehung?
Küssen ist die intensivste Form der erotischen Annäherung. Noch viel intensiver als Sexualität und Zärtlichkeiten. Deshalb ist es ein Problem, dass in vielen Partnerschaften im Lauf der Zeit das Küssen nachlässt und es nur noch zu einem Kuss-Ritual zum Abschied oder der Begrüßung wird. Das mangelnde erotische Küssen zeigt eine Entfremdung in der Partnerschaft. Es ist also ein Frühwarnsignal dafür, dass in einer Beziehung etwas nicht mehr stimmt.
Was kann man tun, wenn man dieses Frühwarnsignal bemerkt?
Der einfache Rat ist natürlich: Mehr küssen! Dass man sich wie am Anfang einer Beziehung hinstellt und sich fünf, zehn Minuten lang küsst, bis einem fast das Gehirn explodiert vor lauter Lust. Aber in der Regel gibt es ja einen Grund dafür, dass die Küsse weniger geworden sind.
Zum Beispiel?
Wenn man sich von seinem Partner gekränkt fühlt oder sich entfremdet hat, gibt es natürlich eine Tendenz zum Rückzug. Wir küssen den anderen nur gerne, wenn wir uns wohl und verstanden fühlen. Also müssten wir in einer etwas eingerosteten Beziehung vorbereitende Maßnahmen durchführen. Dem Partner Anerkennung geben, ihn oder sie fragen: Was kann ich tun, damit du glücklich bist? So entsteht wieder eine Bereitschaft zur Intimität. Und dann kommen auch wieder die Küsse. So wie am Anfang der Partnerschaft, als man frisch verliebt war.
Die Deutschen küssen im Schnitt zwei- bis dreimal am Tag. Ist das zu wenig?
Ja, das ist insgesamt zu wenig. Es gibt Länder, in denen die Menschen deutlich leidenschaftlicher sind. Im Mittelmeerraum zum Beispiel, in Italien oder Spanien.
Was passiert in unserem Körper bei einem Kuss?
Das Küssen ist die Explosion der Sinne. Der Kuss findet im Gesicht statt, da sind alle fünf Sinne daran beteiligt. Wir wissen, dass die Partnerschaften von Paaren, die gut küssen, erheblich länger sind. Dass Küssen das Leben verlängert. Und glücklich macht.
Küssen ist also gesund?
Natürlich! Ein Kuss geht körperlich durch und durch. Wir bemerken, dass wir mit allen Sinnen erregt sind. Es werden jede Menge Glückshormone ausgeschüttet. Das stabilisiert auch das Immunsystem. Und Küssen beugt sogar Falten vor, weil eine ganze Reihe von Gesichtsmuskeln betätigt werden und die Haut im Gesicht stärker durchblutet wird.
Forscher haben kürzlich herausgefunden, dass schon viel länger aus Liebe geküsst wurde als bislang angenommen: seit mindestens 4500 Jahren. Aber warum eigentlich?
Es gibt zwei Theorien. Die eine besagt, es hat sich aus der Weitergabe von Nahrung entwickelt. Früher gab es ja keinen Mixer, also haben die Frauen die Nahrung für ihre Kleinkinder vorgekaut und von Mund zu Mund gegeben. Das Küssen hat sich dieser Theorie zufolge also aus der Nahrungsübermittlung entwickelt. Es gibt aber auch die These, dass das Küssen von Anfang an die Form einer erotischen Annäherung war – und das offenbar schon viel länger, als wir eigentlich gedacht haben.
Hat sich der Akt des Küssens über die Jahrtausende gewandelt?
Eigentlich ist das nahezu unverändert geblieben. Wobei man schon sagen muss, dass das Küssen eine sehr schwierige Angelegenheit ist.
Tatsächlich?
Oh ja! Küssen ist eigentlich ein Dialog der Körper. Und dabei muss man sowohl – körperlich gesprochen – zuhören und reden können. Ich muss dem anderen sinnlich etwas geben und gleichzeitig spüren, wo der andere ist. Nun gibt es gerade bei Männern den überwältigenden Küsser, der einfach drauflosküsst wie im Hollywoodfilm. Davon fühlen sich viele Frauen aber überfordert. Und es gibt den anderen Typus, der total zurückhaltend und schüchtern ist. Auch nicht ideal.
Ideal wäre?
Beim Küssen braucht man eigentlich beides: Man muss über Persönlichkeit und Temperament verfügen und dem anderen etwas zeigen können, aber andererseits kommunikativ sein und zuhören können. Küssen ist in gewisser Weise auch ein Test der eigenen Persönlichkeit. Deswegen lassen Frauen einen Mann, der nicht küssen kann, öfter links liegen und fangen auch keine Partnerschaft mit ihm an.
Männer sind da weniger anspruchsvoll?
Männer haben dazu eine andere Einstellung, da ist die Sexualität manchmal wichtiger als der Kuss. Frauen sind da schon anspruchsvoller, geschickter und sensibler, das muss man klar sagen.
München gilt als Bussi-Bussi-Hauptstadt. Was ist der Unterschied zwischen einem Bussi und einem Kuss?
Bussi Bussi ist nur ein Ritual. Das geht mit jedem, egal wie sehr ich mich zu jemandem hingezogen fühle. Der erotische Kuss ist etwas ganz anderes. Da wird mehr Nähe, mehr Intimität hergestellt als bei der Sexualität.
Gibt es Küsse eigentlich nur beim Menschen?
Es gibt Forscher, die sagen, dass es bei Affen Küsse gibt. Und auch bei Fischen gibt es entsprechende Beobachtungen. Aber wissenschaftlich genau belegen kann man nicht, ob das wirklich aus Zuneigung passiert oder aus anderen Gründen.
Nun küsst der Mensch schon seit Jahrtausenden. Wird das auch so bleiben? Oder gewöhnen wir uns das irgendwann ab?
Das wird immer erhalten bleiben. Küssen und Sexualität sind die beiden Annäherungen, die wir haben, um für einen Moment miteinander zu verschmelzen. Damit können wir den Abstand, den wir im Alltag zu anderen Menschen haben und unter dem wir auch gelegentlich leiden, aufheben. Etwas so Beglückendes wird für immer bleiben.
Interview: Dominik Göttler