Das Ritterturnier: Vom Marketing-Gag zu Deutschlands bester Liveshow

von Redaktion

Kaltenberg – Ein paar Reiter auf einer Wiese, dazu ein Flohmarkt – das erste Kaltenberger Ritterturnier im Jahr 1980 ließ noch nicht erahnen, welche Dimensionen die Veranstaltung eines Tages annehmen würde. Die erste Rittergruppe stammte aus England. Luitpold Prinz von Bayern, Chef der damals kleinen und unbekannten Schlossbrauerei Kaltenberg, organisierte das Turnier als Marketing-Gag zur Eröffnung eines Restaurants auf dem Schlossgelände. Und schon damals zündete die Idee.

Man hatte mit 500 Besuchern gerechnet, es kamen 6000. Sogar das Fernsehen berichtete über „das erste Ritterturnier nach mehr als 400 Jahren Pause“, wie es in den Annalen Kaltenbergs heißt. Luitpold von Bayern bettete das Event von Anfang an in einen historischen Kontext und verwies darauf, dass Augsburg und München im Mittelalter für Ritterturniere bekannt gewesen seien und seine Familie noch die Turnierbücher der Vorfahren besitze.

Um die Arenashow herum wuchs ein Rahmenprogramm mit professionellen Gauklern, Feuerspuckern, Schlangentänzern, Kraft- und Sprungakrobaten. Fanfarenzüge in traditionellen Kostümen sorgten für noch mehr Mittelalterflair. Und das Turnier bestritten bald nicht mehr die halbprofessionellen Reiter aus London, sondern französische Vollprofis um Jackie Venon, Stuntdouble von Filmstars wie Alain Delon und Jean-Paul Belmondo.

Ende der 1980er-Jahre entstand die Arena als Schauplatz für die perfekt choreografierten Ritterkämpfe. Das Marktgelände mit Verkaufsständen und den Lagern zahlreicher Mittelaltergruppen wurde sukzessive erweitert – nach 20 Jahren war die bespielte Fläche fünfmal so groß wie am Anfang. Zusätzliche Bühnen wurden errichtet, aus dem ursprünglich einen Turnier-Wochenende wurden drei.

„Das Ganze ist organisch gewachsen“, sagt Heinrich Prinz von Bayern. Der Sohn Luitpolds durfte als Bub Holzschwerter testen („ob sie auch ordentlich was aushalten“), wuchs mit dem Turnier als „großem Abenteuerspielplatz“ auf und übernahm vor neun Jahren die Geschäftsführung. Dazu gehört auch die Entwicklung immer neuer Geschichten für die Turnierhandlung mit aufwendigen Spezialeffekten, neuen Stunts, Kostümen, Bühnenbildern. Als Darsteller donnern seit 2005 die Reiter der Gruppe Cavalcade des französischen Pferdetrainers Mario Luraschi durch die Arena. Auf dessen Wunsch wurde gar ein unterirdischer Zugang gebaut, durch den die Darsteller spektakulär auftauchen und verschwinden können.

Langjährige Kaltenberg-Besucher dürften auf dem Gelände alle Facetten des Sommerwetters miterlebt haben – von sengender Sonne bis zum Wolkenbruch. Abhilfe für einen Teil der Zuschauer brachte eine freitragende Überdachung von 3000 Arena-Sitzplätzen. 2019 ließ Heinrich von Bayern zudem die sogenannte Königsloge neu bauen, um sie als bespielbare Fläche nutzbar zu machen.

„Wenn man stehen bleibt, wird man links und rechts überholt“, sagt der 37-Jährige. „Selbstverliebt zurücklehnen“ will er sich deswegen auf keinen Fall. An der Notwendigkeit, das Publikum durch ständige Erneuerung des Programms bei der Stange zu halten, ändert auch der Veranstalterpreis Live-Entertainment-Award (LEA) als beste Liveshow Deutschlands nichts, mit der das Ritterturnier 2017 ausgezeichnet wurde. ULRIKE OSMAN

Artikel 3 von 4