Kaltenberg – Ab dem kommenden Wochenende werden auf Schloss Kaltenberg wieder die Schwerter gekreuzt. Zum Kaltenberger Ritterturnier gehören neben den professionellen Stuntreitern auch hunderte von Laiendarstellern. Einer von ihnen ist Florian Pelz, 39. Schon fast sein halbes Leben lang ist der 1,95-Meter-Mann (Spitzname: „Baum“) einer der Schwarzen Ritter zu Kaltenberg. Während er im normalen Leben als Notfallsanitäter Menschen zu Hilfe eilt, darf er in seiner Rolle nach Herzenslust böse sein. Im Gespräch erzählt der Mittelalter-Fan, warum das so viel Spaß macht und was ihn all die Jahre in Kaltenberg gehalten hat.
Herr Pelz, seit wann gibt es die Schwarzen Ritter zu Kaltenberg?
Am Turnier beteiligt sind wir schon weit über 30 Jahre. Als Verein gibt es uns aber erst seit 2017. Wir haben knapp 70 Mitglieder aus einem recht großen Einzugsgebiet. Manche haben eine Anreise von 150 bis 200 Kilometern. Trotzdem machen fast alle aktiv mit. Ich selbst bin seit 2005 jedes Jahr dabei.
Was macht nach der langen Zeit noch den Reiz des Ritterturniers aus?
In den ersten Jahren war es das ganze Flair, die Faszination der Show. Es ist überwältigend, wenn man vor 10 000 Zuschauern in die Arena einläuft. Da haben auch wir als Darsteller Gänsehaut. Im Laufe der Zeit ist noch etwas anderes hinzugekommen, nämlich der Zusammenhalt hier am Platz und die Interaktion mit den Veranstaltern. Wir haben zu den meisten anderen Mitwirkenden ein freundschaftliches Verhältnis. Man freut sich jedes Jahr, die Leute aus den anderen Gruppen wiederzutreffen. Auch meine Frau habe ich hier kennengelernt. Seitdem hänge ich noch viel mehr an Kaltenberg.
Wie bereiten Sie sich auf die neue Saison vor?
Es geht im April mit den ersten Proben los, bei denen man sich grob damit beschäftigt, worum es dieses Jahr in der Geschichte geht. Gleichzeitig beginnen die Arbeiten an unserem Lager – das Herbstlaub entfernen, saubermachen, aufräumen. Um unsere über 30 Jahre alten Rüstungen kümmern wir uns das ganze Jahr über. Man muss sie pflegen, ölen, brüchige Lederriemen austauschen. Vor jedem Showtag werden die Rüstungen noch einmal überprüft und hinterher gereinigt. Für unser Lager bauen wir heuer in Eigenregie einen neuen Torturm mit Durchgang und darüber einer bespielbaren Fläche. Wir haben in unseren Reihen einen Haufen Handwerker und andere Fachleute – Zimmerer, Schlosser, Gartenbauer, Statiker. Mit dieser Schwarmintelligenz kann man relativ viel machen. Bei schwierigeren Arbeiten wie der Elektrik unterstützen uns die Handwerker des Ritterturniers. Material und Maschinen stellt uns der Veranstalter zur Verfügung.
Sie sind nicht nur Teil der Arenashow, sondern treiben auch Ihre Späße mit den Besuchern …
Mit Frauen machen wir den Hexen-Test (der immer gut ausgeht), Männer werden geteert und gefedert. Die Leute dafür ziehen wir uns spontan aus dem Publikum. Das Teeren und Federn ist vor allem bei Junggesellenabschieden beliebt. Da zeigen uns die Freunde vorher den Bräutigam, und der macht mit, weil der Gruppendruck so groß ist. (Lacht.) Hinterher darf er duschen, allerdings haben wir nur kaltes Wasser.
Beruflich retten Sie Leben, im Gespräch wirken Sie sympathisch und nett. Worin liegt für Sie der Reiz, einen der Bösewichte zu spielen?
Die böse Rolle ist die interessantere. Man darf mehr, kann Menschen auch mal in einer Weise ansprechen, wie man das im normalen Leben nie tun würde. Wenn ich zum Beispiel nach der Show fix und fertig aus der Arena komme und ein Gast mich nervt, kann ich den anblaffen und gehen – das gehört zur Rolle. Außerdem verträgt sich das Böse besser mit Humor. Nobel sein und Witze reißen, das passt nicht zusammen. Und wir haben eine wichtige Funktion: Ohne eine guten Bösewicht gibt es auch keine Helden.
Überrascht es Sie selbst, was für Seiten da an Ihnen zum Vorschein kommen?
Nein, es ist ja gewollt. Aber Menschen, die mich kennen, sind manchmal überrascht. Letztes Jahr war mein Chef da. Ich habe ihn noch in Zivil am Parkplatz abgeholt, mich dann umgezogen und bin in die Rolle geschlüpft. Er fand es erstaunlich, wie ich mich dadurch veränderte und in seinen Augen ein ganz anderer Mensch wurde. Ich kenne übrigens auch die andere Seite. Beim Kaltenberger Weihnachtsmarkt bin ich als guter Prinz aus Grimms Märchen auf dem Gelände unterwegs. Die ganze Zeit freundlich und lächelnd durch die Gegend zu laufen ist regelrecht körperlich anstrengend.
Wie klappt die Zusammenarbeit mit den professionellen Darstellern der Stuntgruppen Cavalcade und Merlet?
In den letzten Jahren hat sich das unglaublich verbessert. Am Anfang gab es schon noch eine gewisse Kluft zwischen Profis und Laien. Aber zu den Mitgliedern der tschechischen Stuntgruppe Merlet, die uns im Schwertkampf trainieren, haben wir inzwischen ein freundschaftliches Verhältnis. Ich habe einige von ihnen schon privat in Prag besucht. Mit den Franzosen arbeiten wir auch sehr gut zusammen. Allerdings können nicht alle fließend Englisch, das schränkt die Kommunikation ein bisschen ein. Grundsätzlich aber haben hier alle von der Chefetage bis zur kleinsten Rolle ein sehr gutes Verhältnis. Auch das macht für mich den Reiz von Kaltenberg aus.
Nach vielen Jahren mit Frédéric Laforet in der Rolle des Schwarzen Ritters gibt es heuer mit Ludovic Gortva einen neuen Hauptdarsteller. Haben Sie ihn schon kennengelernt?
Ja, auch er ist ein Urgestein hier am Platz und hat lange die Rolle des Guten gespielt. Die Zusammenarbeit wird sicher reibungslos laufen.
Was macht einen guten Schaukampf aus?
Wichtig ist Abwechslung. Der pure Schwertkampf, den einige von uns privat als Sport betreiben, wäre für den Zuschauer total uninteressant, weil die Bewegungen viel kleiner sind und Treffer oft gar nicht gesehen werden. Im Schaukampf kann man auch mal einen Faustkampf einbauen oder mit verschiedenen Gegenständen aufeinander einschlagen. (Lacht.) Wichtig sind große Bewegungen. Wir holen auch mal hinter dem Rücken aus, was man im Schwertkampf nie tun würde, weil man dadurch seine Körperflanke aufmacht und sofort einen Treffer kassieren würde. Aber in der Arena sitzen die Leute bis zu 50 Meter weg. Die müssen ja sehen, dass da etwas passiert.
Interessieren Sie sich auch abseits von Kaltenberg für das Mittelalter?
Ja, ich war früher auch in Gruppen auf normalen Mittelaltermärkten. Die Zeit haben meine Frau – die von Beruf Tierärztin ist – und ich nicht mehr, weil wir beide oft am Wochenende arbeiten. Unsere freien Wochenenden im Sommer gehen ziemlich für das Ritterturnier drauf.
Was ist Ihnen aus all der Zeit an Pleiten, Pech und Pannen in Erinnerung geblieben?
In der Arena gab es im Laufe der Jahre ein, zwei schwerere Unfälle. Das ist der nicht so schöne Teil des Turniers, weil man die Menschen ja gut kennt. In unserer Gruppe selbst ist nie etwas Dramatisches passiert. Ein Dauerthema ist das Wetter – Kaltenberg hat ein interessantes Mikroklima. Es scheint die Sonne, und zwei Minuten später schüttet es. Bevor die Oberflächenkanalisation eingebaut wurde, sind wir beim großen Gelände-Umzug schon durch wadentiefes Wasser gewatet. In der Ritterrüstung einen Hagelschauer abzubekommen ist auch eine interessante Erfahrung. Das gibt schöne Geräusche.
Interview: Ulrike Osman