„In einer Frauengruppe ist die Dynamik ganz anders“

von Redaktion

INTERVIEW Die Münchnerin Luisa Deubzer ist mit dem Frauenkader des Alpenvereins zur Abschlussexpedition nach Grönland unterwegs

München – Heute beginnt die Reise in den Osten Grönlands. In einem Tal nahe der Siedlung Kulusuk steht dort die mehrwöchige Abschlussexpedition des Frauenkaders des Deutschen Alpenvereins an. Seit 2011 gibt es ihn, das aktuelle Team ist das fünfte. Mit dabei: die Münchnerin Luisa Deubzer (29). Wir haben vor dem großen Abenteuer mit ihr gesprochen.

Frau Deubzer, woran denken Sie bei Grönland als erstes?

Natürlich an Eis, aber auch Fels und Granitwände. Fjorde und Gletscher, die bis an das Meer gehen. Es gibt auch Vegetation, kleine Siedlungen, und Wildtiere. Da, wo wir hinreisen, kann es auch Eisbären geben.

Was wissen Sie schon über die Expedition?

Wir wissen schon, in welches Tal wir wollen. Die Frage ist nur, ob wir da hinkommen. Wir werden mit dem Boot hingefahren und das muss das Eis im Fjord zulassen. Sonst müssten wir uns einen Plan B überlegen, weiter vorne am Fjord. Noch sind die Bilder relativ begrenzt, die wir haben. Es waren da einfach noch so nicht viele Menschen. Wir haben die Idee von einer Wand, von der wir schon Bilder gesehen haben und die etwa 1000 Meter hat. Aber man muss flexibel sein und ein paar Details müssen wir auch noch klären.

Was zum Beispiel?

Zum Beispiel, in welchem Stil wir es klettern wollen. Verwenden wir Bohrhaken und können dadurch eine schwierigere Linie wählen, die weniger auf durchgehende Verschneidungen und Risse angewiesen ist, oder klettern wir klassisch und mit Absicherung, die wieder mitgenommen wird.

Der letzte Kader der Männer hatte seine Expedition im Süden Grönlands. Ist die Insel aktuell im Trend bei Erstbesteigern?

Nicht speziell, nein. Es ist eher Zufall, dass wir jetzt auch da sind. Für uns ausschlaggebend waren die CO2-Werte. Da hat Grönland deutlich besser abgeschnitten als Pakistan, was unsere zweite Wahl gewesen wäre. Schon wenn man die Flüge vergleicht und sowieso, wenn wir gesegelt wären, was wir lange so geplant hatten.

Gesegelt?

Es war ein langer Weg in unserer Gruppe, bis wir uns gemeinsam entschieden haben, von Island beziehungsweise Norwegen aus zu segeln. Es wäre mit Risiken verbunden gewesen, etwa viel länger als geplant zu brauchen und dann weniger Zeit im Basislager zu haben. Zudem kamen auch die Kosten und die Frage, ob sie im Verhältnis zur eingesparten CO2-Menge stünden. Letztendlich ging es uns darum, CO2 einzusparen und um die Botschaft dahinter.

Und warum fliegen Sie nun doch?

Leider hat es mit dem Segler, mit dem wir Kontakt hatten, im letzen Moment nicht geklappt. Und dann mussten wir uns innerhalb von einem Tag entscheiden, auch da fast keine Flüge mehr verfügbar waren.

Ziel der Reise ist im besten Fall eine Erstbegehung. Das Gefühl kennen Sie schon…

Genau, am Riffelkopf an der Zugspitze haben wir das im letzten Herbst gemacht. Zu wissen, dass man da an diesem Ort als erstes ist, war schon eines der Highlights der letzten drei Jahre. Es hat mir auch noch mehr Vertrauen gegeben in andere Routen, dass es immer irgendwie weitergeht, selbst wenn man mal von der Route abkommen sollte.

Wobei hat die Zeit im Kader am meisten geholfen?

Am meisten dazugelernt habe ich im Eis- und Mixedgelände. Aber allgemein auch dabei, Situationen besser und strukturierter zu beurteilen. Wenn es darum geht, zu entscheiden, ob man weitergeht oder nicht und Bedingungen einschätzen muss. Das war auch eine große Motivation, mich für den Kader zu bewerben. Oft hatte ich früher das Gefühl, mir würde Erfahrung fehlen, um gute und eigene Entscheidungen zu treffen. Da habe ich jetzt mehr Erfahrung und Selbstvertrauen. In dieser Hinsicht hat es mir persönlich auch sehr geholfen, dass es ein reiner Mädels-Kader ist.

Inwiefern?

Ich gehe zwar gerne mit Freunden und meinem Partner in die Berge. Aber der Kader hat eine super Lernumgebung geschaffen, dadurch, dass klassische Gender-Rollenbilder in einer gleichgeschlechtlichen Gruppe nicht relevant waren. Da wir ja alle mehr oder weniger geprägt sind von gewissen Rollenbildern, passiert es in gemischten Gruppen halt doch mal leichter, dass an kritischen Stellen automatisch die Männer vorgehen und entscheiden. In einer Frauengruppe ist diese Dynamik ganz anders und hat es mir leichter gemacht in Bereichen, in denen ich noch nicht so viel Erfahrung hatte, dazuzulernen.

Wie geht es für Sie nach der Zeit im Kader weiter?

Profialpinismus reizt mich persönlich nicht so. Ich arbeite bei einer Umweltorganisation in der Schweiz und habe da nebenher noch viel Zeit, zu trainieren und die Projekte in den Bergen anzugehen, die ich machen will. Auch würde mir der Druck, als Profi liefern zu müssen, und den Aufwand, den man zwangsläufig in Selbstvermarktung stecken muss, glaube ich nicht taugen. Aber ich bin sehr motiviert, mich in dem Bereich, für den der Kader den Grundstein gelegt hat, weiterzuentwickeln und mir hier noch ein paar Träume zu erfüllen.

Interview: Thomas Jensen

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