Mit Pioniergeist auf dem Weg nach oben

von Redaktion

VON THOMAS JENSEN

München/Hauenstein – Absturz in die Gletscherspalte. Vom Bergkameraden ist nichts zu hören – er ist wohl nicht mehr bei Bewusstsein. Luis Funk darf keine Zeit verlieren, er greift an seinen Klettergurt. Dort baumeln Rebschnüre, Karabiner und kleinere Metall-Werkzeuge. Er braucht sie, um einen Schweizer Flaschenzug aufzubauen. Mit dieser Technik könnte er den angeseilten Partner aus eigener Kraft nach oben ziehen. Mit der Geschwindigkeit eines Revolverhelden löst er einen kleinen eckigen Gegenstand vom Gürtel. Doch dann stockt der Münchner. Er ist nicht sicher, wie rum er ihn am Seil anbringen muss. „Immer dasselbe mit der Mini-Kontraktion“, murmelt er.

Zum Glück geht es seinem Kletterpartner David Schneider gut. Er liegt auch nicht in einer Gletscherspalte, sondern sitzt zwei Meter hinter Funk auf dem Boden. Alles nur eine Übung. Hinter ihm erstrecken sich statt schneebedeckter Gipfel die Baumwipfel des Pfälzer Waldes im beschaulichen Hauenstein nahe der deutsch-französischen Grenze. Vor ihnen ragt eine etwa 15 Meter hohe Steinwand in den Himmel. Die beiden gehören zu einem Team des Deutschen Alpenvereins, aus dem in den nächsten Monaten der neue Expedkader ausgewählt wird.

Der Expeditionskader des Deutschen Alpenvereins ist ein Nachwuchsprogramm für besonders engagierte Jungalpinisten. Das Ziel: den begabten Nachwuchs auch für extreme Bergtouren auszubilden. Der Lohn nach den mehrjährigen Mühen: eine Abschlussexpedition, bei der nach Möglichkeit auch eine Route erstbegangen wird. So werden die Jungbergsteiger zu Pionieren.

In der Pfalz gab es nun das erste gemeinsame Kletter-Camp für den kommenden Kader. An diesem Tag üben die zwölf Männer zwischen 19 und 25 Jahren die behelfsmäßige Bergrettung, also wie man sich selbst aus Notlagen am Berg befreit. Sie könnten das bald brauchen. In Fels, Schnee und Eis sollen sie in den nächsten drei Jahren bei ihren Lehrgängen zu Spitzen-Alpinisten reifen. Alpinisten, die auch in erster Hilfe und Lawinenkunde geschult sind. Denn „ein guter Alpinist ist auch im Notfall autark“, sagt ihr Trainer Christoph Gotschke. Er ist Bergführer und leitet das Programm – 2004 und 2005 durchlief er es selbst.

Bei den Lehrgängen wird er von weiteren Bergführern unterstützt – gut möglich, dass aus dem aktuellen Team auch einige diesen Beruf ergreifen werden. Gesetzt ist das aber nicht. Andere gehen nach ihrer Zeit im Kader nur noch in der Freizeit auf den Gipfel. Aber auch Karrieren wie die des Münchners David Göttler sind möglich, der inzwischen auf den höchsten Gipfeln der Welt zu Hause ist. Er war vor gut 20 Jahren Mitglied des ersten DAV-Kaders. Auch damals gab es schon die Abschlussexpedition. Und mit dem vorherigen Kader war Trainer Gotschke 2023 in Grönland, zwei unbekannte Wände erklommen die Teilnehmer. Auf die größte Insel der Welt reist nun auch der Frauenkader (siehe Interview unten).

Luis Funk kennt das schon, eine Route in einer Wand als Erster zu durchklettern. Am Wilden Kaiser in Tirol hat er mit Jonas Fertig, der wie er in Innsbruck studiert und zum Team gehört, die Route „Boxer Short“ erschaffen. Aus der Not heraus. „Es hatte geregnet und nur dieser Teil der Wand ist trocken geblieben“, erzählt Funk während der Brotzeitpause im Schatten der Baumkronen. Im trockenen Teil der Wand bohrten sie die neue Route selbst ein. Als die beiden ihre Route später kletterten, war es viel zu warm für die langen Hosen, die sie dabei hatten. Also blieben die Hosen unten – daher der Name der Tour.

Beim Klettern ist der Sendlinger, der in der DAV-Sektion München und Oberland aktiv ist, in seinem Element. Er nahm an Jugend-Weltcups teil, doch irgendwann interessierte ihn der echte Fels mehr als die bunten Griffe in der Halle. „Ohne den Wettkampfdruck macht es mir mehr Spaß“, sagt er. Er kletterte nach dem Abitur in Südfrankreich, Spanien und den USA. Nun möchte er „ein Allrounder werden, mich also deutlich verbessern im Eis und bei Hochtouren“, sagt er. „Irgendwo in einer abgelegenen Gegend eine fette Wand erstzubegehen, wäre schon ein Traum.“

An diesem Tag geht es allerdings nicht nur um fette Wände, sondern auch um kleine Tierchen. Als die Gruppe am Fuß der Wand angelangt ist, deutet Gotschke auf den Boden. Im feinen Kies sind kleine Mulden zu erkennen. „Weiß jemand, was das ist?“, fragt er. Kollektives Kopfschütteln. Dann erzählt er vom Ameisenlöwen, einem Insekt, das unter der Kuhle auf Ameisen lauert. „Muss man ja nicht drauf rumtrampeln“, beschließt er das Referat. Später sagt er: „Auch dafür wollen wir Bewusstsein schaffen. Wenn wir uns naturverträglich verhalten, steigert das die Akzeptanz für das, was wir machen.“ Zum Zeltplatz in Hauenstein sind fast alle öffentlich angereist.

Viele der Jungbergsteiger kommen vom Sportklettern und vom Berglauf. Griffkraft und Kondition bringen sie mit. „Aber die alpinistischen Erfahrungen sind oft noch eher gering“, sagt Gotschke. Und dort oben, im alpinen Gelände, ist eines immer präsent: die Gefahr. Das musste auch der DAV-Kader schmerzlich erfahren. Vier ehemalige oder noch aktive Kaderathleten sind in den vergangenen sieben Jahren tödlich verunglückt. Allerdings nie während sie mit dem Kader unterwegs waren, sondern bei privaten Touren. Vor etwas über einem Jahr geschah der letzte Unfall. Der Lenggrieser Andreas Lindner verunglückte beim Zustieg zum Klettern am Mont Blanc Massiv.

Zwei Monate später stand die Abschlussexpedition an. Gotschke, der die Leitung 2021 übernommen hatte, erinnert sich: „Es war mehr Krisenmanagement als normales arbeiten.“ Das Gefühl als junger Alpinist das erste Mal mit dem Tod am Berg konfrontiert zu werden, „das macht was mit einem“, sagt der 42-Jährige. „Davor hat man einen Unzerstörbarkeitsglauben. Dann wird einem bewusst, wie gefährlich das alles ist.“

Der Alpenverein hat mittlerweile ein neues Ausbildungskonzept erarbeitet. Ein Ziel: den Druck senken. Denn unter Druck, so Gotschke, werden falsche Entscheidungen getroffen. Man dürfe die Athleten nicht mit Erwartungen überfrachten. Diesmal ging es deshalb bei der Sichtung nicht gleich ins französische Hochgebirge, sondern ins Allgäu. Statt wie bisher sechs, wurden zwölf Männer aufgenommen. Erst nach einem Jahr reduziert sich der eigentliche Kader auf sechs Sportler, die anderen werden in einem Perspektivkader weiter betreut. Wie besonnen und vernünftig sich jemand verhält, gehört zu den Auswahlkriterien wie Kondition oder Technik. Außerdem soll der Fokus noch stärker auf die Grundlagen gelegt werden. „Die Unfälle der letzten Jahre haben sich oft in überraschend leichtem Gelände abgespielt“, sagt Gotschke. „Wir müssen nicht das schwere Klettern noch schwerer machen. Es geht auch um die Basics.“

Am Ende müsse man aber seinen Frieden damit machen, dass der Alpinismus ein Hochrisikosport sei. „Die machen das hier alle, weil sie es lieben. Und sie würden es auch ohne den Kader machen. Unsere Aufgabe ist es, dass sie es besser und sicherer machen.“

Deshalb. Grundlagen wiederholen. Immer wieder. So wie an diesem Trainingstag in der Pfalz. Es ist Nachmittag, Luis Funk steht am Abhang, ein anderer Teilnehmer hängt im Seil. Wieder geht der Griff an den Gürtel. Schweizer Flaschenzug mit Mini-Kontraktion. Diesmal geht alles gut. Wieder einen Schritt gemacht, auf dem Weg zum Bergpionier.

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