München – Es war ein langer Weg aus der katholischen Kirche, den die ehemalige Gemeindereferentin Ursula Binsack gegangen ist. Nach dem Ruhestand im März 2022 ist die Religionspädagogin, die seit 2001 in der Seniorenseelsorge tätig war, aus der „römischen Kirche“, wie sie sie nennt, ein halbes Jahr später ausgetreten – und bei den Altkatholiken eingetreten. Dort gibt es vieles von dem, was die in Dachau lebende Mutter von drei erwachsenen Töchtern bei den „Römischen“ vermisst: Priesterinnen, verheiratete Priester, eine echte Gleichberechtigung von Frauen. Alle Entscheidungen werden demokratisch gefasst – Bischöfe und Bischöfinnen haben das gleiche Stimmrecht wie Gläubige.
„Mein Mann und ich haben uns in der Pfarrjugend kennengelernt“, erzählt sie. Der Glauben und die katholische Kirche gehörten zu ihrem Leben dazu, sie war sogar als Gemeindereferentin bei der Kirche angestellt. Viele Jahre war sie engagiert in der Kirche, „um mitzuhelfen, mitzudenken, dass sich was tut, dass sie passend wird für den heutigen Menschen“, berichtet sie. Sie engagiert sich in der Reformbewegung „Wir sind Kirche“, hat sich als Seelsorgerin intensiv um alte Menschen gekümmert. Doch für die Kapelle im Altenheim war der Pfarrer Kirchenrektor, „was darin geschieht, bestimmt er“, ärgerte sich die Theologin. Sie hatte die Zusatzausbildung – aber er die Weihe. Männerkirche eben. Auch wenn er etwa bei der Krankensalbung – früher Letzte Ölung genannt – den Menschen gar nicht kannte: Die Seelsorgerin, die den Sterbenden über Jahre begleitet hatte, durfte das Sakrament nicht spenden. Ursula Binsack, eine ebenso freundliche wie energische Frau, hat ihre Möglichkeit gefunden, damit umzugehen. Sie segnete die Menschen auf deren letztem Weg, keine Salbung mit geweihtem Öl. Aber liebevoller Zuspruch für einen vom Tod Gezeichneten. „Ich weiß aus Erfahrung und Ausbildung, was den Menschen im Altenheim guttut – und dann steht ein Priester am Altar, der ewig lang über Martyrium predigt. In der Kapelle sitzen Menschen, denen tut es überall weh, die sind des Lebens müde. Sie haben ganz andere Themen, als durch so etwas noch erschreckt zu werden.“ Der Pfarrer hielt sich an die Beschreibung des Tagesheiligen. „Ich muss den Menschen doch was Gutes tun. Das ist doch das, was Jesus will“, sagt sie heute noch fassungslos. „Warum darf nicht wenigstens ich, die das Leben mit diesen Menschen teilt, mit ihnen Eucharistie feiern?“
Viele Jahre hat die Religionspädagogin gekämpft, hat mit lila Stola bei Priesterweihen vor dem Dom für die Weihe von Frauen demonstriert. Zur Corona-Zeit, als sonst niemand in die Altenheime kam und ihre Pensionierung nahte, hat sie die Gottesdienste dann selber gefeiert. „Um konsekrierte Hostien zu haben, musste ich freilich beim Messner anrufen und bitte, bitte sagen.“ Und da merkte sie: „Es war für mich nicht nur ein Kirchenpolitikum, sondern ich fühlte mich selber verletzt.“ Sie hat ihre Arbeit unglaublich geschätzt, aber sie wurde nicht geschätzt. Nur Männer spielten eine Rolle, von denen viele so „tun, als ob sie zölibatär leben und heterosexuell sind“ – und die eine panische Angst davor hätten, ihre herausragende Stellung zu verlieren. „Da wussten mein Mann und ich, dass wir diesen Schritt tun würden.“
Alexander Bock erzählt eine ganz andere Geschichte. Der 36-Jährige ist promovierter Plasma-Physiker am entsprechenden Max-Planck-Institut in Garching (Kreis München). Ein rationaler Mensch, für den der Glaube nur ein Lückenfüller für das ist, was noch nicht von Naturwissenschaftlern erforscht ist. Alexander Bock ist in Traunreut getauft und gefirmt worden, aber aktive Katholiken waren seine Eltern und er nicht. Er ist zwar zweimal als Sternsinger mitmarschiert – aber nur, weil es eine Abmachung gab mit dem Pfarrer: Die Jugendlichen können eine LAN-Party mit Computern im Pfarrheim machen, wenn sie im Gegenzug beim Sternsingen mitmachen, erzählt der junge Mann und schmunzelt.
Als er in München studierte, war ihm sein Katholisch-Sein wurscht. „Ich will nicht unehrlich sein. Bewusst geworden ist mir, dass ich in der katholischen Kirche bin, als ich anfing, Kirchensteuer zu zahlen.“ Erst war es kein großes Thema, doch als das Gehalt stieg – und damit auch die Abgabe an die Kirche – , fragte er sich: „Will ich das bezahlen? Was macht dieser Verein überhaupt?“ Bock gesteht sich ein, dass er eigentlich nicht glaubt, klickt sich durchs Internet, stößt auf Dinge, die ihn ärgern: Dass eine Kindergärtnerin, die nach einer Scheidung wieder heiratet, ihren Arbeitsplatz verliert. Dass inzwischen das kirchliche Arbeitsrecht reformiert wurde, ist ihm neu. „Ich glaub aber nicht, dass ich deswegen wieder eintrete“, sagt er lachend. Er spendet jetzt für Unicef und an die Malteser, versichert er. Sein Kirchenaustritt war keine Frage des Geldes.
Den Sinn des Lebens müsse jeder für sich finden. Für Alexander Bock ist der im Diesseits zu finden. Der 36-Jährige ist ein sozialer Mensch. Er war Sanitäter bei den Maltesern in seinem Heimatort Traunreut. 2013 stand er für „Die Piraten“ auf Platz 2 der Bundestagsliste. Mit Glauben kann er nichts anfangen. Der Ursprung des Lebens? Der Urknall? Der muss ja auch von irgendetwas oder jemand ausgelöst worden sein? Der Plasma-Physiker, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Erforschung der Grundlagen für Kernfusions-Kraftwerke in Garching mitarbeitet – der Möglichkeit, durch Kernverschmelzung Energie zu erzeugen –, antwortet schnell: „Nur, weil wir nicht wissen, was da genau war, bedeutet das nicht, dass da eine Gottheit ist.“ Das würde das Problem nur verschieben, beeilt er sich zu sagen: „Woher kommt der Gott?“ Er freut sich für alle Menschen, die glauben – aber ihm bringe es nichts. Kurz stutzt er: „Vielleicht beneide ich diese Menschen ein wenig. Die wachen jeden M;orgen auf und denken: Ja, es gibt einen Plan.“ Er glaubt: „Wir müssen selber schauen, wie wir hier weiterkommen.“
Weitergekommen, vielmehr angekommen, sind Ursula Binsack und ihr Mann bei den Alt-Katholiken. Sonntags kommen sie nach München zum Gottesdienst. Es ist eine kleine Gruppe, die sich in der St. Willibrord-Kirche in der Blumenstraße versammelt. 35, vielleicht 40 Personen. Nach dem Gottesdienst trifft man sich zum Frühschoppen. Druck und Stress sind für Ursula Binsack Vergangenheit. Sie und ihr Mann genießen das gute Miteinander in der alt-katholischen Gemeinde. Theoretisch könnte sie in Bonn noch ein Zusatzstudium absolvieren und ehrenamtliche Priesterin werden. „Ich dräng mich da nicht vor. Wenn sie es brauchen, kann es sein, dass ich es mache.“