Bonn – Wohl wenige Sprachen auf der Welt haben derartig mit Vorurteilen zu kämpfen wie das Deutsche. Mark Twain spottete, das Leben sei zu kurz, um Deutsch zu lernen. Das hat sich eingeprägt. Das Deutsche gilt als schwer. Wir selbst gefallen uns darin, Ausländern, die unsere Sprache lernen, in einer Mischung aus Mitleid und Herablassung zu sagen: „Deutsche Sprache, schwere Sprache.“ Das Deutsche gilt aber auch als barsch, unmelodisch und starr. Bei Umfragen wird im Ausland unser Land gewöhnlich sehr positiv bewertet – nur nicht seine Sprache. Sie ist vielmehr angstbesetzt und gilt als unattraktiv. Das wächst sich zu haarsträubenden Fehlschlüssen aus, wie zum Beispiel zu dem Vorschlag, Englisch als zweite Verwaltungssprache neben Deutsch einzuführen. Die Integrationshemmnisse, die aus englischen Sprachinseln entstünden, kann man sich gut ausmalen. Aber vor allem: Sind denn die genannten Urteile überhaupt zutreffend? Oder zeichnen sie ein Zerrbild?
Was kann Deutsch?
Wer sich einmal näher mit der deutschen Sprache befasst, reibt sich angesichts der genannten festsitzenden Vorurteile die Augen. Denn was bietet die deutsche Sprache in Wirklichkeit? Einen gut zu lernenden Wortschatz, der wie Lego-Steine zusammengesetzt ist (Kinderarzt, Wertstoffhof); einen elastischen Satzbau, der durch einfachste Umstellungen feine Nuancen ermöglicht; eine große Zahl freundlicher, kontaktfördernder kleiner Partikeln („Wie heißt du denn?“); eine leserfreundliche Rechtschreibung durch die Groß- und Kleinschreibung; eine sportliche Kürze durch das neue Stakkato-Deutsch („Besser isses! Als ob!“). Hinzu kommt eine reiche Tradition als Sprache der Literatur, der Bildung, der Philosophie, der Wissenschaften und der Technik. Auch ist das Deutsche durch seine Geschmeidigkeit bestens in der Lage, Sprachimporte aufzunehmen und einzugemeinden. Darüber hinaus weist es immer noch eine Vielfalt an Mundarten auf, die die Sprache bereichern.
Nicht zuletzt wird das Deutsche von einer großen Sprachgemeinschaft in sieben Staaten gesprochen, ganz zu schweigen von den vielen Sprachinseln in der ganzen Welt, man denke beispielsweise an das Hunsrücker Deutsch in Brasilien (zwei Millionen Sprecher!). Und schließlich ist das Deutsche nicht von oben verordnet worden, sondern als Volkssprache aus der Mitte der Gesellschaft heraus zu einer Hochsprache entwickelt worden, und zwar in aufklärerischer Absicht gegen den Widerstand etablierter Eliten.
Drehen wir also die Perspektive einmal um und entsinnen wir uns dessen, was das Deutsche kann, anstatt in seltsamer Verachtung des Eigenen nur Defizite zu suchen!
Die Lego-Sprache
Schauen wir uns den Wortschatz näher an: Das Deutsche ist eine Lego-Sprache. Man kann fast jedes Wort mit jedem Wort kombinieren und daraus ein neues formen: Wert-Stoff-Hof. Der Wertstoffhof ist zudem auch erzieherisch wertvoll, denn was einst die Müllhalde war, zeigt sich uns nun als Ort, wo umweltbewusst Wertstoffe wiederverwertet werden!
Die leichtgängige Wortbildung im Deutschen ist wie geschaffen für den Ausdruck neuer Ideen oder neu geschaffener Gegenstände. Dabei ist das Deutsche auch aufnahmewillig und integrationsfähig. Es bietet beste morphologische Voraussetzungen für eine leichtgängige Eingemeindung von Fremdwörtern. Man nehme allein die vielen ehemals französischen Importe, die mit der Endung auf -ieren gebildet worden sind (visualisieren, realisieren, quantifizieren). Über 2000 Verben sind allein mit dieser Endung geschaffen worden. Selbst ein sperriges Verb wie downloaden entkommt der deutschen Grammatik nicht. Denn wie heißt das Perfekt? „Ich habe das Dokument downgeloaded.“ Natürlich hat man hier auch die Möglichkeit, gleich die deutsche Lehnübersetzung herunterladen zu gebrauchen.
Aber worum es hier geht: Deutsch erweist sich nicht als starr und schwer, sondern als elastisch, gastfreundlich und integrativ. Ein weiterer Vorzug: Das Deutsche hat einen gelenkigen Satzbau. Mit einfachen Veränderungen der Betonung und mit einfachen Umstellungen gewinnt man jedes Mal neue Bedeutungsnuancen: Ich habe ihr das Buch geschenkt. Ihr habe ich das Buch geschenkt. Geschenkt habe ich ihr das Buch. Ist das etwa schwer? Nein, es ist kinderleicht (oder auch seniorenleicht).
Und die arg gescholtene Eigenheit, dass das Prädikat im Deutschen getrennt werden kann („Ich habe sie gestern Abend gesehen.“), die sogenannte Verbklammer? Sie sorgt dafür, dass wir die von ihr eingeklammerten Informationen am Ende des Satzes auf einen Blick erfassen. Wird man etwa dümmer dabei? Im Gegenteil, der deutsche Satz macht klug!
Im Stakkato
Man kann Deutsch nur in langen Sätzen äußern, es verführt zur Langatmigkeit? Das neue Stakkato-Deutsch der jungen Generation zeigt das glatte Gegenteil. Unzählige neue Kurzformen sind erfunden worden, die lange Sätze einsparen. Ein moderner Musterdialog gefällig? A: Da geht noch was. B: Aber hallo! A: Besser isses. B: Aber sowas von. A: Isso. B: Auf jeden. A: Dein Ernst! B: Als ob! A: Das glaub ich jetzt nicht. B: Mal ganz ehrlich. Geht gar nicht. A: Echt jetzt! Es geht hier nicht um die Bildungs- und Literatursprache, sondern um schnelles Umgangsdeutsch. Wir können im Deutschen schnell und lässig kommunizieren. Geht doch!
Das Deutsche soll barsch sein? Im Deutschen sind im Gegenteil beziehungsfreundliche kleine Wörter, sogenannte Partikeln, besonders häufig, 13 von 100 Wörtern. Wo bleibt sie bloß? Mach’s halt! Gibst Du mir das mal? Er weiß immer alles besser, gell? Auch in Dialekten nutzen wir die Partikeln gern, so im Bairischen mit dem schönen Wörtchen „fei“. Die deutsche Sprache bietet uns für unseren täglichen Kontakt zu unseren Mitmenschen eine ganze Palette von Wörtern, die Einfühlsamkeit und Freundlichkeit begünstigen. Von wegen barsch!
Deutsch unmelodiös und unschön? Man möchte ausrufen: Ausgerechnet dem Deutschen mit seiner großen Musiktradition die Musikalität abzusprechen, ist schon verwegen! Man denke an das deutsche Kunstlied. Wie heißt es klangschön im Gedicht „Frühling“ von Hermann Hesse, zugleich eines der vier „Letzten Lieder“ von Richard Strauss: In dämmrigen Grüften / Träumte ich lang / Von deinen Bäumen und blauen Lüften, / Von deinem Duft und Vogelsang. Ein Blick in die Gegenwart zeigt, dass auch das heutige Deutsche zu schöner Form imstande ist. Hören wir den ergreifenden Refrain in dem traurigen Lied „Der Weg“ von Herbert Grönemeyer, in dem er den verstorbenen geliebten Menschen besingt: Du hast jeden Raum / Mit Sonne geflutet / Hast jeden Verdruss / Ins Gegenteil verkehrt. Deutsch ist als Literatur- und Bildungssprache hochentwickelt: Die Sprachtradition bietet uns einen großen Formenreichtum zur Verfeinerung des Ausdrucks, ob wir nun eine Begebenheit in nüchterner Berichtsform, in lebendiger Schilderung oder auch in literarisch-dichterischer Form darstellen wollen. Und die Rechtschreibung? Sie ist leserfreundlich, sie ist fürs Auge gemacht: Die satzinterne Großschreibung führt nämlich dazu, dass wir Nomina und Nominalisierungen sofort erkennen. Außerdem lernen wir so auch gleich ein wichtiges Grammatikkapitel kennen. Und die Zeichensetzung? Sie ist im Deutschen stimmig und logisch. Nebensätze werden durch Kommata vom Hauptsatz abgesetzt. Und die Anzahl von Lauten? Sie ist in normalem Maß: 36 Laute (Phoneme) und 31 Zeichen (Grapheme) – es gibt ganz andere Kandidaten…
Weit verbreitet
Schließlich ist das Deutsche durchaus weit verbreitet: Es wird neben Deutschland in sechs weiteren Ländern als nationale oder regionale Amtssprache gesprochen. Denken wir daran: Auch in den Nachbarländern wird die deutsche Sprache weiterentwickelt! Schöne Beispiele sind der österreichische Pistenfloh, das Kind, das zum ersten Mal auf Skiern steht, oder die Schweizerische Cervelat-Prominenz aus der zweiten Reihe, benannt nach der Schweizer Nationalwurst Cervelat. Vielfältig sind auch die Dialekte, die ihren Sprechern eine besondere Nähe schenken. Auch wenn sie in der Nordhälfte Deutschlands zurückgehen, halten sie sich im Süden noch recht gut, ebenso in Österreich und schon gar in der Schweiz.
Ist das Deutsche eine autoritäre Sprache von oben? Im Gegenteil, über Jahrhunderte musste es als Volkssprache von Sprachkultivierern aus der Mitte der Gesellschaft gegen den Latein sprechenden Klerus und die Französisch sprechenden Fürstenhöfe überhaupt erst durchgesetzt werden. Es war ein langer Weg hin zu einer angesehenen Bildungs-, Wissenschafts- und Kultursprache, die sich freilich nicht vor verbrecherischer Indienstnahme zu schützen vermochte. Das bleibt stete Mahnung!
Heute ist Deutsch auch Sprache der Integration. Davon zeugen die vielen Gewinner bedeutender literarischer Auszeichnungen, die einen Zuwanderungshintergrund aufweisen, ob Preisträger des Deutschen Buchpreises oder des Büchner-Preises oder auch die vielen Chamisso-Preisträger. Und wer wie Senthuran Varatharajah in seinem Roman „Vor der Zunahme der Zeichen“ eine Formulierung wie „im sekundengedränge der zeit“ erfindet, der setzt die schöne deutsche Sprache auf seine Weise fort. Ermutigend.
Ein Blick in die Zukunft
Sprachen müssen nicht ewig leben, sie können sterben. Eine große Kultursprache wie das Deutsche stirbt nicht so leicht. Und doch ist darauf zu achten, dass das Deutsche in allen gesellschaftlichen Bereichen verwendungsfähig bleibt, indem es eben auch verwendet wird. Das bezieht sich beispielsweise auch auf die Hochschulen und auf die Gerichte. Verwendungsfähig muss es auch in seinen Personenbezeichnungen sein. Der große Streit, den wir gerade erleben, hat zwar berechtigten Impuls, kennt aber noch keine gesellschaftsverträgliche Lösung. Ob wir als Sprachgemeinschaft letztlich um eine Académie française herumkommen werden, wird sich zeigen. Bisher konnte die deutsche Sprachgemeinschaft strittige Fragen freilich eigenständig lösen. Besser isses.