München – Die Beziehung zwischen den Deutschen und der Bundeswehr ist vorbelastet. Der bis heute umstrittene Einsatz im Kosovo-Krieg 1999, zwei Jahre später dann Afghanistan. Nach 20 Jahren am Hindukusch hatten die Taliban das Land innerhalb von wenigen Tagen nach dem Abzug der westlichen Truppen wieder unter Kontrolle. Die Evakuierungsaktion von gefährdeten Ortskräften endete im Desaster.
Dazu häufen sich in den vergangenen Jahren Berichte über massive Ausrüstungsmängel: Zwischenzeitlich waren 2018 nur vier von 128 Eurofighter-Kampfjets einsatzbereit. Damals spiegelte sich das mangelhafte Image der Bundeswehr auch in Zahlen wider: Laut dem Sicherheitsreport des „Centrum für Strategie- und Höhere Führung“ hatte mit 45 Prozent weniger als die Hälfte der Bevölkerung Vertrauen in die Bundeswehr. Und nur 27 Prozent sprachen sich für mehr Investitionen in Ausstattung und Verteidigung aus.
Der Ukraine-Krieg hat allerdings für ein grundlegendes Umdenken gesorgt. Heute finden 67 Prozent der Deutschen, dass der Staat mehr Geld in die Bundeswehr investieren sollte. Das ergab der Sicherheitsreport 2023. „Die Hälfte der Bürger ist optimistisch, dass die Bundeswehr in den nächsten Jahren deutlich besser ausgerüstet wird“, sagt Klaus Schweinsberg, Geschäftsführer des Centrum für Strategie und Höhere Führung. „Seit vielen Jahren erwarten die Deutschen zum ersten Mal, dass der Staat mehr in Sachen Verteidigungsfähigkeit tut.“ 100 Milliarden hatte Kanzler Olaf Scholz (SPD) der Bundeswehr im vergangenen Jahr in seiner historischen „Zeitenwende“-Rede versprochen. Aktuell sollen bis zu fünf Milliarden Euro in Luftverteidigungssysteme fließen.
Der Bundeswehr spielt auch die Sympathie für Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius in die Karten: Der SPD-Politiker hält sich seit Wochen an der Spitze der beliebtesten Politiker Deutschlands. Laut dem ARD-Deutschlandtrend vom Juli sind 53 Prozent der Bürger mit seiner Arbeit zufrieden beziehungsweise sehr zufrieden – damit ist er der einzige Bundespolitiker mit mehr Zustimmung als Ablehnung. Der „Spiegel“ überschrieb eine Titelgeschichte über das plötzliche Ansehen des Ministers mit der Zeile „Mr. Perfect?“ – Pistorius wird eine Nähe zu den Soldaten und echtes Interesse für die Verteidigungsfähigkeit der Truppe nachgesagt.
Dass Pistorius die Probleme der Bundeswehr klar ausspricht, kommt bei der Mehrheit der Deutschen ebenfalls gut an. Dazu gehören auch die zahlreichen Extremismus-Fälle, mit denen die Truppe seit Jahren immer wieder zu kämpfen hat. Der Militärische Abschirmdienst hat vergangenes Jahr 962 Extremismus-Verdachtsfälle registriert, der Großteil rechtsextremistischer Natur. Ende vergangenen Jahres soll sogar eine Gruppe aus ehemaligen und aktiven Soldaten in der Reichsbürger-Szene geplant haben, das politische System Deutschlands umzustürzen. Pistorius hat ein neues Gesetz angekündigt, das es erleichtern soll, extremistisch gesinnte Soldaten leichter loszuwerden. Derzeit dauert es oft Jahre, bis bekannte Rechtsextremisten aus der Truppe fliegen. KATHRIN BRAUN