Truppe in Not sucht Nachwuchs mit starken Nerven

von Redaktion

VON KATHRIN BRAUN

München – Mittags ist es knallvoll am Messestand der Bundeswehr. Vier Mädchen blättern durch die Prospekte und Flugblätter, die ihnen ein Soldat in die Hand gedrückt hat. Am Eingang zum Stand stehen ein paar Schüler Schlange und warten. Oberstabsfeldwebel Karl blickt zu zwei von ihnen und winkt. „Jungs, hier ist noch ein Platz“, ruft er. Thomas (16) und Julius (17) eilen zu ihm und zücken ihre Notizblöcke. „Na, was wisst ihr denn über ein Studium bei der Bundeswehr?“, fragt der Militärpolizist.

Auf Ausbildungsmessen wie der „Vocatium“ können sich junge Menschen über ihre berufliche Zukunft informieren. Über Duale Studiengänge bei Banken oder über klassische Handwerkerausbildungen. Aber auch das Militär hat heute mit acht Soldaten Stellung bezogen. Denn die Truppe hat ein Nachwuchsproblem. Rund 21 000 neue Soldaten braucht die Bundeswehr jedes Jahr. Und 4500 Zivilbeschäftigte. Denn neben den rund 183 000 Soldatinnen und Soldaten arbeiten auch mehr als 81 000 Zivilisten dort.

Im vergangenen Jahr konnte jeder sechste Dienstposten nicht besetzt werden. Seit Aussetzung der Wehrpflicht im Jahr 2011 sei die Bundeswehr kaum noch in der Gesellschaft verwurzelt, klagt Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD). Auch die Beliebtheit der Armee leidet. Wenn man in den Medien von der Bundeswehr hört, geht es oft um gescheiterte Auslandseinsätze wie in Mali oder Afghanistan.

Rekrutierer wie Oberstabsfeldwebel Karl versuchen, das Image der Bundeswehr aufzupolieren – mit Pop-up-Stores in Fußgängerzonen, YouTube-Kanälen, Werbung auf Social-Media-Plattformen, Plakaten, Messeständen. Quasi überall, wo sich junge Kandidaten tummeln könnten. Zudem betreibt die Bundeswehr 16 Karrierecenter mit 110 Beratungsbüros.

Morgen will Pistorius dem Karrierecenter in Stuttgart einen Besuch abstatten, um sich zu informieren, wie seine Truppe Kontakt zum dringend benötigten Nachwuchs findet. „Raus aus der Kaserne und rein in die Gesellschaft“ hat sein Ministerium in der Terminankündigung als Motto gewählt. Auch der Chef müht sich, das Image der Bundeswehr zu verbessern.

Zuletzt startete die Bundeswehr eine Kampagne unter der Leitfrage „Was zählt?“ Im Netz wirbt die Truppe etwa mit dem Bild eines Kampfpiloten im Eurofighter und der Aufschrift „Was zählt, wenn wir über den Wolken Grenzen aufzeigen müssen?“ Bei einem ernst blickenden Soldaten im Seemännischen Dienst heißt es: „Was zählt, wenn die Welt um uns rauer wird?“

Thomas und Julius haben sich ihre Fragen vorab notiert. „Wenn ich bei der Bundeswehr studiere, mache ich dann die Ausbildung zum Soldaten parallel?“, fragt Julius. Oberstabsfeldwebel Karl schüttelt den Kopf. „Jeder macht am Anfang eine dreimonatige Grundausbildung, wo man lernt, wie man marschiert und schießt“, antwortet er, „aber danach sollst du dich komplett auf dein Studium konzentrieren können.“

Die beiden Jungs besuchen ein Münchner Gymnasium. In knapp zwei Jahren wartet das Abitur. Julius interessiert sich für ein Medizin-Studium bei der Bundeswehr. Thomas weiß noch nicht, welche Fachrichtung er wählen soll – eine Karriere bei der Bundeswehr könnte er sich aber gut vorstellen. „Das haben mir schon einige Freunde empfohlen. Mein Bruder ist auch bei der Bundeswehr“, sagt er. „Man ist während des Studiums bestens abgesichert – und auch danach.“ Jeder Student bei der Bundeswehr bekommt 2100 Euro pro Monat. „Einen Nebenjob braucht ihr dann nicht“, sagt Oberstabsfeldwebel Karl.

Dann ist Ende mit Werbung, der Soldat will nicht in Schönrederei verfallen. „Es gibt ein großes Aber: Bei einem klassischen Studiengang müsst ihr euch für 13 Jahre verpflichten. Und bei Medizin sogar 17 Jahre.“ Der Oberstabsfeldwebel blickt zu Julius. „Könnt ihr euch das vorstellen?“ Die Jungs nicken. Die langen Verpflichtungszeiten schrecken sie nicht ab. Auch auf die Auslandseinsätze sind sie gefasst. „Euch muss bewusst sein, dass Verwundung und Tod dann zu eurem Job gehören“, mahnt der Oberstabsfeldwebel. „Ich habe großen Respekt vor Menschen, die das auf sich nehmen“, entgegnet Thomas. „Diesen Respekt will ich mir auch verdienen.“

Es ist ein Balanceakt. Einerseits will die Bundeswehr junge Leute anwerben. Andererseits will sie Auslandseinsätze auch nicht herunterspielen. Das Problem sei, sagt Karl, dass sich viele gar nicht im Klaren darüber seien, wie die Arbeit bei der Bundeswehr aussieht.

Für die Bundeswehr sind Thomas und Julius vielversprechende Kandidaten. Oberstabsfeldwebel Karl rät ihnen, sich bei einem Karrierecenter zu melden und einen Termin für einen Eignungstest zu vereinbaren. „Dann sehen wir, ob wir matchen, würde man auf Neudeutsch sagen“, sagt der Militärpolizist und lacht. Die Bundeswehr nehme nicht jeden, Personalnot hin oder her. „Die Leute müssen wissen, worauf sie sich einlassen: die Auslandseinsätze, die Verpflichtungszeit. Und dass nicht jeder Gebirgsjäger oder Militärpolizist werden kann.“

Deutschlands Landesverteidigung hat eher ein Problem, das viele Branchen in Deutschland plagt: Fachkräftemangel: Es fehlt an Handwerkern, Elektrotechnikern, Maschinenbauern und an medizinischem Personal. Vor allem Talente aus den MINT-Fächern Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik werden gesucht.

Beim Militär, sagt Karl, gehe es nicht nur um Action. Kritisch werde es, wenn junge Leute speziell zur Bundeswehr kommen wollen, um zum Beispiel Scharfschütze zu werden. Oder wenn es den Bewerbern nur ums Geld geht. „Das ist kein Videospiel. Und mit nur einem Bein Geld auszugeben, macht auch weniger Spaß”, sagt der Oberstabsfeldwebel. Das sind Dinge, die Werbeplakate nicht vermitteln können – und über die sich auch Thomas und Julius bis zum Abitur ihre Gedanken machen müssen.

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