Analog und abgehängt

von Redaktion

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VON LEON SCHERFIG

Berlin – Es mag überraschen, aber ein beträchtlicher Teil der Deutschen lebt noch immer ohne Internet. Laut Statistischem Bundesamt waren rund 3,4 Millionen der 16- bis 74-Jährigen noch nie online. Statistisch nicht erfasst werden die 9,2 Millionen über 74-Jährigen. Hier dürften noch ein paar Millionen „Offliner“ hinzukommen. Noch größer ist die Gruppe derer, die kein Smartphone nutzt: Dem Deutschen Städte- und Gemeindetag zufolge sind das mehr als 50 Prozent der über 65-Jährigen – umgerechnet mehr als neun Millionen Menschen.

Die Digitalisierung stellt diese Menschen im ganz normalen Alltag vor Probleme. Ein Gradmesser ist der „Digitalzwang-Melder“ des Vereins Digitalcourage. Hunderte Beschwerden sind dort schon eingegangen. Die Themen sind so unterschiedlich wie die Lebensbereiche, die die Digitalisierung umpflügt. Und die Plattform zeigt wohl nur die Spitze des Eisbergs, weil Digital-Affine dort ihre Beschwerden anbringen. Kritik gibt es zum Beispiel an Packstationen der DHL, die nur per Smartphone zu bedienen sind.

Der Verein Digitalcourage setzt sich für eine lebenswerte Welt in der digitalen Ära ein. „Wir wollen, dass Technik menschenfreundlich gestaltet wird und dass es Alternativen gibt“, sagt Rena Tangens von Digitalcourage. „Wir sehen es als einen Akt der Solidarität, dass Angebote auch für Menschen nutzbar sind, die nicht im Internet sind oder kein Smartphone haben – oder haben wollen.“ Ein Smartphone bringe auch mit sich, dass man von Apps analysiert und ausgewertet werde. Oder eben ausgegrenzt, wenn man keines hat.

Der Sozialwissenschaftler Jan-Felix Schrape forscht an der Universität Stuttgart zu den Schwerpunkten Innovations- und Technik-Soziologie. Er sagt: „Grundsätzlich geht es Unternehmen meist darum, persönliche Beratung in automatisierter Form digital stattfinden zu lassen.“ Das Interesse sei groß, Menschen daran zu gewöhnen, weil damit erhebliche Kosteneinsparungen einhergingen. Dass es noch viele Menschen gebe, die kaum Bezug zur digitalen Welt haben, werde von Firmen, die Apps und Software entwickeln, nicht hinreichend reflektiert. Allerdings lasse sich auch feststellen, dass es bei neuen Entwicklungen immer eine große Gruppe an Nachzüglern gebe.

Viele fordern sogar eine schnellere Digitalisierung. Neidvoll geht der Blick dabei in skandinavische Länder, in denen Behörden-Dienstleistungen digital verfügbar sind. Hierzulande geht es schleppend voran. Symptomatisch sind die Corona-Witze über die Fax-Geräte in den Gesundheitsämtern.

Im Analogen zu verharren, ist keine Option. Für Deutschlands Wettbewerbsfähigkeit ist die Digitalisierung von zentraler Bedeutung. Experten wie Rena Tangens plädieren aber dafür, bei allen digitalen Umwälzungen möglichst auch analoge Zugänge offenzuhalten. Schrape sagt: „Neue Technologien eröffnen neue Spielräume, gleichzeitig gehen wir damit aber auch immer neue Abhängigkeitsverhältnisse ein.“

Wie groß die Abhängigkeiten sind? Die Grenzen zwischen sanfter Ermutigung, digital Dienste zu nutzen, und handfestem Zwang sind fließend, wie Beispiele aus dem Alltag zeigen.

. Beispiel 1: DHL Group

Mehr als 11 500 Packstationen gibt es in Deutschland. Ältere Modelle rüstet DHL aktuell auf App-gesteuerte Packstationen um: Bei den rund 1100 betroffenen Geräten werden Display und Eingabefeld ausgebaut. Abholung und Versand sind nur noch mit Smartphone und Bluetooth-Verbindung möglich.

Ein DHL-Sprecher schreibt auf Anfrage: „Es ist uns sehr wohl bewusst, dass es auch Kund:innen gibt, für die die Nutzung der App-gesteuerten Packstationen zunächst einmal gewöhnungsbedürftig erscheinen mag. Aus eben diesem Grund bieten wir zahlreiche Zustellvarianten für alle an.“ Rena Tangens von Digitalcourage hält das für Augenwischerei: „Wir wissen von etlichen Fällen, bei denen ein Paket zu Hause nicht zugestellt wurde und in einer App-gesteuerten Packstation gelandet ist.“ Man brauche sich nur vor eine solche Station stellen und werde mit großer Wahrscheinlichkeit Menschen treffen, die verwirrt davor stehen und nicht wüssten, wie sie an ihr Paket kommen. „Das als gewöhnungsbedürftig zu verkaufen, erscheint mir zynisch.“

. Beispiel 2: Die Bahn und ihr Bonus-Programm

Den „BahnBonus-Status“ (ehemals „BahnComfort“) erhalten Vielfahrer in den Abstufungen Silber, Gold und Platin. Die Bahn ermöglicht ihnen den Zugang zur DB-Lounge an Bahnhöfen, reserviert spezielle Plätze im Zug und lässt sogar Freigetränke springen. Früher war der Nachweis über eine BahnComfort-Karte zu führen – mittlerweile nur noch per App. Eine Sprecherin der Bahn betont auf Nachfrage, dass mit der digitalen BahnBonus-Karte auf die Produktion vieler tausend Plastikkarten verzichtet werden könne und das Angebot damit nachhaltiger werde.

„Natürlich will die Bahn am liebsten alles digitalisiert haben, aber das ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt einfach noch nicht umsetzbar“, sagt Detlef Neuß, Bundesvorsitzender des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Er kritisiert, dass das BahnBonus-Programm nur noch mit der Bahn-App nutzbar ist. Zwar bringe die App auch Vorteile, etwa weil die Bahn mit ihr messen kann, wie ausgelastet Züge sind und diese Information direkt den Kunden zur Verfügung stellt, sein Urteil ist trotzdem eindeutig: „Das aktuelle BahnBonus-Programm ist ein Schlag ins Gesicht aller Bahnfahrer, die nicht die App des Konzerns nutzen können oder wollen.“

. Beispiel 3: Supermärkte und Papier-Prospekte

Am 1. Juli ging für Rewe eine Ära zu Ende: Deutschlands zweitgrößte Supermarktkette verabschiedete sich vom Papier-Prospekt, über den die Kette Kunden offline über günstige Lebensmittel informierte. Als Ersatz für die rund 25 Millionen Prospekte, die das Unternehmen jede Woche verteilte und in ihren Märkten auslegte, sollen die Kunden auf digitale Kanäle ausweichen, wenn sie Geld sparen wollen. Das geht über die Rewe-App (die auch Daten sammelt), den Newsletter oder die Website.

Ein Rewe-Sprecher schreibt auf Nachfrage, man informiere auch über TV, Radio, Plakate und über Zeitungsanzeigen über die „300 attraktiven Sonderangebote“. Der Verzicht auf Papier-Prospekte komme dem Klima zugute: Mehr als 73 000 Tonnen Papier, 70 000 Tonnen CO2 und 1,1 Millionen Tonnen Wasser spare das Unternehmen so im Jahr ein. Wer aber kein Smartphone oder Internet hat, ist aufgeschmissen.

. Beispiel 4: Arzttermine

Dagmar Hirche muss nicht nachdenken, fragt man nach einem Beispiel für Digitalzwang im Gesundheitswesen. Hirche, die Schulungen für Smartphone und Co. für ältere Menschen anbietet, erzählt, wie ihr Telefon während der Corona-Pandemie fast pausenlos klingelte: „Anfangs sollten sich ja die über 80-Jährigen impfen lassen. Das Problem war: Die Telefone waren überlastet und Termine gab es nur online. Die älteren Menschen riefen weinend bei mir an, hatten Angst um ihr Leben und wussten nicht, wie diese Impftermine gebucht werden können.“

Corona stieß eine Entwicklung an, die für Digital-Affine eine Erleichterung ist, Menschen ohne Internet und Smartphone aber in die Verzweiflung treibt: Arztpraxen regeln ihre Terminvergabe zunehmend digital – manche sogar ausschließlich. Auch beim „Digitalzwang-Melder“ ist das ein Thema. Laut Rena Tangens geht es nicht nur um Senioren. „Es sind auch Menschen, die aus finanziellen Gründen kein Smartphone haben – und solche, die sich sehr gut mit der Technologie auskennen und aus Sorge um die eigenen Daten auf die Systeme verzichten.“

Soziologe Jan-Felix Schrape beobachtet, dass ganze gesellschaftliche Gruppen bei der laufenden digitalen Transformation aus dem Blick geraten. „Senioren und randständige Milieus spielen in vielen politischen und gesellschaftlichen Fragen der Digitalisierung kaum eine Rolle.“ Das liege vermutlich an der vorherrschenden Wahrnehmung, Deutschland sei bei der Digitalisierung im Hintertreffen. Allen voran die FDP drücke aufs Tempo, dadurch fehle „die Zeit, eine Art Interessenausgleich zu diskutieren“. Der Verein Digitalcourage leitet daraus eine Forderung ab: Im Grundgesetz brauche es ein „Grundrecht auf ein analoges Leben“.

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