München – „Schmutzkampagne“, „Unfair“, „in dubio pro reo“ – im Zweifel für den Angeklagten: Worte, die bei einer Umfrage unserer Lokalredaktionen an der Freien-Wähler-Basis in Oberbayern immer wieder fallen. Während es nach Aiwangers Erding-Rede intern doch deutlich rumorte („Rote Linie überschritten“), stärken die Freien Wähler ihrem Vorsitzenden jetzt den Rücken.
Dass es sich um ein „unsägliches Pamphlet“ mit einem Inhalt „unter aller Sau“ handele, darüber brauche man nicht reden, sagt der langjährige FW-Bürgermeister von Allershausen (Kreis Freising), Rupert Popp. Dass die Veröffentlichung zum jetzigen Zeitpunkt stattfinde, dürfte schon bedeuten, dass da der Wahlkampf „gesteuert“ werden solle. So sieht es auch Susann Enders, Generalsekretärin der Freien Wähler. „Wir werden immer in die rechte Ecke gestellt, wenn wir zu erfolgreich sind“, sagt die Stimmkreisabgeordnete für Weilheim-Schongau. Das Flugblatt sei ein „menschenverachtendes, furchtbares Dreckspamphlet.“ Aber Aiwanger jetzt dafür an den Pranger zu stellen, sei Unrecht. „Er hat 35 Jahre lang seinen Bruder nicht verpfiffen. Selbst als die SZ damit Schlagzeilen gemacht hat. Das ist der Hubert, den wir kennen und schätzen.“
Auch Sepp Hofer, stellvertretender Rosenheimer Landrat, glaubt nicht an einen Zufall. „Dass das eine blöde Sache ist, da gibt es keinen Zweifel“, meint er. „Aber wer bringt das auf vor der Wahl? Und wer erhebt solche Vorwürfe und geht nicht raus aus der Deckung?“, fragt der Freie Wähler.
Armin Grein, von 1994 bis 2010 Bundesvorsitzender der Freien Wähler: „Das kam für mich sehr überraschend, dass das jetzt ausgegraben wurde. Aber ich glaube Hubert Aiwanger, dass der das Flugblatt nicht selbst gemacht hat, sondern sein Bruder.“
Christine Degenhart, Rosenheimer Stadträtin der Freien Wähler, findet das Flugblatt „abgrundtief zynisch und scheußlich“. So unumstritten das sei, so zweifelhaft ist für sie aber die Urheberschaft Aiwangers: „Ich habe so oft mit ihm gesprochen, wer Hubert Aiwanger zum Antisemiten abstempelt, liegt falsch.“ Eine „Schmutzkampagne von politischen Mitbewerbern und der Presse“ nennt es Otto Bußjäger, Vorsitzender der Freien Wähler im Landkreis München.
Landrat Anton Speer (Garmisch-Partenkirchen): „Ich distanziere mich in aller Form vom Inhalt dieses Flugblattes. Dieser ist menschenverachtend. Die ganze Sache muss schnellstens aufgeklärt werden.“
„Es ist eine billige Ausrede, dass sein Bruder das Flugblatt verfasst haben soll“, sagt indes Bernhard Sontheim, Bürgermeister in Feldafing und FW-Kreisrat. „Ich schäme mich langsam, Freier Wähler zu sein.“ Er habe Aiwanger immer kritisch gesehen. „Ich kann mich nicht damit identifizieren“, sagt er und betont, dass er kein Mitglied der Partei, sondern nur des Landesverbands sei, der kommunalpolitisch aktiv ist. „Ich werde mich jetzt definitiv aus dem Wahlkampf zur Wahl im Oktober raushalten.“