„Im Schutzraum habe ich angefangen zu beten“

von Redaktion

VON WOLFGANG HAUSKRECHT, NINA BAUTZ UND DANIELA POHL

Tel Aviv/München – Es ist sieben Uhr morgens, als seine Schwägerin ihn weckt. Robby Rajber ist mit seiner israelischen Frau in Tel Aviv. Sein Sohn lebt dort. Jetzt heulen Sirenen. „Ich habe Einschläge von Raketen gehört“, erzählt der 62-jährige Präsident des jüdischen Sportvereins TSV Maccabi München. „Wir mussten vier Mal in den Bunker, haben zwölf Stunden die Nachrichten verfolgt, waren ständig am Telefon. Meine Frau hat viel geweint.“ Rajber erfährt, dass ein Sohn von Freunden auf dem Musikfestival war, auf dem die Hamas wahllos Besucher abschlachtete. Der Sohn überlebt. Die Wohnung eines Freundes wird von einer Rakete getroffen. Aber niemand stirbt.

Fahrt in den Tod

So viel Glück haben andere nicht. Immer mehr Videos tauchen auf mit Bildern unvorstellbarer Kaltblütigkeit. Ein Video aus einer Auto-Dashcam zeigt nach Angaben israelischer Ersthelfer einen jungen Mann, der im Auto versucht, vom Musikfestival zu fliehen. Er fährt direkt in die Arme von Hamas-Kämpfern, die sofort das Feuer eröffnen. Die Frontscheibe splittert, das Auto kracht am Straßenrand gegen ein anderes Auto. Der Fahrer ist tot. Das Video zeigt auch, wie viele Kämpfer sich in Israel befunden haben müssen. Mehr als ein Dutzend Kämpfer tauchen darin auf. Teilweise stehen sie offen auf der Straße, teilweise springen sie aus den Gräben am Straßenrand.

Unter den vielen Toten sind auch die 22-Jährige Carolin aus Berlin und ihr Freund Danny. „Heute erfuhren wir von Carolins Freundin vor Ort im Kibbuz Nir Oz in Israel, dass sie und ihr Freund Danny gestern bei einem Terroranschlag getötet wurden. Wir sind gebrochen“, schreibt Schwester Anja auf Instagram. „Bitte geben Sie uns etwas Zeit und Raum, um an unseren süßen Engel Caro und ihren geliebten Freund Danny zu denken.“

Der Heimflug von Carolin stand kurz bevor, als die Hamas-Kämpfer kamen. Carolin und Danny befanden sich in der Nähe der Grenze. Medienberichten zufolge schrieb die junge Berlinerin ihrer Mutter noch eine Handy-Nachricht, dass sie in den Bunker müssten. Sie dankte ihrer Mutter für alles und schrieb, dass sie sie liebe. Auch ihr Freund Danny, ein britischer Fotograf, wurde erschossen.

Hoffnung für Shani

Hoffnung gibt es unterdessen im Fall der Deutsch-Israelin Shani Louk. Die 22-Jährige war auf dem Musikfestival von der Hamas verschleppt worden. Die Mutter identifizierte sie anhand von Tattoos (wir berichteten) auf einem Foto, das eine Frau auf einem Pick-up zeigt. „Wir haben jetzt weitere Informationen, dass Shani am Leben ist“, teilte die Mutter der 22-Jährigen in einer Videobotschaft mit. Sie habe eine schwere Kopfverletzung und sei in einer kritischen Situation. Offenbar liegt sie in einem Krankenhaus in Gaza. „Wir bitten – nein, wir verlangen von der deutschen Regierung, dass sie schnell handelt“, sagt die Mutter. „Dies ist wirklich mein verzweifelter Aufruf an das ganze Land Deutschland, mir zu helfen.“

Robby Rajber ist inzwischen wieder in München. Er sitzt in seinem Haidhauser Büro. „Ich bin wie gelähmt“, sagt er. „Dieses Abschlachten von Zivilisten, von alten Frauen und Kindern – das macht mich fassungslos.“

Auch der Münchner Michael G. wird die schlimmen Stunden nie vergessen. Er war in einem Hotel am Strand von Tel Aviv, als die Raketen kamen. „Wir hatten Todesangst“, sagt der 33-Jährige. Mit seiner Mutter und seinem Bruder, die in Bulgarien leben, wollte er einen schönen Urlaub machen. „Wir lagen noch im Bett, als die Sirenen losgingen. Es gab Explosionen. Es klang sehr nah. Da haben wir Panik bekommen.“ Die Menschen hätten geweint und gebetet. Vom Schutzraum aus sah er Raketen ins Meer fliegen. „Ich bin nicht gläubig – aber im Schutzraum habe ich angefangen zu beten.“

Robby Rajber hält ständig Kontakt zu seiner Familie in Israel. Und er bekommt Anrufe besorgter Eltern seiner Spieler. Er verstehe, wenn jemand nicht spielen wolle, sagt er. Aber den Rat der Polizei, das Training seiner Fußballmannschaft aus Sicherheitsgründen vorerst auszusetzen, will er nicht befolgen. „Ich lasse mir von den Terroristen nichts vorschreiben.“

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