Israel-Konflikt: Der Hass hat eine lange Geschichte

von Redaktion

VON WOLFGANG HAUSKRECHT

Jerusalem/München – Die Geschichte Palästinas und damit auch des jüdischen Volkes ist lang und wechselhaft. Die erste Ansiedlung israelitischer Volksstämme datiert um 1250 vor Christus. Etwa 1150 Jahre später eroberten die Römer das Gebiet und vertrieben sukzessive die Juden, die sich in Europa verstreuten. Nach der Niederlage der christlichen Kreuzritter herrschten die Mamluken in Palästina, ehe diese 1516 von Osmanischen Türken besiegt wurden. 400 Jahre lang war Palästina ein Teil des Osmanischen Reichs.

1918 begann eine neue Zeitrechnung. Großbritannien besetzte Palästina und übernahm auch dessen Verwaltung. Als Folge kamen viele jüdische Einwanderer nach Palästina, das Juden als Gelobtes Land ansehen – als von Gott versprochenes Land. Bis 1945 lag der jüdische Bevölkerungsanteil bei 30 Prozent. Das führte zu militanten Auseinandersetzungen mit den dort lebenden Arabern. Weil Großbritannien sich nicht in der Lage sah, den Konflikt zu lösen, übergab es das Mandat für Palästina den Vereinten Nationen.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit seinem schrecklichen Holocaust stimmte die Vollversammlung der Vereinten Nationen am 29. November 1947 für die Errichtung von zwei Staaten – eines jüdischen und eines arabischen. Das Problem: Während die jüdische Seite die Teilung annahm, lehnte die arabische sie strikt ab. Die sechs arabischen Staaten in der Vollversammlung stimmten dagegen. Nur einen Tag nach der Proklamation des Teilungsplans für Palästina begann der zionistisch-arabische Bürgerkrieg, der von den Zionisten aber schnell niedergeschlagen wurde.

Die Geschichte des heutigen Israel beginnt am 14. Mai 1948. David Ben-Gurion, später erster Ministerpräsident Israels, rief den Staat Israel aus. Wieder folgte die Reaktion nur einen Tag später. Streitkräfte Ägyptens, Jordaniens, Syriens, des Libanon und des Irak griffen an. Israel gewann diesen ersten israelisch-arabischen Krieg und besetzte palästinensische Landesteile. Etwa die Hälfte der palästinensischen Bevölkerung wurde vertrieben, in arabischen Ländern kam es im Gegenzug zu Pogromen gegen die jüdische Minderheit. Die Vereinten Nationen moderierten – mit dem Ergebnis, dass über Waffenstillstandsabkommen die bestehenden Fronten eingefroren wurden. Damit waren die Küstenebene, Galiläa und der gesamte Negev unter israelischer Herrschaft. Das Westjordanland (Judäa und Samaria) kam unter jordanische, der Gazastreifen unter ägyptische Verwaltung. Jerusalem wurde in einen von Jordanien kontrollierten Ostsektor mit der Altstadt und einen israelischen Westsektor geteilt.

Die Konflikte nahmen damit aber kein Ende. Es folgten 1956 die Suezkrise sowie 1967 der Sechstagekrieg, in dessen Verlauf Israel das Westjordanland, Ost-Jerusalem, die Golanhöhen und den Gazastreifen besetzte. Israel war plötzlich dreimal so groß – und neue Spannungen vorprogrammiert.

1973 entbrannte der Jom-Kippur-Krieg gegen Ägypten und Syrien, der mit einem Sieg Israels endete, aber auch zu einer Rückgabe der Sinai-Halbinsel führte, was die Beziehungen zu Ägypten entspannte. Keineswegs aber zu Syrien, das Israel wie viele andere arabische Länder bis heute nicht anerkennt.

Bewaffnete Konflikte blieben ein ständiger Begleiter Israels: Der Libanonkrieg 1982 sowie die palästinensischen Aufstände (Intifada). Zwar gab es auch Fortschritte im Friedensprozess, die über die Osloer Abkommen in eine bis heute andauernde Selbstverwaltung der Palästinenser mündeten. Aber die Fronten verhärteten sich immer wieder und führten unter Premierminister Ariel Sharon auch zu einer härteren israelischen Palästina-Politik.

Der im Kern politische Konflikt ist religiös aufgeladen. Auf jüdischer Seite beanspruchen vor allem nationalreligiöse Hardliner das gesamte Gebiet zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan, das etwa dem alttestamentarischen Kanaan entspricht. Die meisten Palästinenser folgen dem Islam, in dem es traditionell kaum eine Trennung von Religion und Politik gibt. Zuletzt hatte sich der Einfluss islamistischer Kräfte und jüdischer Extremisten verstärkt.

Im Unabhängigkeitskrieg 1948 mussten zwar viele Araber fliehen, ein Teil aber blieb im neu gegründeten Israel. Sie wurden Staatsbürger und stellen heute ein Fünftel der israelischen Bevölkerung. Fast alle sind Muslime, wenige Christen oder Drusen.

Dem Gesetz nach sind arabische Israelis gleichberechtigt. Viele sehen sich jedoch als Bürger zweiter Klasse. Ihre Minderheitenrolle und der ständige Konflikt verstärken bei vielen arabischen Israelis das Gefühl einer doppelten Identität: Politisch und rechtlich Bürger Israels, fühlen sie sich kulturell und national als Palästinenser. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu machte in Wahlkämpfen wiederholt Stimmung gegen arabische Wähler. Auf der anderen Seite sieht sich Israel dauerhaft in seiner Existenz bedroht. Mit den Nachbarn Ägypten und Jordanien pflegt man aktuell stabile diplomatische Beziehungen – anders als mit Syrien und dem Libanon. Die größte Gefahr droht aus dem Iran, der Israel das Existenzrecht abspricht.

Ein ständiges Pulverfass ist Jerusalem – für Juden die Stätte des Tempels und die Hauptstadt des alten Israel. Christen verbinden mit der Stadt den Kreuzestod und die Auferstehung Jesu. Muslime sehen in Jerusalem, das der Prophet Mohammed laut der Tradition in einem nächtlichen Himmelsritt aufsuchte, die drittwichtigste Heilige Stätte nach Mekka und Medina. Wegen des hohen Symbolwerts entzünden sich in Jerusalem immer wieder gewalttätige Proteste. 1947 beschlossen die Vereinten Nationen zwar eine Internationalisierung der Stadt, dieser wenig klare Status wird aber weder von Israelis noch von Palästinensern akzeptiert. Die Knesset erklärte Jerusalem 1980 zur „ewigen Hauptstadt Israels“, was international kaum Rückhalt findet.

Der Friedensprozess war schon vor Beginn des Hamas-Angriffs festgefahren. Während international, im Vatikan sowie in der palästinensischen Führung zumindest offiziell an einer Zwei-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967 festgehalten wird, lehnt Netanjahu die Schaffung eines Palästinenserstaates ab. Zusätzlich erschwert wird eine Lösung durch den von Netanjahu vorangetriebenen Siedlungsbau in den besetzten Gebieten.  (mit kna und dpa)

Artikel 6 von 9