München. Es war der liebste Ausruf seiner Mutter: „For the Love of God, what are you going to do next!“ – Um Himmels willen, was machst du als Nächstes? Das fragen sich auch viele Kunstfreunde, die fasziniert bis skeptisch auf das Werk des britischen Künstlers Damien Hirst schauen. Der provoziert gern. Etwa mit seinem berühmten Platinguss eines menschlichen Schädels, besetzt mit 8601 Diamanten. Auf funkelnde Art soll er uns daran erinnern, dass wir sterblich sind. Von heute an tut er’s im Museum of Urban and Contemporary Art (MUCA) in München. Eine Sensation: die erste Damien-Hirst-Retrospektive in Deutschland.
Wie ist dem Ehepaar Stephanie und Christian Utz, die das MUCA betreiben, wieder einmal solch ein Coup geglückt? Lächeln auf den Gesichtern der beiden. Und ein bisschen Erschöpfung. Denn eine gigantische Kunstschau ist eine große Ehre – macht aber, das wusste schon Karl Valentin, viel Arbeit. „Wir sind unheimlich stolz, dass Damien uns sein Vertrauen geschenkt hat“, betont Stephanie Utz beim Presserundgang. Wer die zwei kennt, der weiß, dass hinter dem Gewinnen solch großer Namen wie Damien Hirst jahrelange Beziehungsarbeit steckt. Seit einem Vierteljahrhundert sammeln Christian und Stephanie Utz leidenschaftlich Kunst (siehe Kasten), das zahlt sich aus. Bringt die ganz Großen der Branche wie Banksy oder Conor Harrington in ihre umfangreiche Sammlung – und damit nach München. Ein Geschenk für die ganze Stadt. Denn auch die Damien-Hirst-Schau wird wieder viele Menschen aus aller Welt in die Hotterstraße locken.
Der britische Künstler, 1965 in eine Arbeiterfamilie in Bristol geboren, weiß, wie er Aufmerksamkeit auf sich zieht. Er beschränkt sich nicht auf eine künstlerische Richtung, sondern tobt sich in allen Bereichen aus. Malt, schafft Skulpturen, Plastiken, Installationen, dreht Musikvideos, produziert Popsongs. Und funktioniert gerade deshalb auch so gut für ein junges Publikum. Als vor zwei Tagen in aller Herrgottsfrühe seine Pegasus-Skulptur vor dem Museumsgebäude gelandet ist, sah man sie den vorbeilaufenden Kindern auf ihrem Schulweg an: die Faszination für dieses rot-gold-weiße Pferd mit ausladenden Flügeln, das je nach Sonneneinfall auf andere Weise strahlt. Oder die Malerei an der Hauswand im Hof, von Hirst extra für das MUCA angefertigt. 10 000 Quadratmeter Fläche, darauf jetzt 540 große Punkte, jeder in einem anderen Farbton. Tatsächlich: 540 Farben sind das, man kann lange davor stehen und versuchen, zwei gleiche zu finden. Vergeblich. Eine kunstvolle Meditation.
Die ganze Vielfalt des Hirst’schen Gesamtwerks kann man im MUCA erleben. Von seinen provozierenden Plastiken in Formaldehyd eingelegter toter Tiere über träumerische Kirschblüten-Malereien bis hin zu zwei Totenkopf-Arbeiten. Die eine aus toten Fliegen zusammengefügt, die andere aus besagten 8601 Diamanten. Letztere ist im Bunker des MUCA untergebracht, gesichert mit Panzerglas, nur vier Personen dürfen zeitgleich in den dunklen Raum eintauchen und das extravagante Werk bestaunen. Und wenn man dann sieht, wie eine Besucherin Selfies mit dem Schädel macht, lebendiges Gesicht an ausgestelltem Totenschädel, ist die Botschaft klar: Bedenke, dass du sterblich bist! Oder wie es Hirst einst formulierte: „Der Unterschied zwischen Kunst über den Tod und dem Tod besteht darin, dass es sich bei der einen um eine Feier und bei der anderen um eine langweilige Tatsache handelt.“ Also das Leben zelebrieren, solange es geht. Diese Schau ist eine Einladung dazu.
Im Münchner MUCA
Hotterstraße 12. Der Diamanten-Schädel ist bis 28. Januar zu sehen. Time-Slots für den Besuch unter www.muca.eu/visit.