Eine Eminenz der Republik

von Redaktion

VON STEFAN HEINEMEYER

Berlin – Manche nannten ihn Strippenzieher, andere graue Eminenz oder auch Sphinx, weil er so schwer zu durchschauen war. Mit Wolfgang Schäuble ist eine herausragende Karriere in der bundesdeutschen Geschichte verbunden: Er war Chef des Kanzleramtes, zweimal Innenminister, Finanzminister, er führte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion, stand schließlich dem Bundestag als Präsident vor. Niemand gehörte dem Parlament länger an als er, als „ewiger Abgeordneter“ wurde er mitunter tituliert.

1972 war er als 30-Jähriger erstmals in den Bundestag eingezogen – dem er ohne Unterbrechung bis zu seinem Tod am Dienstagabend angehörte. Laut der „Bild“ litt er seit Jahren an einer Krebserkrankung, die er aber geheim hielt. Nur seine Familie und der engste Freundeskreis sollen von der schweren Krankheit gewusst haben.

Der Kronprinz von Helmut Kohl

Schäubles Karriere nimmt in den 1980er-Jahren Fahrt auf: Als junger Mann übernimmt er bereits einige Regierungsämter. Alt-Kanzler Helmut Kohl (CDU) macht ihn 1984 zum Chef des Bundeskanzleramtes und Bundesminister für besondere Aufgaben, von 1989 bis 1991 dann zum Bundesinnenminister. Nach dem Mauerfall in der DDR tüftelt er am Einigungsvertrag mit – und gehört somit bis heute zu den Architekten der Wiedervereinigung. Als aber der große Teil der Bundesrepublik 1990 die Deutsche Einheit feiert, wird Schäuble mit einem Schicksalsschlag aus dem Leben gerissen.

Am 12. Oktober – Schäuble hält an jenem Freitag eine Wahlkampfrede in einem Lokal im baden-württembergischen Oppenau – schießt ein psychisch kranker Mann mit einem Revolver auf den damals 48-Jährigen. Die erste Kugel trifft ihn am Kopf und zertrümmert seinen Kiefer. Die zweite Kugel geht in den Rücken und bleibt an der Wirbelsäule stecken. Ärzte kämpfen die ganze Nacht um sein Leben. Schäuble überlebt, bleibt aber vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt – und ist sein Leben lang auf einen Rollstuhl angewiesen.

Zu dieser Zeit wird Schäuble als künftiger Kanzler gehandelt, man nennt ihn auch Kohls „Kronprinz“. Der damalige Kanzler besucht ihn am Tag nach dem Attentat, die Freundschaft ist eng, beide Männer sollen mit den Tränen gekämpft haben.

Als Chef der Unionsfraktion sichert Schäuble von 1991 an Kohls Regierungsmacht ab. Zur Bundestagswahl 1998 tritt Kohl noch einmal an, benennt aber Schäuble zum Wunschnachfolger zu einem späteren Zeitpunkt. Dazu sollte es nicht kommen. Die Union verliert die Wahl. Schäuble wird Parteichef.

Schon bald danach erschüttert eine Spendenaffäre die CDU. Sie kostet Kohl den Ehrenvorsitz, die Turbulenzen erfassen auch Schäuble. Unter dem Druck immer neuer Enthüllungen über eine Barspende in Höhe von 100 000 Mark vom Waffenhändler Karlheinz Schreiber gibt Schäuble im Februar 2000 den Vorsitz von Partei und Fraktion auf. Es kommt zum Bruch mit seinem einstigen Freund und Förderer Kohl. Der Riss lässt sich nie wieder kitten.

Er ebnet daraufhin Angela Merkel den Weg. Nach dem Abgang Kohls vom Parteivorsitz macht der neue CDU-Chef Schäuble die vormalige Ministerin zur Generalsekretärin. Als der Strudel der Spendenaffäre auch Schäuble mitreißt, spült die Parteibasis Merkel an die Spitze. Als Kanzlerin beruft sie 2005 Schäuble erneut zum Innenminister, 2009 zum Finanzminister. In der Griechenland-Krise treten unterschiedliche Meinungen beider zutage, Merkel hält aber an ihrem Finanzminister fest. Unter ihm entsteht die „schwarze Null“ – nach Jahrzehnten der erste Haushalt ohne Neuverschuldung.

Trotz gelegentlicher Differenzen steht Schäuble loyal zu Merkel. Zum Ende ihrer Amtszeit hat er Lob und ein wenig Kritik für sie parat. Er würdigt ihre Bescheidenheit, lässt aber auch durchblicken, dass er sich gelegentlich entschlossenere Führung gewünscht hätte.

2017 wird Schäuble Bundestagspräsident

Wenngleich die Zeit des Parteivorsitzes nur kurz war, bleibt Schäuble einer der einflussreichsten Politiker in seiner Partei und mischt in den Spitzengremien mit. Im Krimi um die Kanzlerkandidatur 2021 schlägt er sich auf die Seite des CDU-Vorsitzenden Armin Laschet, der das Rennen gegen CSU-Chef Markus Söder gewinnt, jenes um das Kanzleramt aber verliert. Erst nach der von der Union verlorenen Bundestagswahl 2021 zieht sich Schäuble aus den Führungsgremien zurück.

Mit 45-jähriger Parlamentserfahrung wird Schäuble 2017 zum Bundestagspräsidenten gewählt, das zweithöchste Amt in der Bundesrepublik. Darüber steht nur das des Bundespräsidenten. In diesem Amt steht Schäuble zwei großen Herausforderungen gegenüber. Beim Umgang mit einer starken AfD-Fraktion wählt er klare Worte, aber keinen zu rauen Ton. Erfolglos bleibt sein Bemühen um eine Wahlrechtsreform, um die weitere Aufblähung der Abgeordnetenzahl zu verhindern. Er scheitert im Wesentlichen an den eigenen Reihen.

Anders als die Kanzlerin steigt Schäuble 2021 nach dem Machtverlust der Union nicht aus der Politik aus. Er kandidiert erneut für den Bundestag, dem er fast ein halbes Jahrhundert angehört. In seinem Wahlkreis Offenburg holt er wieder das Direktmandat. Dem Vorbild anderer CDU-Politiker wie Peter Altmaier oder Annegret Kramp-Karrenbauer, die auf ihr Mandat zugunsten von Jüngeren verzichten, folgt Schäuble nicht. Er bleibt einfacher Abgeordneter, ein „Parlamentarier mit Leib und Seele“, wie er einst sagte.

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