„Die ursprüngliche Idee von Olympismus ist völlig zerbröselt“

von Redaktion

INTERVIEW Klaus Zeyringer hat ein Buch über die Winterspiele geschrieben. Das IOC, sagt er, liebe nicht die Spiele, sondern die Einnahmen

München – Der Österreicher Klaus Zeyringer hat unter anderem das zweibändige Werk „Olympische Spiele. Eine Kulturgeschichte“ geschrieben. Ein Gespräch über Profitstreben und ikonische Momente.

Herr Zeyringer: Das IOC tat sich zunächst schwer mit dem Winter. Ab wann wurden Winterspiele zur Erfolgsgeschichte?

Ökonomisch waren sie für das IOC lange keine Einnahmequelle. Zum ersten Mal so richtig berichtet wurde von Cortina d’Ampezzo 1956, da gab es auch schon Fernsehen. In dem Moment sind die Herren vom IOC draufgekommen, dass sie für die Medienrechte Geld verlangen könnten. Die olympische Bewegung wandelte sich von einer Fassadenideologie zu einem Kommerzzirkus. Ab den späteren 80er- und den 90er-Jahren ist daraus ein großes Geschäft geworden. Seit 1994 finden die Winterspiele auch nicht mehr im Jahr der Sommerspiele statt.

Lillehammer 1994 gilt bis heute als Inbegriff dessen, wie Winterspiele sein sollen. Alles nahe beieinander, in verschneiter Landschaft – vier Jahre später in der Großstadt Nagano war alles ganz anders. Wie kam es zu diesem Bruch?

Der Mythos von den tollen Winterspielen an einem Ort, das war 1960 Squaw Valley in den USA. An Lillehammer war das Besondere, dass auch alles an einem eher kleinen Ort konzentriert war – mit dem Unterschied zu Squaw Valley, dass ein enormes Defizit blieb und der norwegische Staat einspringen musste. Dann kam Nagano, wo ein japanischer Multimilliardär die Spiele für seinen Konzern veranstaltete. IOC-Präsident Samaranch hatte die offenen Spiele deklariert, es durften auch die Profis mitmachen, so wurde der Kommerz verstärkt. Gleichzeitig blieb immer ein Riesendefizit – aber nie beim IOC. Das hat stets verdient und als gemeinnütziger Verein fast eine Milliarde Rücklage angegeben. Lillehammer war der letzte Ausschlag einer ursprünglichen Idee von Olympismus, die inzwischen völlig zerbröselt ist.

München hatte, als es seine Bewerbung für 2018 aufsetzte, Bedenken, dass der Weg nach Inzell, Königssee oder Ruhpolding zu weit sein könnte – heute wären verstreute Wettkampfstätten keine Barriere mehr. Ist ein Zeitalter der Kompromisse angebrochen?

Die Anzahl der Wettbewerbe hat sich gesteigert, jetzt haben wir zehnmal so viele wie 1924 in Chamonix. Das erfordert mehr Infrastruktur. Heute ist es zudem so, dass die Herren des IOC Schwierigkeiten haben, Orte für Winterspiele zu finden. Sie haben ihren eigenen Anforderungskatalog gelockert, damit überhaupt noch was stattfindet. Nicht weil sie an Olympia hängen, sondern an den Einnahmen.

100 Jahre Winterspiele liegen hinter uns – werden weitere 100 folgen?

Man könnte annehmen, dass, so wie der Klimawandel ist, es schwierig für Winterspiele wird. Doch wir sehen, dass sich die Sportverbände daran klammern. Auch aus einem ökonomischen Grund, denn viele Sportarten bringen Geld: Alpin, Skispringen, Biathlon, Eiskunstlauf – das sind in unseren Ländern derartige Publikumsattraktionen, dass die Veranstalter nicht darauf verzichten wollen. Auch wenn neben der Skipiste die Blumen blühen. Schauen wir nur mal ins Fernsehprogramm: In Deutschland haben sie samstags und sonntags den ganzen Tag durchgehend Wintersport. Die nächsten zehn, zwanzig Jahre wird sich an diesem System nichts ändern.

Was waren die ikonischen Momente in 100 Jahren Winterspiele?

Das Eistanzen von Jayne Torvill und Christopher Dean 1984 in Sarajewo, der Bolero, das ist sicher einer der großen Momente. Oder wenn einer alle alpinen Wettbewerbe gewinnt wie Toni Sailer 1956 und Jean-Claude Killy 1968. Dann gibt es die emotionalen Momente. Der Sturz von Hermann Maier in der Abfahrt von Nagano 1998 und sein Sieg im nächsten Rennen, dem Super-G. Für die USA ist es das Wunder 1980 im Eishockey gegen die UdSSR. Für das Wiederaufbau-Deutschland nach 1945 war der Sieg von Georg Thoma 1960 in der Nordischen Kombination sehr wichtig. Da hat der schüchterne Postbote aus dem Schwarzwald gewonnen und das Bild eines sympathischen Deutschen in die Welt ausgestrahlt. Für Deutschland ist auch Rosi Mittermaier 1976 mit ihren überraschenden Skimedaillen ikonisch.

Interview: Günter Klein

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