Chamonix/München – Nachhaltig – so wichtig. Deswegen wurde ein Vertrag geschlossen. Der Deal mit dem Ort der Winterspiele: 40 Prozent der Einnahmen gehen an die Gemeinde, die sich dafür verpflichtet, die Infrastruktur 30 Jahre lang zu erhalten. Immerhin galt es, eine sündteure Winterarena zu errichten, in der 17 000 Menschen das Eishockey-Finale sehen können. Das IOC, ist es zur Besinnung gekommen? Lehnt sich sein deutscher Präsident Thomas Bach zufrieden zurück, weil die Agenda, die er für die olympische Bewegung aufgesetzt hat, greift?
Doch halt, wir befinden uns gar nicht in der Neuzeit, sondern müssen weit zurückreisen. Zu den ersten Winterspielen in Chamonix am Fuße des Montblanc. Den Vertrag über die Nachhaltigkeit, wie man heute sagen würde, gab es. Paris, 1924 als Gastgeber der Olympischen Sommerspiele ausersehen, hatte das kleine Chamonix dazu vergattert, nicht einfach was für ein paar Tage in die Landschaft zu stellen, sondern Bleibendes zu schaffen. Das olympische Gesetz sah vor, dass das Land der Sommerspiele im selben Jahr auch Winterspiele organisieren muss. Wobei: Als sie am 25. Januar 1924 begann, hieß die Veranstaltung noch sperrig: „Internationale Wintersportwoche unter Mitarbeit des Französischen Wintersportverbands und des Französischen Alpenclubs und unter der Hohen Patronanz des Internationalen Olympischen Komitees anlässlich der Spiele der VIII Olympiade.“ Erst 1925 verfügte das IOC rückwirkend: Okay, das in Chamonix waren die ersten Olympischen Winterspiele. Erst dann wurden Urkunden und Medaillen verschickt.
Der Grazer Germanist Klaus Zeyringer (siehe Interview) hat eine Kulturgeschichte der Olympischen Spiele geschrieben, dem Winter einen eigenen Band gewidmet. Ihm ist es zu verdanken, dass man heute noch etwas Griffiges lesen kann über ein Damals, das keine lebenden Zeugen mehr hat. Pierre de Coubertin, der das IOC gründete und die Olympischen Spiele der Neuzeit schuf, die erstmals 1896 in Athen ausgetragen wurden, hatte mit Wintersport nichts am Hut, denn der erfüllte nicht die Kriterien des Hellenismus. In der Antike in Griechenland gab es keinen Eislauf, kein Laufen auf Skiern, man rodelte nicht von Bergen hinab. Berge waren Orte der Sommerfrische. Auch Avery Brundage, späterer Präsident des IOC (1972 in München sprach er nach dem palästinensischen Attentat den Satz: „The Games must go on“), war gegen jegliches Wintertreiben. Da ging es nicht um Welt-, sondern um Nischensportarten, die manche unerhörterweise sogar professionell ausübten. Skilehrer etwa. Die durften nicht teilnehmen. Doch – und da klingt die Geschichte wie von jetzt – war Wintersport trendy. Vor allem Engländer und Amerikaner zog es in die europäischen Alpen, sie gründeten Ski- und Eissportclubs am Arlberg und in St. Moritz. In der Schweiz gab es im Winter 1910/11 für Skeleton und Bob 60 Bahnen, in Österreich erschlossen Lifte die Berge, Hannes Schneider, Skipionier vom Arlberg, lockte mit seinem Stummfilm „Das Wunder des Schneeschuhs“ die Massen 1921 in die Lichtspielhäuser.
Auch diese Zeit hatte ihre Influencer: Ernest Hemingway, der große US-Schriftsteller, trieb sich in Vorarlberg rum und ließ sich einen Bart wachsen – um das Gesicht bei Skistürzen zu schützen. In Engelberg in der Schweiz war Rudyard Kipling, Literaturnobelpreisträger und Autor des „Dschungelbuch“ unterwegs – beim Curling, Eis- und Skilaufen. Sein Sohn spielte im örtlichen Eishockey-Team. So bahnte sich die Wintersportbewegung ihren Weg. Von Olympia überzeugt werden mussten die Skandinavier, die ihre Nordischen Spiele mit Skispringen am Holmenkollen in Norwegen verteidigten, die Schweden ihren 85 Kilometer langen Wasalauf.
Die ersten Stars: Ulrich Salchow, ein Schwede, der das kunstvolle Gleiten übers Eis zur Livemusik (Streichquartett und Klavier) als Erster mit einem Sprung garnierte – der seinen Namen bekam. Der Finne Clas Thunberg räumte im Eisschnelllauf sechs Medaillen ab, drei in Gold, und wurde in Anlehnung an seinen Landsmann aus dem Langstreckenlauf der Leichtathletik „Paavo Nurmi des Eises“ genannt. Der Norweger Thorleif Haug war ein kleines Universalgenie, das im Langlauf, der Nordischen Kombination und im Skisprung auftrumpfte. Wobei er seine Bronzemedaille von der Schanze nachträglich verlor. Ohne Verschulden und lange nach seinem Tod. 1974 wurde ein Rechenfehler in den Ergebnislisten entdeckt, Thorleif Haugs Sohn übergab dann am Holmenkollen die Medaille an den greisen Anders Haugen, der mit 86 Jahren Dritter statt Vierter wurde. Eine Geschichte von olympischem Sportsgeist. Weniger untadelig agierte der unbekannte Saboteur, der am später siegreichen Bob von Chamonix ein Bremskabel abzwackte – die Manipulation wurde zum Glück bemerkt. Ach ja, Bob, die Disziplin der tollkühnen Männer. Im italienischen Fünferbob saß einer, der bereits eine kleine Schauspieler-Berühmtheit war: Luis Trenker, der Südtiroler Bergfex. Der Bob belegte den sechsten Platz – bei nur sechs Startern.
2024 finden die Olympischen Sommerspiele in Paris statt – wie vor 100 Jahren. Der Clou wird die Eröffnungsfeier sein. Nicht wie üblich im Stadion, sondern mitten im Leben der Stadt, auf und entlang der Seine. Was erscheint wie die Vision von einem neuen Olympia, das zugänglich ist für alle, gab es aber schon 1924 in Chamonix. Die Eröffnungsfeier war ein Zug durch den Ort, das Publikum, mit der Bahn angereist, stand in drei, vier Reihen Spalier, als die 300 Teilnehmenden vorbeischritten. Die Langläufer trugen die Ski über den Schultern, die Eisläufer hatten die Schlittschuhe umgehängt, die Bobs mit Besatzung wurden von Pferden gezogen. Die perfekte Parade des Sports.