„Wir wurden komplett alleingelassen“

von Redaktion

INTERVIEW Cetin Gültekin verlor beim Anschlag von Hanau seinen Bruder. Jetzt hat er ein Buch geschrieben.

Hanau – Vor vier Jahren, am 19. Februar 2020, erschoss ein Rechtsextremist in Hanau aus rassistischen Motiven neun Menschen, danach tötete er seine Mutter und sich selbst. Eines der Opfer war Gökhan Gültekin. Sein Bruder Cetin Gültekin erzählt in seinem Buch „Geboren, aufgewachsen und ermordet in Deutschland“ von erschreckenden Versäumnissen der Behörden. Und er beschreibt am Beispiel seines Bruders, wie schwer es für in Deutschland geborene Migranten-Kinder ist, von der Gesellschaft anerkannt zu werden.

Herr Gültekin: Wie schwer war es für Sie, dieses Buch zu schreiben?

Es hat mich große Überwindung gekostet. Aber um überhaupt eine Chance zu haben, Rassismus zu besiegen, musste ich es schreiben.

Es gab einen Untersuchungsausschuss zu den Versäumnissen vor und nach diesem rechtsextremen Massenmord. Was lief da alles schief?

Es war ein harter Kampf für uns Angehörige, diesen Untersuchungsausschuss durchzusetzen. Wir mussten zuvor für viel Geld eine private Untersuchungsagentur aus London, Forensic Architectures, beauftragen. Nur dank deren Hilfe kam raus, in welcher Dimension da alles schief gelaufen ist. Deshalb sind die Versuche der Politiker und Sicherheitsbehörden, alles zu vertuschen, gescheitert. Leider mussten wir am Ende des Untersuchungsausschusses lernen, dass in Deutschland Wahrheiten zwar nicht abgestritten werden, aber es folgten daraus keine politischen Konsequenzen.

Zum Beispiel?

Eines der neun Opfer, Vili Viorel Paun, hatte den Attentäter vom ersten zum zweiten Tatort verfolgt. Er hat dabei fünf Mal die Notrufnummer 110 gewählt – aber niemand ging ran! Die Polizei hat diesen Skandal nicht von sich aus zugegeben, sondern der Vater des Opfers musste das aufdecken. Wenn bei der Polizei jemand ans Telefon gegangen wäre, würde Vili noch leben! Am Ende kam raus, dass das Notrufsystem von Hanau über 20 Jahre lang personell und technisch nicht funktionsfähig war. Es war unterbesetzt und hatte keine Weiterleitungsfunktion.

Gab es Konsequenzen für die Polizei?

Nein, unsere Anzeige wurde niedergeschlagen. Wir haben 2022 in Frankfurt und Berlin eine Ausstellung organisiert, bei der wir Helikopteraufnahmen der Polizei zeigten, die 30 Minuten nach dem rassistischen Anschlag aufgenommen wurden. Diese Videoaufnahmen zeigen, dass zwei Stunden lang dem Piloten nicht die Adresse des rechtsradikalen Täters mitgeteilt wurde, obwohl die schon bekannt war. Der Präsident des Untersuchungsausschusses sah dieses Video bei der Ausstellung zum ersten Mal! Das heißt: Der Generalbundesanwalt hat dem Untersuchungsausschuss wichtiges Beweismaterial vorenthalten. Wenn nur Unterlagen zur Verfügung gestellt werden, die nicht wehtun, wie soll es da echte Aufklärung geben?

Wie konnte es sein, dass der psychisch auffällige Rechtsextremist Tobias R. einen Waffenschein hatte?

Der Rassist von Hanau war seit 2002 immer wieder in psychiatrischen Kliniken in Behandlung. In seiner Gesundheitsakte war verzeichnet, dass er „ungeheilt“ sei. Trotzdem bekam er 2013 seine Waffenbesitzkarte. Denn in diesem Jahr beschloss die Bundesregierung eine Gesetzesänderung, wonach für eine Waffenbesitzkarte keine Gesundheitsakte mehr nötig sei. Jeder Verrückte darf seit 2013 bei uns einen Waffenschein besitzen!

Bundespräsident Steinmeier, Kanzler Scholz und viele andere Politiker hatten den Hinterbliebenen nach dem Anschlag politische Konsequenzen versprochen. Gab es diese Konsequenzen, etwa beim Waffengesetz?

Leider nicht. Auf Demos riefen wir immer wieder: „Rassisten entwaffnen!“ Doch nach dem Anschlag von Hanau gab es einen regelrechten Boom bei Waffenscheinen für Rechtsradikale: Bis Ende des Jahres 2020 hatten 1200 Neonazis mehr Waffen als vor dem Anschlag. Dem damaligen Bundesinnenminister Horst Seehofer sagten wir: Die Rassisten sollen uns mit Messern, Kettensägen oder mit illegal besorgten Waffen angreifen, aber nicht auch noch mit legal erworbenen Pistolen oder Gewehren! Er versprach uns, das zu ändern. Aber ein paar Tage vor der Verabschiedung wurde die Gesetzesänderung vom Tisch gefegt. Eine kleine, aber mächtige Gruppe namens Pro Legal, die die Waffenhändler und Büchsenmacher vertritt, hat es geschafft, das Gesetz zu stoppen!

Haben sich nach dem Anschlag offizielle Stellen um die Angehörigen der neun Opfer gekümmert?

Wir wurden komplett alleingelassen. In einer Sporthalle warteten wir nach den Morden bis morgens sechs Uhr. Dann kam ein Polizeibeamter, der die Namen der Todesopfer einfach nur eiskalt herunterlas. Die Leiche meines Bruders lag zwei Tage lang am Tatort, danach verschwand sie in der Gerichtsmedizin. Erst im Untersuchungsausschuss erfuhren wir, dass der Gerichtsmediziner die Hanauer Polizei gebeten hatte, uns anzurufen, wenn wir vor der Obduktion Abschied nehmen wollen. Doch die Polizei gab diese Information nicht weiter. Im Gegenteil: Im einzigen Anruf, den wir von einem Polizisten bekamen, wurden wir als potenzielle Täter behandelt und gewarnt, dem Vater des rassistischen Mörders nichts zu tun – ein Mann, der selbst ein übler Rassist ist und wohl eher eine Gefahr für uns Angehörige ist.

Ihr Bruder hatte sich gewünscht, in der Türkei beigesetzt zu werden. Bekamen Sie da Unterstützung?

Nicht von deutscher Seite, nur vom türkischen Konsulat. In dem verstörenden, 19-seitigen Obduktionsbericht, in dem alle herausgeschnittenen Organe meines Bruders einzeln aufgezählt wurden, stand am Ende im Kleingedruckten: Gewebeproben behält die Gerichtsmedizin 18 Monate lang. Dieses Kleingedruckte hatte ich nicht gelesen. Nach 18 Monaten bekam ich dann ein kleines Styroporpaket mit Blut und Organen meines Bruders. Eine schreckliche Erfahrung. In einem Albtraum mahnte mich mein Bruder: Bring mir meine menschlichen Überreste, damit ich vollständig in den Himmel kann! Aber die Behörden erklärten mir, ich müsste das für tausende von Euro über ein Bestattungsunternehmen machen lassen. Ich habe mich dann darüber hinweggesetzt, habe mich ins Flugzeug gesetzt, selbst zwei Meter tief gegraben und auch diese Teile meines Bruders beigesetzt.

Derzeit läuft die politische Debatte über Zuwanderer und Abschiebungen wieder auf Hochtouren. Wie sehen Sie das?

Die Parteien spielen das Ausländer-Thema aus, weil die AfD so zulegt. Die Regierung versucht, Rassismus mit Rassismus zu bekämpfen. Das kann nicht klappen.

Machen Ihnen die AfD-Umfrageergebnisse Angst?

Ja, das macht mir sehr viel Angst. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen eine Partei mit einer Ideologie wählen können, die am Ende mit dem eigenen Tod endet: Hitler endete mit Selbstmord, Göring, die zwei Uwes des NSU. Und auch der Rassist von Hanau tötete sich selbst. Die Alliierten haben Hitler besiegt. Aber das „Nie wieder“ hat sich als Lüge entlarvt. Hitler ist weg, Höcke ist da. Göring ist weg, Weidel ist da. Diese Ideologie hat 2020 meinen Bruder getötet.

Interview: Klaus Rimpel

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