Nur eine Frage des Geldes

von Redaktion

Trotz Sanktionen gibt es in Moskau weiter fast alles zu kaufen – auch viele deutsche Produkte

Moskau – In Moskaus schillernder Einkaufswelt haben nach dem Weggang großer westlicher Ketten längst andere die Geschäfte übernommen. Im Jewropejski-Einkaufszentrum zum Beispiel gibt es kaum noch Leerstand. Mode aus der Türkei, Technik von Miele oder Apple, darunter das neuste iPhone: Vieles, was es nicht geben sollte, gelangt über Parallelimporte aus Drittländern nach Russland. Das Staatsfernsehen tönt immer wieder, die Sanktionen schadeten der EU deutlich mehr als Russland. Es gebe alles, was es zum Überleben brauche.

Zwei Jahre nach der Invasion läuft die Kriegswirtschaft auf Hochtouren. Der Konsum brummt. Zwar haben sich viele westliche Firmen wie Siemens, VW und Mercedes zurückgezogen. Trotzdem ist die Mehrheit auch deutscher Unternehmen weiter in Russland tätig. Sie wollen die über Jahre geleisteten Investitionen in Milliardenhöhe nicht einfach in den Wind schreiben. Der Großhandelskonzern Metro etwa verteidigt den Verbleib. „Wir tragen Verantwortung für unsere rund 9000 lokalen Mitarbeitenden und versorgen viele der klein- und mittelständischen Kunden mit Lebensmitteln“, so ein Sprecher. Seit Kriegsbeginn habe es in Russland aber keine Wachstumsinvestitionen mehr gegeben. Metro-Chef Steffen Greubel verwies Anfang Februar auf Zwangsenteignungen und erklärte, es sei nicht im eigenen Interesse, das Geschäft Oligarchen aus dem Umfeld Putins zu überlassen. Metro hat in Russland 93 Märkte, 89 in eigenem Besitz.

Laut dem Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft verzeichnete der Russland-Handel im vergangenen Jahr einen historischen Einbruch um 75 Prozent. Die Rohstoffgroßmacht, einst wichtiger Gas- und Öllieferant für Deutschland, fiel auf Platz 38 der Handelspartner. Der deutsche Handel mit Russland schrumpfte im Zuge der Sanktionen 2023 um drei Viertel auf 12,6 Milliarden Euro.

Vertreten sind aber weiter hunderte deutsche Unternehmen – vor allem dort, wo westliche Sanktionen nicht gelten, um nicht den einfachen Menschen in Russland zu schaden, etwa in den Branchen Lebensmittel, Landwirtschaft, Gesundheit und Pharma. Die Globus Markthallen Holding aus dem Saarland betreibt in Russland nur Lebensmittelmärkte. Auch bei Globus hat man Angst vor Enteignung im Falle eines Weggangs. Dem russischen Staat, so eine Sprecherin, würden dann erhebliche Vermögenswerte zufallen. Diese Ängste halten sich, seit Putin die internationalen Marken Danone und Carlsberg unter Zwangsverwaltung nahm.

In der Kritik steht auch Ritter Sport, weiter Schokolade nach Russland zu liefern. Das Unternehmen investiert dort zwar nicht mehr, aber Russland war für Ritter Sport nach Deutschland auch 2023 der größte Absatzmarkt. Viele Russen schätzen deutsche Waren. „Alles ist aber sehr teuer geworden“, klagt eine Seniorin in einem Supermarkt. Sie hat Kefir, Milch und Käse aus der Molkerei des deutschen Unternehmers Stefan Dürr im Korb. Der Baden-Württemberger ist Verwaltungschef des russischen Milchwirtschaftsverbandes Sojusmoloko und mit dem Unternehmen EkoNiva größter Produzent des Landes.

Für Moskauer mit höheren Einkommen aber tun sich wegen der Sanktionen bisweilen Hürden auf. „Computerprogramme zum Beispiel sind nicht einfach weiter nutzbar wie vor den Sanktionen“, erzählt der junge Grafiker Andrej. Auch die Bezahlung ist umständlicher geworden. Andrej hat deshalb ein Konto in der früheren Sowjetrepublik Usbekistan eröffnet, um so online und mit einer Visakarte bezahlen zu können. Für reiche Russen gelten die Möglichkeiten ohnehin als unbegrenzt. Sie können weiter beliebige Automodelle bestellen und in den Edelboutiquen internationaler Designer einkaufen. Wie Putin einmal sagte: Am Ende ist es nur eine Frage des Geldes. ULF MAUDER

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