München – Am morgigen Samstag jährt sich der Überfall Russlands auf die Ukraine zum zweiten Mal. Der Krieg tobt noch immer mit unveränderter Härte, eine Lösung ist nicht in Sicht. Oleksii Goncharenko (44) hat unmittelbar nach dem Angriff zur Waffe gegriffen und für die Ukraine gekämpft. Goncharenko ist Oppositions-Abgeordneter im ukrainischen Parlament und im Europarat Präsident der Parlamentarischen Versammlung für Migration, Flüchtlinge und Binnenvertriebene. Der in Odessa lebende Politiker war am vergangenen Wochenende Gast bei der Münchner Sicherheitskonferenz. Wir telefonierten mit ihm nach seiner Rückkehr in die Ukraine. Ein Gespräch über die schwierige Lage in der Ukraine und die Rolle Deutschlands.
Wie haben Sie den 24. Februar 2022 erlebt?
Ich werde diesen Tag mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Es war Parlamentswoche und am Tag davor hielt ich eine Rede im Parlament in Kiew, wo ich an die Adresse Putins sagte: Wenn ihr die Ukraine angreift, werden wir euch nicht mit Blumen, sondern mit Gewehren empfangen. Es war uns also klar, dass das passieren könnte – aber ich persönlich hatte geglaubt, dass es einen großen Angriff im Osten gibt. Dass die russische Armee Kiew und das ganze Land attackieren würde, damit hatte ich nicht gerechnet.
Wie erfuhren Sie von dem russischen Überfall?
Meine Frau, die mit unseren Kindern in Odessa war, weckte mich mit einem Anruf um fünf Uhr morgens. Sie sagte mir, dass es Explosionen in Odessa gebe. Und dann hörte ich schon Explosionen auch in Kiew – und es war mir klar, dass eine große Invasion im Gang war. Um sieben Uhr versammelten sich alle Abgeordneten im Parlament und wir stimmten für die Verhängung des Kriegsrechts und die Generalmobilmachung. Als klar war, dass die Russen auf Kiew zu marschieren, entschieden einige Abgeordnete und auch ich mich dazu, uns bewaffnen zu lassen und zu kämpfen.
Verfügen Sie über eine militärische Ausbildung?
Ich hatte überhaupt keine militärische Erfahrung, aber wir fühlten uns verpflichtet, Kiew verteidigen zu müssen. Ich bekam eine Kalaschnikow und schloss mich einem Bataillon der Territorialverteidigung an, dem ich fünf Wochen lang angehörte. Ich selbst musste nicht an vorderster Front kämpfen, sondern begleitete Evakuierungskonvois und war an Checkpoints. Aber auch ich geriet unter russischen Beschuss. Einige aus meinem Bataillon starben oder wurden verletzt. Und einige kämpfen noch immer.
Sie haben Kinder – wie erklärt man ihnen, dass plötzlich Krieg ist?
Ich habe zwei Buben, die zu Kriegsbeginn drei und 15 Jahre alt waren. Da ich in Kiew war und nicht bei ihnen, machte ich mir riesige Sorgen. Meine Frau beschloss, mit dem Auto in die Westukraine zu fliehen, wo sie Verwandte hat. Aber der ältere Sohn wollte nicht weg von seinen Freunden, von seiner Schule. Es war schwierig. Meine Familie blieb dann anderthalb Monate lang in der West-Ukraine, dann kehrte sie nach Odessa zurück – bis heute. Ins Ausland zu gehen, das kam für sie nie infrage.
Wie gehen die Kinder mit dem Krieg um?
Als ich im letzten Sommer mit meinem damals vierjährigen Sohn auf einem Spielplatz in Odessa war, gab es plötzlich Luftalarm. Explosionen waren in der Stadt zu hören. Ich war in großer Angst um mein Kind – aber er versuchte, mich zu beruhigen: Papa, mach dir keine Sorgen, das sind unsere. Er hörte am Geräusch der Raketen, dass es ukrainische Flugabwehrraketen waren! Und er hatte Recht! Das hat mich schockiert. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Kinder nie den Unterschied zwischen dem Geräusch von Angriffs- und Flugabwehrraketen lernen müssen.
Wie finden Sie es, wenn ukrainische Männer nach Deutschland fliehen, um sich dem Kriegsdienst zu entziehen?
Ich versuche, das nicht zu verurteilen, auch wenn ich diese Entscheidung nicht gut finde. Mir ist klar, dass nicht jeder in der Lage ist zu kämpfen. Aber auch wenn man nicht kämpfen will, kann man seinem Land auf andere Art helfen – Flüchtlinge oder Verwundete versorgen, für die Gesellschaft wichtige Arbeiten erledigen. Jeder sollte seinen Beitrag leisten.
Wie ist die Situation in Odessa heute?
Es ist vollkommen unberechenbar. Die heftigsten Bombardements gab es im vergangenen Sommer, als Putin versuchte, den Hafen von Odessa zu zerstören, der für den Getreide-Export überlebenswichtig ist. Vor drei Wochen wurde ein Gebäude getroffen, das nur rund 400 Meter von meinem Haus entfernt steht. Und im letzten Sommer traf es das Heim meines Nachbarn.
Wird Wladimir Putin in diesem Jahr, da der Ukraine zunehmend Waffen und Munition ausgehen, noch einmal versuchen, Kiew zu erobern?
Niemand weiß es, alles ist möglich. Ich bin kein Militär-Experte, aber ich glaube, dass die russische Armee dafür nicht die militärische Kapazität hat. Aber in der Ost-Ukraine wird es schwierig.
In Deutschland gibt es große Diskussionen um die Taurus-Lieferung. Warum braucht die Ukraine dieses Raketensystem?
Taurus ist extrem wichtig für uns, weil wir die russische Logistik angreifen müssen, die weit hinter der Frontlinie liegt. Nur so können wir so viele Menschenleben wie möglich retten. Dieses dritte Jahr der Invasion wird sehr hart für uns. Unsere Strategie ist: Verteidigung, keine neue Offensive. Wir wollen von keinem Land, dass sie uns Soldaten schicken – wir verteidigen uns selbst. Aber dafür müssen wir unsere Soldaten so gut wie möglich schützen.
Was erwarten Sie von Kanzler Olaf Scholz?
Die Deutschen müssten uns besser verstehen als viele andere Europäer, denn bis 1989 war auch ein Teil Deutschlands russisch besetzt. Deutschland ist nach den USA der Staat, der uns am meisten hilft, wofür wir sehr dankbar sind. Da die USA durch den Wahlkampf weitgehend gelähmt sind, muss jemand die Führungsrolle übernehmen – und Deutschland als starkes, großes Land könnte das tun. Ich hoffe, Deutschland wird das tun.
Interview: Klaus Rimpel