München – Catherine Reeves ist eigens aus Berlin angereist. Erst zum zweiten Mal überhaupt besucht die Direktorin der schottischen Botschaft in Deutschland München. Aber diesen unter großem medialen Echo stattfindenden Termin im Olympiapark – exakt 100 Tage vor der Fußball-EM – will sich Reeves nicht entgehen lassen. Und wie sollte es auch anders sein: Sie hat schottisches Wetter mitgebracht. Die bayerische Landeshauptstadt ist in tristes Grau gehüllt, Regen prasselt auf das denkmalgeschützte Dach des legendären Olympiastadions. Reeves aber schmunzelt: „Wenn es regnet, werden sich unsere Fußballer ein bisschen wohler fühlen.“
Die Schotten bestreiten am 14. Juni das Eröffnungsspiel gegen Deutschland in der Allianz Arena. Die dann übrigens während der EM sponsorenneutral „Fußball-Arena“ genannt wird. Für Reeves steht fest – egal ob Deutschland oder Schottland gewinnt: „Es gibt auf alle Fälle einen großen Sieg für die bayerisch-schottische Fußballfreundschaft.“
So sieht das auch Jill Gallard, britische Botschafterin in Deutschland: „Ich kann mir kein schöneres Eröffnungsspiel vorstellen und ich teile die riesige Vorfreude der vielen hunderttausend mitreisenden Fans aus Großbritannien.“ München sei als Partnerstadt der schottischen Hauptstadt Edinburgh ein wunderbarer Veranstaltungsort. Eine Verbindung, die in diesem Jahr ihren 70. Geburtstag feiert.
München als eine Gastgeberstadt (neudeutsch: „Host City“) der EM hofft unterdessen auf eine Wiederholung des Sommermärchens von 2006, als während der WM die positive Stimmung in die ganze Welt getragen wurde. „Das Kribbeln steigt“, erklärt Sport-Bürgermeisterin Verena Dietl (SPD). „Fußball hat das Verbindende, was unsere Gesellschaft braucht.“ Das Eröffnungsspiel ausrichten zu dürfen, sei eine Ehre. Man wolle den anreisenden Fans eine Atmosphäre vermitteln, in der sie sich zu Hause fühlen. Dafür sollen auch 1600 freiwillige Helfer sorgen, um die sich hauptverantwortlich der München-Botschafter Felix Brych kümmert. „Sie sind das Gesicht der Stadt und werden überall präsent sein“, sagt der zweimalige Fußball-Weltschiedsrichter. Sportreferent Florian Kraus (Grüne) betont: „München kann Großveranstaltungen.“ Zuletzt wurden im Januar in der Olympiahalle Spiele der Handball-EM ausgetragen. In bester Erinnerung sind außerdem die European Championships 2022.
Neben der Arena in Fröttmaning wird die Fan-Zone im Olympiapark der zentrale Anlaufpunkt für Public Viewing sein – wie schon zur Heim-WM 2006. Hier werden auf drei Leinwänden alle 51 Spiele übertragen. Der größte Bildschirm (120 Quadratmeter) wird im Olympiasee vor den Rasenstufen stehen.
Olympiapark-Chefin Marion Schöne hofft auf eine Million Besucher während der 31 EM-Tage. Das entspräche gut 30 000 pro Tag. „Es soll ein Ort der Begegnung werden, ein europäischer Ort“, sagt Schöne. Das Olympiastadion selbst steht diesmal nicht zur Verfügung, weil dort parallel zur EM Konzerte stattfinden und dann die ersten Vorarbeiten zur großen Sanierung der Arena anstehen.
Großes Public Viewing soll es in München unter anderem auch im Augustiner-Biergarten an der Arnulfstraße und im Backstage geben. Im Olympiapark wird zudem ein umfangreiches Musik-, Kultur- und Actionprogramm geboten sein. Über 30 Bands verschiedenster Genres werden in der Fan-Zone auftreten, darunter die Münchener Freiheit oder Moop Mama. Darüber hinaus wird es einen Poetry-Wettbewerb geben, Fußball-Freestyle-Profi Patrick Bäurer wird sein Können zeigen und Workshops anbieten. Ebenso stehen Comedy-Shows, Inklusionsspiele, ein E-Sport-Tag oder Open-Air-Kino auf dem Programm.
Ein atemberaubendes, aber nicht ganz günstiges Vergnügen mit grandioser Aussicht verheißt der Flying Fox. Für 29 Euro kann man vom Gipfel des Olympiabergs bis zur Wiese vor der Olympia-Schwimmhalle mit 50 Stundenkilometern herunterdonnern. Das Dach der kleinen Olympiahalle wird bis zum Ende des Turniers der Schriftzug „Munich loves Europe“ zieren.
21 Millionen Euro lässt sich die Stadt das Begleitprogramm zur Fußball-EM kosten. Geld, das nach Auffassung von Bürgermeisterin Dietl aber gut investiert ist, weil die hiesige Wirtschaft vom Besuch der zahlreichen Fans und Touristen profitiere. Dietl, die dem TSV 1860 nahesteht, hat übrigens schon vor 20 Jahren selbst erleben dürfen, wie sich schottische Fußball-Atmosphäre anfühlt. Damals habe sie mit Freunden ein Länderspiel der DFB-Elf in Glasgow besucht. Brych wiederum durfte dort als Schiedsrichter bereits mehrere Partien leiten: „Unglaublich, diese Stimmung“, sagt er: „Die leben Fußball.“ Oder wie man in München sagen würde: Die Schotten sind fußballnarrisch.
In landesüblichem Idiom ist auch die Grußformel zur Pressekonferenz im Olympiapark gehalten: „Servus Europa“, steht auf der Leinwand. In 100 Tagen ist es so weit. Der Countdown läuft.