Andechs – Drei hölzerne Stiegen geht es hinauf zum Schatz der Andechser Wallfahrtskirche. Dann steht man vor einer alten, mit schweren Eisenbändern verstärkten Eichentür. Zwei Schlüssel werden benötigt, um die dunkle Tür zu öffnen. Doch auch dann ist der Zugang zur Heiligen Kapelle noch nicht frei. Frater Leonhard muss erst noch die Tür eines Eisengitters aufschließen – dann steht man in der bedeutendsten Seitenkapelle im nördlichen Obergeschoss der Wallfahrtskirche. Unter spätgotischem Netzgewölbe sind über dem Altar und an den Seitenwänden hinter Glas kostbare Reliquien ausgestellt: Der Heiltumsschatz, der bis ins 10. Jahrhundert zurückreicht.
Unter den Kostbarkeiten ist ein 52 Zentimeter hohes, vergoldetes Bergkristallkreuz aus der Zeit um 1390, das in seiner Mitte, verschlossen von zwei holzgefassten Gläsern, einen winzigen Dorn beherbergt – aufgehängt an Flussperlen, die auf Golddraht aufgezogen sind. „Das ist der kleine Dorn, der der Legende nach von der Dornenkrone Christi stammen soll“, erklärt Stiftsarchivarin Birgitta Klemenz von der Benediktinerabtei St. Bonifaz in München und Andechs.
Viele Legenden ranken sich um Reliquien, die bis in die Zeit Jesu zurückreichen sollen – sogenannte Herrenreliquien. Die Dornenkrone Christi soll mit den Kreuzzügen über Konstantinopel nach Venedig gelangt sein. 1238 kaufte der französische König Ludwig IX., genannt „der Heilige“, sie für die damals astronomische Summe von 13 134 Goldstücken und ließ eigens für sie in Paris die Sainte-Chapelle bauen. Bis zur Französischen Revolution (1789–1799) war sie dort – dann wurde sie zum Schutz im Vatikan aufbewahrt, wo sie längs in zwei Teile durchtrennt wurde. Ein Teil verblieb in Rom, der andere kehrte zurück nach Paris und wurde in der Kathedrale Notre Dame aufgehoben. Beim Brand am 15. April 2019 wurde sie vom Seelsorger der Feuerwehr vor den Flammen gerettet.
Ob echt oder nicht: Für Birgitta Klemenz ist die Diskussion über die Echtheit der Reliquien nicht entscheidend: „Das sind einfach Dinge, die der Mensch braucht. Er ist optisch verhaftet, will immer etwas sehen, am besten auch anlangen.“ Das seien dann Gegenstände, die man mit Inhalten verbinde, die man nicht sehen kann. „Wenn Leute wissen wollen, was es damit auf sich hat, frage ich sie: Haben Sie die ersten Zähne ihrer Kinder noch zu Hause?“ Oder eine vertrocknete Rose vom Brautstrauß? „Das ist genau das gleiche“, sagt sie. „Es ist letztlich die Verbindung, die ich habe zu dem, was mir diese Reliquie sagen will.“ Christusverehrung, die man auf diese Art und Weise greifbar mache.
Wie auch immer: Für das Geschlecht der Andechs-Meranier und später der Wittelsbacher waren die Reliquien ein kostbarer Schatz und Zeichen ihrer Herrschaft. Daher war der Heiltumsschatz auch dreifach gesichert, wie die Stiftsarchivarin weiß. „Früher gab es drei Schlüssel. Die hatten der Kurfürst, der Abt und der Pater, der für die Reliquien zuständig war. Wenn die Wallfahrtssaison zu Ende war mit dem alten Kirchweihfest Ende September, blieb der dritte Schlüssel bis Anfang Mai beim Kurfürsten.“ Das hätte beinahe das Ende des Reliquienschatzes bedeutet, denn am 3. Mai 1669, „da war der dritte Schlüssel noch beim Kurfürsten in München, gab es einen Brand in Andechs“.
Wie durch ein Wunder wurde das Feuer an einem Eichenbalken gestoppt, die Reliquien blieben unversehrt. Der Balken, an dem sich die Flammen brachen, ist sogar noch zu sehen. „Von da an ist man auf Nummer sicher gegangen und hat auch den dritten Schlüssel hier verwahrt. Das macht deutlich, dass der Reliquienschatz für die Wittelsbacher eine große Bedeutung hatte.“
Der Überlieferung nach kamen die ersten Reliquien über den legendären Graf Rasso im frühen Mittelalter nach Andechs. Von einem sagenhafte 2,50 Meter großen Ritter wird berichtet, der zwischen 909 und 948 von Herzog Heinrich I. mehrfach zur Abwehr von Angriffen der Ungarn im Innviertel eingesetzt worden sei. 951 soll er in Wörth – dem heutigen Grafrath – ein Benediktinerkloster gegründet haben, das aber schon 955 von den Ungarn zerstört worden sei. Das Kloster wurde nach Dießen und dann nach Andechs verlegt.
Rasso begab sich der Legende nach ins Heilige Land und brachte wertvolle Reliquien – darunter Partikel des Kreuzes Christi und der Dornenkrone – mit: der Grundstock für den Heiligen Schatz, der bis heute in Andechs gehütet wird. Öffentlich präsentiert wird die Reliquie mit dem Dorn nicht mehr. Bei Führungen können Besucher vom Gitter aus einen Blick darauf werfen.
Lebendig ist in Andechs indes die Verehrung der „Drei Hostien“, die in einer prächtigen Barockmonstranz in der Mitte der Heiligen Kapelle aufbewahrt werden. Zwei Hostien sollen von Papst Gregor dem Großen (6. Jahrhundert) herrühren und weisen blutfarbig das Kreuz bzw. ein Fingerglied auf; die dritte mit dem Monogramm Jesu in Blut soll auf Papst Leo IX. (11. Jahrhundert) zurückgehen. Sie bilden das Kernstück des Andechser Heiltumsschatzes. Am letzten Sonntag im September findet hier noch immer das traditionelle Dreihostienfest statt.
Wenn am Freitag in der Wallfahrtskirche in Andechs die Liturgie vom Leiden und Sterben Christi gefeiert wird, dürften nur wenige Gläubige wissen, dass im nördlichen Obergeschoss des Gotteshauses ein wertvolles Reliquiar mit dem kleine Zweig aus der vermeintlichen Dornenkrone Jesu aufbewahrt wird. Ein Dorn, der seit Jahrhunderten seinen Platz auf dem Heiligen Berg hat – im Verborgenen und gut gesichert.