Darum melden sich junge Leute häufiger krank

von Redaktion

VON VINZENT FISCHER

München – Maria Heim ist fassungslos. So fassungslos, dass sie zum Handy greift und ein Video für die Social-Media-Plattform TikTok aufnimmt. „Können wir mal bitte kurz darüber reden, in was für einer kranken Welt wir eigentlich leben?“, fragt die 20-Jährige. Es könne nicht sein, dass man für eine Krankmeldung „fertiggemacht“ wird. „So viele Menschen, inklusive mir, haben oder hatten Angst, sich beim Arbeitgeber krankzumelden“, meint Heim. Angst, dadurch den Job zu verlieren, von Kollegen schief angeschaut zu werden oder vom Chef um ein Gespräch gebeten zu werden. Dutzende TikTok-Nutzer stimmen ihr in den Kommentaren zu, teilen ihre Erfahrungen. „Ich wurde gerade wegen Krankheit gekündigt“, klagt etwa ein junger Mann.

Das Thema ist mittlerweile zur Generationenfrage geworden. Dass es in der Arbeitswelt Konflikte zwischen Jüngeren und Älteren gibt, ist an sich nichts Neues. Vor allem der Generation Z (geboren zwischen 1997 und 2010) wird häufig vorgeworfen, nicht richtig anpacken zu wollen: Junge Leute ecken bei vielen älteren Menschen an, wenn sie etwa eine Vier-Tage-Woche oder Homeoffice fordern. Beim Thema Krankmeldungen ist der Argwohn allerdings besonders groß: Laut einer Studie der Krankenkasse Pronova BKK vermuten drei Viertel der Befragten, dass 18- bis 29-Jährige öfter mal blaumachen. Je jünger die Arbeitnehmer, desto höher das Misstrauen der Befragten. Befragt wurden Menschen aller Generationen.

Was jungen Menschen dabei nicht gerade zugutekommt: Daten der Krankenkassen zeigen tatsächlich, dass sich jüngere Arbeitnehmer häufiger krankmelden als ältere. Die DAK Bayern etwa teilte auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass die Zahl der Krankschreibungen bei den unter 20-Jährigen mehr als doppelt so hoch sei als bei Beschäftigten in ihren 30ern. Liegt das tatsächlich an mangelnder Arbeitsmoral?

Patrizia Thamm ist Wirtschaftspsychologin und hat die Studie der Pronova BKK ausgewertet. Dass sich jüngere Menschen häufiger krankmelden, hat ihrer Meinung nach nichts mit Faulheit zu tun. „Es ist erkennbar, dass sich die junge Generation durch ein sensibleres Frühwarnsystem für die eigenen Bedürfnisse auszeichnet, was aus meiner Sicht sehr wertvoll ist“, meint Thamm.

Die Generation Z schreibe ihrer Selbstfürsorge und eigenen Gesundheit eine hohe Priorität zu, sagt die Expertin. Sie ziehe „nicht um jeden Preis das Arbeitspensum durch, wenn sie gesundheitlich angeschlagen ist“.

Die hohe Zahl der Krankmeldungen bei der jüngsten Altersgruppe ist laut DAK Bayern auch auf das größere Unfall- und Verletzungsrisiko jüngerer Beschäftigter durch deren Freizeitaktivitäten zurückzuführen. Gleichzeitig würden sich junge Menschen aber auch schneller wieder erholen. Bei der Datenauswertung muss unterschieden werden, wie häufig und wie lange am Stück Arbeitnehmer krank sind. Die Generation Z hat demnach zwar mehr Krankmeldungen über das Jahr verteilt, aber in der Summe weniger Fehltage als ihre älteren Kollegen. Grund: Ab 35 Jahren steige die Krankheitsdauer steil an, heißt es von der Krankenkasse.

Ein weiterer Grund für den Anstieg von Krankmeldungen könnte auch sein, dass einfach mehr erfasst werden: Denn seit 2022 gibt es die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU). „Die eAU sorgt dafür, dass Krankmeldungen automatisch von der Arztpraxis an uns übermittelt werden und sich die Dunkelziffer dadurch drastisch verkleinert“, sagte Sophie Schwab, Landeschefin der DAK in Bayern, unserer Zeitung. Bis dahin mussten Patienten ihre AUs händisch per Scan oder Post an die Krankenkassen übermitteln. Gerade jüngere Beschäftigte hätten daher schlichtweg vergessen, den „gelben Zettel“ an ihre Krankenkasse zu schicken.

Auffällig ist aber auch, dass bei jungen Leuten vor allem seit dem Ende der Pandemie die Zahl der Krankmeldungen und Fehlzeiten in die Höhe geschossen ist. Laut den Daten der Krankenkassen war der Anstieg der Atemwegserkrankungen und Infektionskrankheiten gravierend – und dabei war besonders häufig die Altersgruppe der Generation Z betroffen.

Thomas Grobe vom Gesundheits-Institut „aQua“ in Göttingen beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Gesundheitsdaten der Krankenkassen. Er erklärt das so: Schon vor der Pandemie hätten Infektionskrankheiten bei der jüngeren Generation eine große Rolle gespielt. Die meisten Fehlzeiten waren auch dann schon auf Erkältungserkrankungen, also Krankheiten des Atmungssystems, zurückzuführen. „Und die sind nach dem Wegfall der Corona-Schutzmaßnahmen extrem nach oben gegangen“, sagt der Experte. Dass man plötzlich wieder „allen möglichen Erkältungserregern“ ausgesetzt war, dürfte laut Grobe jüngere Menschen noch stärker getroffen haben als ältere.

Der Experte führt das auf die mangelnde Erfahrung des Immunsystems bei jüngeren Menschen zurück. Die Generation Z befinde sich in einer „Post-Covid-Phase“. Das könnte ein Grund sein, weshalb jüngere Menschen in den letzten beiden Jahren stärker betroffen waren als die älteren Beschäftigten, „die vor Corona schon erheblich mehr Erfahrungen mit Erregern gemacht haben“.

Thomas Grobe ist skeptisch, was Vorwürfe an die Generation Z angeht. „Ich wäre zurückhaltend damit, aus den Daten Trends mit Blick auf Generationen abzuleiten“, sagt er. Es spreche „einiges dagegen“, dass es sich um ein „Generationenproblem“ handelt, so der Experte. Und: Generell sei die Anzahl der Krankmeldungen bei jungen Berufstätigen schon immer traditionell deutlich höher gewesen als bei älteren. Arbeitgeber würde aber vielmehr die Summe aller Fehltage interessieren: Und die ist wiederum bei den Älteren höher.

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