Die Generation Z hat bei vielen Menschen keinen guten Ruf. Psychologe Rüdiger Maas vom Institut für Generationenforschung in Augsburg beschäftigt sich seit Jahren mit diesem Phänomen. Im Interview erklärt er, was an den Vorurteilen gegenüber jungen Menschen dran ist.
Herr Maas, drei Viertel aller Arbeitnehmer bescheinigen der Generation Z, sich krankzumelden, obwohl sie eigentlich fit wären. Woher kommt dieses Misstrauen?
Das hängt von mehreren Dingen ab. Ich kann mir vorstellen, dass sich viele Ältere krank in die Arbeit geschleppt hätten und die Jüngeren da einfach mehr drauf achten als die Älteren. Viele sagen dann aus ihrer Vita heraus: ‚Oh, das hätte ich mich damals aber nicht getraut, ich wäre da noch in die Arbeit.‘ Das Problem bei solchen Studien oder Erhebungen ist, dass wir keinen Vergleich haben, wie das vor zehn oder 20 Jahren war, um einen Generationeneffekt herauszukriegen. Das ist erst mal nur eine Vermutung.
Trotzdem haben junge Leute oft eine andere Einstellung zum Arbeitsleben als ihre älteren Kollegen.
Das ist richtig. Wir wissen zum Beispiel, dass die Jüngeren Durchschnitt viel weniger Überstunden machen. Wir haben auch in Befragungen bei Jüngeren oft Antworten gehört wie: ‚Der Durchschnitt in meiner Branche ist über 25 Tage krank im Jahr. Ich hatte erst zehn Tage Krankheit, mir stehen noch 15 zu.‘ Das ist neu, das hatten frühere Berufseinsteiger in der Form nie geäußert. Das ist eine völlig andere Perspektive auf die Arbeit. Es kann sein, dass diese Denkweise in ein paar Jahren von der Generation Z auf die anderen übergeht. Wir sprechen von Interaktionseffekten. Das ist natürlich keine schöne Prognose für Arbeitgeber.
Weshalb melden sich jüngere Menschen häufiger krank als ältere?
Bei den Jüngeren sind es oft Tageskrankheiten. Wegen eines Schnupfens oder irgendetwas Leichterem bleibt man jetzt zu Hause. Aber auch die psychischen Krankheitsbilder der Jüngeren sind rapide gestiegen. Wenn wir die Jüngeren von heute mit den Jüngeren vor zehn oder 20 Jahren vergleichen, sehen wir einen enormen Anstieg.
Um welche Erkrankungen geht es da?
Wir haben eine Steigerung an Depressionen, Anpassungsstörungen und Angststörungen. Diese Krankheiten werden jetzt ernster genommen als früher, aber an manchen Punkten auch überinterpretiert. Das heißt, es wäre schon noch möglich zu gehen, aber mir stehen ja noch Krankheitstage zu. Und mir passiert nicht mehr so viel, wenn ich jetzt einfach länger krank oder öfters krank bin. Es wird durch die Kollegen nicht mehr sanktioniert. Was natürlich im echten Krankheitsfall sehr gut sein kann, führt im Falle einer Aggravation (das bewusste Übertreiben vorhandener Krankheitssymptome, Anm. d. Red.) zu einer erhöhten Anzahl an Fehltagen.
Woher kommen diese Denkweisen?
Dafür gibt es viele Gründe. Wir haben einen Anstieg an überfürsorglichem Verhalten der Eltern, die vieles überinterpretieren. Die Eltern der Vorgängergenerationen waren da oft gelassener, vielleicht auch an einigen Stellen wieder zu gelassen. Außerdem kann man heute jedes Krankheitsbild auch ergoogeln und sich schnell in etwas reinsteigern. Aber am Ende sind es die Ärzte, die den Patienten krankschreiben. Es ist heutzutage auch einfach sozial erwünscht, dass sich jüngere Arbeitnehmer nicht mehr kaputtarbeiten – nicht so wie ihre Eltern. Jüngere Menschen identifizieren sich nicht mehr so über die Arbeit. Viele aus der Generation Z haben eine klare Trennung von Arbeit und Freizeit.
Welche Konsequenzen sollten Chefs ziehen?
Am Ende des Tages müssen Arbeitgeber auch schauen, welche Leute sie einstellen. Wenn ich einen hohen Krankenstand bei der Generation Z habe, auch aus psychischen Gründen, oder viele dann einfach weniger willig sind, zur Arbeit zu kommen, muss ich entsprechend reagieren. Da geht es zum Beispiel um die Gruppendynamik. Es gibt auch einen Grund, warum ich mein Team im Stich lasse. All diese Dinge müssen wir mitberücksichtigen.
Was raten Sie jungen Arbeitnehmern?
Wenn jemand krank ist, ist er krank, dann hat er das Recht, zu Hause zu sein. Das steht mir nicht zu, das zu werten. Ich würde mir aber wünschen, dass die Jüngeren nicht bei jeder Kleinigkeit zusammenbrechen, sondern sich zusammenreißen. Dass sie eine Frustrationstoleranz entwickeln und länger dranbleiben, auch wenn es unangenehm wird. Denn daraus kann auch etwas Angenehmes werden, auf das man stolz blicken kann. Wir sollten alle einen gesunden Mittelweg gehen. Wegen jeder Kleinigkeit zu Hause zu bleiben ist genauso schlimm, wie nie zu akzeptieren, dass man krank ist. Interview: Vinzent Fischer