Gibt Ismaik gerne Kontra: 1860-Präsident Reisinger. © Imago
Die ganze Misere ging schon los, als dem Krisenstab in der Grünwalder Straße 114 ein folgenschwerer Kalkulationsfehler auffiel. Kurz nachdem Hasan Ismaik 2011 zugesichert hatte, 49 Prozent der Anteile an der vor der Insolvenz stehenden TSV 1860 GmbH & Co. KGaA zu kaufen, wurde noch mal nachgerechnet. Es stellte sich heraus, dass 13 Millionen Euro nicht reichen würden, um sämtliche Altgläubiger zu bedienen. Auf die Schnelle mussten weitere fünf Millionen her. Ismaik sprang erneut ein, ließ sich aber weitere, aufgrund von 50+1 jetzt stimmlose Anteile überschreiben. 60 Prozent an ihrem Profifußball, wie passend, gehören seither nicht mehr den Sechzgern.
Viel hat am Ende nicht gefehlt, um eine symbolische Kaufsumme von 18,6 Millionen Euro zu erreichen, doch für solche Scherze hatte damals keiner bei 1860 den Kopf frei. Die Schicksalsfrage hatte ja gelautet: Insolvenz oder Rettung durch einen externen Geldgeber? Am Ende, auch weil einige Funktionäre sonst eigenes Geld verloren hätten, wurde es der jordanische Geschäftsmann. Kein Scheich, wie Ismaik oft fälschlicherweise genannt wird, aber ein maximales Kontrastprogramm zu den doch eher bodenständigen Blauen aus Giesing. Fliegt mit dem Privatjet ein, fährt im Limousinen-Konvoi vor und qualmt dann alles mit seiner Zigarre voll. Keiner im 1860-Kosmos kannte am Anfang diesen Ismaik, den noch dazu – Höchststrafe – der FC Bayern vermittelt hatte. Viele bei 1860 sagen heute: Die Insolvenz samt Neuanfang im Amateurfußball wäre die bessere Wahl gewesen.
Aber: Man hat diesen Ismaik nun an der Seite. An der Backe, würden seine Gegner vom e.V.-Lager wohl sagen. Auch heute, 13 Jahre später, weiß man nicht viel über ihn, die Herkunft seines Geldes, seine Ziele und Motive. Anfangs flog er noch regelmäßig ein, nach dem Absturz in die 4. Liga (2017), an dem er nicht unschuldig ist, immer seltener. Beide Seiten, die sich seit 2011 mit Inbrunst bekriegen, haben gute Gründe, diese Kooperation zu verteufeln. Die Funktionäre des Muttervereins, eng verbandelt mit den Kommerz und Investoren ablehnenden Ultras, hassen das Gefühl, die Selbstbestimmtheit verloren zu haben, die Markenrechte und noch vieles mehr. Ismaik dagegen dachte, er kauft sich mit den 60 Prozent auch die Macht. Die 50-1-Regelung, die im deutschen Fußball gilt und den Verein stützt, ist ihm ein Dorn im Auge, er hat sogar dagegen geklagt.
Auch am Sonntag, 16. Juni, wenn die 1860-Mitglieder einen neuen Verwaltungsrat wählen, geht es um Macht und Einfluss. Robert Reisinger ist keiner wie Abstiegspräsident Peter Cassalette, der Ismaik schalten und walten lässt, sondern einer, der Kontra gibt und sich auf seine Unterstützer in den e.V.-Gremien verlassen kann. Wie es ausgeht? Offen! Nur eins scheint sicher: Ismaik ist trotzig, stolz und umtriebig genug, um auch bei einer Wahlpleite seinen Widersachern das Leben zur Hölle zu machen. ULI KELLNER