München – Sie jagt die bösen Buben bei der EM: Während Millionen Menschen die Spiele auf dem Fußballplatz verfolgen, blickt Anne Simon (47) vor allem auf die Ränge. Seit 2017 ist die Oberstaatsanwältin für Straftaten in Münchner Stadien zuständig – auch jetzt bei der Europameisterschaft.
„Der Großteil der Fans ist friedlich und vernünftig“, sagt Simon. Aber es gibt fast immer einzelne schwarze Schafe, die Schlägereien anzetteln, Becher werfen, aufs Spielfeld rennen oder Nazisymbole im Block zeigen. 389 Fälle hat Anne Simon mit ihrer Abteilung in der Fußball-Saison 2023/24 bearbeitet – jeweils nach Anzeige durch die Polizei. Allein 253 davon in der Allianz Arena. Der Großteil sind Körperverletzungsdelikte, Hausfriedensbruch oder Beleidigungen – vereinzelt gibt es auch den Raub von Fanschals oder verbotene Pyrotechnik.
„Sehr zufrieden“ zeigt sich Anne Simon mit dieser Bilanz. Denn auf die Saison gesehen sind es „wenige Einzelfälle“, gemessen an den hohen Zuschauerzahlen. Aber: Tätern drohen Geld- oder sogar Freiheitsstrafen, wenn sie erwischt werden. Für die Ermittlungen im Stadion setzen Polizei und Staatsanwaltschaft hochmoderne Videotechnik ein. Auch im Nachhinein lassen sich Kriminelle so noch identifizieren. „Kein Straftäter soll sich im Stadion sicher fühlen“, warnt Anne Simon, die vor Ort nicht nur vorläufige Festnahmen anordnen kann, sondern auch Drogentests. Wer im Stadion randaliert oder andere Fans attackiert, kann sogar in Zellen gesperrt werden – denn die Allianz Arena verfügt über eine Gefangenensammelstelle.
„Die Fans sollen ein schönes Fußballfest erleben und das auch sicher genießen können“, sagt Bayerns Justizminister Georg Eisenreich (53, CSU). In der jetzigen Lage sei das eine besondere Herausforderung. „Deswegen bereiten wir uns, wie bei jedem Großereignis, gut vor und arbeiten eng mit der Polizei zusammen“, sagt Eisenreich.
„Wir haben Spezialisten vor Ort im Stadion und bei der Polizei. Insgesamt sind sieben Staatsanwältinnen und Staatsanwälte während der EM im Einsatz.“ Drei sind direkt im Stadion, zwei im Polizeipräsidium und weitere zwei haben Bereitschaft. „Während der EM arbeiten wir rund um die Uhr“, sagt Anne Simon. Ihr Ziel: Fans vor allem von Gewalttaten abhalten. Schon Stunden vorher ist sie an Spieltagen im Stadion.
„Wir nehmen die Lage ernst, weil auch Kriminelle und Terroristen solche Großereignisse in den Blick nehmen können“, erklärt Eisenreich. Auf jede EM-Begegnung bereiten sich die Stadion-Staatsanwälte deshalb wie auf ein Hochrisikospiel vor. „Wir wissen nicht, was passieren wird, und sind deshalb gut vorbereitet.“
Der deutschen Mannschaft wünscht Anne Simon „ein gutes Turnier mit erfolgreichem Ausgang“. Doch was auf dem Rasen passiert, „ist für uns sekundär“. Denn für die Ermittler sei der ungehinderte Ablauf mit der Polizei wichtig, falls es zu Straftaten kommt. Sogar Untersuchungshaft sei möglich, wenn ein schweres Delikt vorliege und Fluchtgefahr bestehe. ANDREAS THIEME