München – Amalgam spielt in der Zahnmedizin kaum noch eine Rolle – und trotzdem wird immer wieder darüber gestritten. Frank Wohl (59) ist Präsident der bayerischen Landeszahnärztekammer und seit mehr als 30 Jahren Zahnarzt – das Amalgamverbot hält er für falsch.
Herr Wohl, warum halten Sie das Verbot für falsch?
Weil es keinen Grund dafür gibt. Es ist nichts dran an den Vorwürfen, dass Amalgamfüllungen schädlich für den Körper sind. Ich habe in den letzten Jahrzehnten immer wieder erlebt, dass Amalgam für alle möglichen Gesundheitsstörungen verantwortlich gemacht wird – auch für Impotenz. Aber die wissenschaftliche Datenlage ist hieb- und stichfest.
Der EU geht es beim Verbot auch um die Umwelt.
Den Umweltaspekt verstehe ich, aber seit über 35 Jahren haben die Zahnärzte in Deutschland einen Amalgamabscheider an den Behandlungsstühlen, sie filtern 98 Prozent des Quecksilbers aus dem Amalgam. Von der Seite der Zahnärzte kommt nichts in die Umwelt. Es ärgert mich deshalb, dass jetzt Druck auf deutsche Zahnärzte aufgebaut wird, weil andere Länder bei der Amalgamentsorgung nicht so penibel sind.
Ein Amalgamverbot ergibt also zumindest in Deutschland keinen Sinn?
Ja, wir entsorgen Amalgam mit preußischer Korrektheit. Wir sind die Musterknaben, während das andere Länder viel lockerer handhaben. Die Zahnärzte hierzulande zahlen für Amalgamabscheider tausende Euro. Die Patronen dafür müssen regelmäßig getauscht und aufwendig entsorgt werden – das ist eine kostspielige Angelegenheit. Wozu macht man das alles, wenn dann das Verbot von der EU kommt?
Was wäre denn Ihr Vorschlag?
Die EU sollte Grenzwerte für die Amalgamentsorgung einführen, die Zahnarztpraxen in den 27 Mitgliedsstaaten sollten diese Grenzwerte umsetzen. Das Durchdrücken von weltfremden Beschlüssen fördert nicht gerade die Beliebtheit der EU. Hier geht es um politischen Aktivismus – und der ist hier völlig unverhältnismäßig.
Mittlerweile werden fast keine Amalgamfüllungen mehr eingesetzt. Ist es da nicht egal, wenn der Stoff verboten wird?
Das kann man so sehen. Aber ich bin der Meinung, dass man nicht alles zu Tode verbieten muss. Das Verbot zieht einen Rattenschwanz an Umsetzungen nach sich – und die Umweltkosten werden bei uns Zahnärzten hängen bleiben. Auch wenn wir kein Amalgam mehr verfüllen dürfen, den Abscheider brauchen wir trotzdem. Schließlich müssen wir immer wieder alte Amalgamfüllungen entfernen.
Und was ändert sich nun für Patienten?
Gar nichts. Es wird weiterhin die Basisversorgung geben – und wie bisher die Möglichkeit der Zuzahlung für aufwendigere Versorgung. Patienten müssen sich also keine Sorgen machen: Es kommt keine hohe Zuzahlung auf sie zu und die Qualität wird aufrechterhalten.