Bei Zimmertemperatur ist Quecksilber flüssig. © Bionerd
Zahnärztin Cosima Rücker findet das EU-Verbot falsch. © Privat
Amalgam hat zu Recht ausgedient, findet der Münchner Zahnarzt Florian Dettmer, hier in seiner Praxis in Schwabing. © Foto: Marcus Schlaf
Brüssel/München – Seit 30 Jahren hat Cosima Rücker Amalgam im Mund – und die Zahnärztin ist zufrieden damit. „Ich habe die Füllung für meine Siebener im hinteren Bereich der Mundhöhle bekommen, damals, als ich noch Studentin war. Und die Füllung hält immer noch“, sagt die 55-Jährige. Doch bald sind Amalgamfüllungen verboten: Nach jahrelangen Diskussionen macht die Europäische Union (EU) zum neuen Jahr Schluss damit. Zahnärztin Cosima Rücker aus der fränkischen Stadt Amberg hält das Verbot für überzogen. „Damit fällt jetzt eine gute Alternative weg.“
Amalgam wird seit mehr als 100 Jahren in der Zahnmedizin verwendet. Die häufigste Ursache für Zahnfüllungen ist Karies; zuckerreiche Ernährung und schlechte Zahnhygiene führen zu Löchern in den Zähnen – die mit Füllungen aus Kunststoff, Gold, Zementen, Keramik oder Amalgam behandelt werden. Amalgam war jahrzehntelang bei Ärzten und Patienten gleichermaßen beliebt: billig, leicht zu verarbeiten und lange haltbar.
■ Problem Quecksilber
„Ich kenne Patienten, die ihre Amalgamfüllungen seit mehr als 40 Jahren tragen“, erzählt Zahnärztin Rücker. Viele Patienten fragten nach Amalgam, weil sie eine Lösung möchten, die lange hält und keine Zuzahlung erfordert. Außerdem sei die Behandlung für die Patienten angenehmer: Für eine Amalgamfüllung benötige sie nur ein Viertel der Zeit im Vergleich zu einer Füllung aus Kunststoff.
Wäre da nicht das Problem mit dem Quecksilber. Amalgam-Füllungen bestehen aus einem Gemisch aus Kupfer, Zinn, Silber – und Quecksilber. Quecksilber ist, als einziges Metall, unter normalen Bedingungen flüssig. Die alten Griechen nannten es deshalb auch „flüssiges Silber“. Wegen seiner hohen Oberflächenspannung verläuft es nicht, sondern bildet linsenförmige Tröpfchen. Quecksilber kann mit vielen anderen Metallen Legierungen bilden, die man dann Amalgame nennt. Amalgam schwindet nicht, sondern dehnt sich durch das ständige Kauen eher aus, was Bakterien im Wachstum hemmt, weswegen es als Zahnfüllung hoffähig wurde.
Quecksilber ist aber auch giftig. Beim Entfernen der Plomben aus dem Zahn kann Quecksilber in den Körper und später in die Umwelt gelangen. Aus diesen Gründen hat die EU beschlossen, Amalgam-Füllungen in den 27 Mitgliedstaaten zu verbieten. Das Verbot gilt ab 1. Januar 2025; schon heute sind Amalgamplomben bei Kindern unter 15 Jahren sowie schwangeren und stillenden Frauen untersagt.
Aus Sicht der EU-Kommission stelle Quecksilber eine Gefahr für die Umwelt dar. Allein in den Ländern der EU würden jährlich 40 Tonnen für Amalgamfüllungen verbraucht, so die Brüsseler Behörde. „Wenn Quecksilber in die Umwelt freigesetzt wird, gelangt es in die Nahrungskette, wo es sich anreichert. Eine hohe Quecksilberbelastung kann das Gehirn, die Lunge, die Nieren und das Immunsystem schädigen”, schreibt die EU-Vertretung in Deutschland. „Es ist an der Zeit, dem ein Ende zu setzen!“, sagte der litauische EU-Umweltkommissar Virginijus Sinkevicius im vergangenen Jahr.
■ Wenige Ausnahmen
Das nun beschlossene Verbot ab 2025 sieht befristete Ausnahmen für Mitgliedstaaten vor, die mehr Zeit für die Anpassung ihres nationalen Gesundheitssystems benötigen. Sie können die Verwendung, Herstellung und Einfuhr von Amalgam höchstens bis zum 30. Juni 2026 weiter erlauben. Ausnahmen gibt es laut Gesetz zudem, wenn ein Arzt die Behandlung mit dem quecksilberhaltigen Stoff für „unbedingt erforderlich hält“.
Die Amberger Zahnärztin Cosima Rücker ist gegen das Verbot. „So viele Menschen lassen sich auch tätowieren. Die Farbe lagert sich dann in der Niere ab. Wenn man das bedenkt, ist es ein Schmarrn, dass Amalgamfüllungen bald nicht mehr erlaubt sein sollen.“ Und beim Verzehr von Fischgerichten nehme man schließlich auch Quecksilber auf.
„Nur weil etwas anderes auch schädlich oder sogar schädlicher ist, ist Amalgam nicht unschädlich“, sagt hingegen der Münchner Zahnarzt Florian Dettmer. Er gehört zu den Zahnärzten, die das Verbot begrüßen – auch wenn es Behandlungsmöglichkeiten einschränkt. In seiner Praxis gibt es ohnehin keine Amalgam-Füllungen. „Wir verwenden hauptsächlich Komposite. Das sind Kunststoff-Keramik-Gemische. Sie sind schwieriger zu verarbeiten, aber farblich und gesundheitlich viel besser.”
Der Zahnarzt sieht keinen Grund für den Einsatz von Amalgam. Neben der Quecksilberbelastung im Mund und in der Umwelt spräche auch die Ästhetik gegen die Verwendung von Amalgam. Die Füllungen sind dunkelgrau bis schwarz; wenn sie durch Kauen oder Knirschen abgerieben werden, färben sie sich silbern. „Mir ist keine Praxis bekannt und schon gleich keine mit einem gewissen Anspruch an Ästhetik, Qualität und Nachhaltigkeit, die Amalgam verwendet”, sagt Dettmer.
■ Halten sich alle daran?
„Das Amalgamverbot ist sinnvoll. Wenn auch nur noch selten, wird das Material noch immer verwendet”, sagt Dettmer. Zwar gebe es in Deutschland eine Pflicht für Amalgamabscheider an den Behandlungsstühlen (siehe Interview). Ob der immer korrekt arbeite, sei unklar. Noch gravierender sei die Situation in anderen EU-Ländern: Dort gebe es diese Vorschrift nicht, sagt Dettmer. Das Amalgamverbot sei daher auch ein „politisches Signal”.
Ob sich das Verbot in den anderen Ländern der EU durchsetzen wird, bezweifelt die Zahnärztin Cosima Rücker. „Vermutlich werden sich nur die ,blöden‘ Deutschen daran halten. In Spanien oder Italien geht man ja lockerer mit der Umsetzung von EU-Gesetzen um.” Doch auch auf ihre Praxis wird das Verbot kaum Auswirkungen haben: Nur einmal pro Woche behandelt sie Patienten mit Amalgamfüllungen.
„Es gibt genügend Alternativen”, sagt sie, „aber keine hält so gut wie Amalgam.” Rücker geht davon aus, dass Füllungen deshalb in Zukunft häufiger ausgetauscht werden müssen. Auch Kunststofffüllungen lehnten viele Patienten wegen des darin enthaltenen Mikroplastiks ab. „Es gibt kein perfektes Füllungsmaterial.”
Doch zumindest in einem Punkt sind sich alle Zahnärztinnen und Zahnärzte einig: Die beste Vorsorge ist, Karies gar nicht erst entstehen zu lassen. Dann sind auch keine Füllungen nötig – aus welchem Material auch immer.