München – Heute ist Anstoß zur Fußball-Europameisterschaft. 24 Mannschaften wollen den Coupe Henri Delaunay, so heißt der Pokal. Aber das Turnier soll auch verbinden und Vorurteile abbauen. Wir haben Münchner aus allen 24 EM-Nationen getroffen. Sie erzählen, für wen ihr Herz schlägt. 1 – DeutschlandOB Dieter Reiter (66): Das Auftaktspiel wird Münchens Oberbürgermeister mit dem schottischen Ministerpräsidenten und dem OB unserer Partnerstadt Edinburgh live im Stadion sehen. „Die Bedeutung der EM ist nicht zu unterschätzen, schon rein wirtschaftlich. Ich hoffe aber vor allem, dass wir das Sommermärchen von 2006 wiederholen können.“ Sein Tipp: „Deutschland gewinnt gegen Schottland, dann ist alles drin, auch der Titel!“ 2 –DänemarkNathalie Joergensen (34) ist vor zwei Jahren von Kopenhagen nach München gezogen. Die Juristin ist heute Innendesignerin und berät zu skandinavischer Einrichtung. Die EM wird sie mit Freunden aus Dänemark im eigenen Garten anschauen – zumindest das Dänemark-Spiel gegen Serbien am 25. Juni in München. „Das dänische Team hat sich in den vergangenen Jahren sehr verbessert und ich denke, es hat eine Chance, weiterzukommen.“ 3 –UkraineJuri Slutschanski (42) ist Steuerfachwirt, fußballverrückt – und spielt bei den 1860er-Senioren. „Ich hab schon als kleiner Junge in der Ukraine Fußball gespielt und war dort auch Balljunge.“ Als er 1992 als Bub nach München kam, hatte er, noch bevor er ein Wort Deutsch konnte, einen Fußballverein: Hansa Neuhausen. Juri hat ein Ticket fürs Eröffnungsspiel gegen Schottland. „Das war mein Traum und das habe ich mir auch was kosten lassen.“ Außerdem hat er Karten für zwei Ukraine-Spiele. „Für eins fahre ich sogar nach Stuttgart.“ 4 –UngarnPéter Staszkiv (43) hat vor zehn Jahren „Leckerwerk Catering & ungarische Feinkost“ eröffnet. Beim gebürtigen Budapester gibt es ungarische Küche. „Viele geräucherte Schweinereien“, sagt er lachend, „und natürlich Dinge wie Nudeln und Paprikacreme.“ 2016 war schon ein großer Public-Viewing-Boom bei ihm. „Bei mir passen etwa 25 Leute an Stehtischen in den Laden. Dann schauen wir gemeinsam mit anderen Ungarn die EM-Spiele.“ 5 –ÖsterreichMarkus Hirschler (33) ist Sommelier und Gastwirt. Das Gasthaus „Waltz“ im Glockenbachviertel ist bekannt für die österreichische Küche und erlesene Weine. Vor neun Jahren kam er nach München: „Ich bin superhappy, mich bringt hier nichts mehr weg. Ich bin fußballinteressiert und werde mein eigenes Land vertreten, solange es dabei ist – meistens muss ich dann nach der Vorrunde umschwenken“, sagt er und grinst. „Aber wir haben gerade ein gutes Team, da kann vielleicht schon mehr gehen.“ 6 – EnglandAnthony Mitchell (61) ist seit 1998 hier und arbeitet beim Cambridge-Institut als Englischlehrer. „Ich interessiere mich nicht besonders für Fußball.“ Mitchell geht lieber schwimmen. „Aber ein paar Spiele werde ich mir mit meinem 16-jährigen Sohn anschauen.“ Möglichst im Biergarten. England, sagt er, müsse sich „ordentlich anstrengen, um zu gewinnen“. 7 – SlowakeiLivia Jansen (55) ist Dolmetscherin an Gerichten. In der ehemaligen Tschechoslowakei geboren, lebt sie seit 1996 in München. „Ich fühle mich hier wohl. Ich mag das Grüne in der Stadt und die Nähe zu den Seen und Bergen.“ In ihrem Heimatland sei Eishockey populärer, erzählt sie. Aber bei der WM 2006 habe auch sie das Fußballfieber gepackt. „Ich hoffe, das wird wieder so. Vielleicht überrascht uns ja die slowakische Mannschaft.“ 8 – HollandTimo ten Barge (53) ist seit 20 Jahren in München und arbeitet als Life Coach. „Ich helfe Menschen, entspannter durchs Leben zu gehen.“ Geboren ist er in Roosendaal. In München vermisst er die niederländische Fahrradkultur, die Kroegen (Kneipen) – und Lakritze. Ten Barge schaut sich alle Spiele mit Holland und Deutschland an. „Ich denke, dass einer von beiden ins Finale kommt. Mein Herz schlägt für Holland, aber wenn ich wetten müsste, würde ich auf Deutschland setzen.“ 9 – AlbanienSokol Lamaj (42), in Tirana geboren und seit 1994 in München, ist seit 15 Jahren hauptberuflich Koordinator bei „Bunt kickt gut“, der interkulturellen Straßenfußball-Liga für Kinder und Jugendliche. „Es ist so einfach: Man braucht nur einen Ball – und Menschen kommen zusammen“, sagt Lamaj. „Bei uns werden spielerisch Vorurteile zwischen Kulturen abgebaut.“ Er drückt Albanien die Daumen, mag aber auch die deutsche Elf: „Das ist auch eine bunte Mannschaft.“ 10 – FrankreichValentin Ruf (18) ist Jurist und gebürtiger Münchner. Der Vater ist Bayer, die Mutter kommt aus Avignon. Valentin macht gerade Abitur und beginnt im Herbst ein Doppel-Jura-Studium in Paris und München. „Ich habe eine Trikotsammlung, da werde ich immer eins anziehen. Sein Tipp: „Frankreich wird Europameister, denn die haben die beste Mannschaft, aber ich hoffe auch, dass Deutschland weit kommt.“ 11 – SchweizMatthias Typelt (47) ist ein Münchner Kindl mit Schweizer Mutter. Seine Leidenschaft gilt eher dem American Football. Mittlerweile wohnt er in Iffeldorf und arbeitet in der IT-Branche. „Die EM-Spiele werde ich mir im Fernsehen anschauen“, meint er und freut sich, wenn die Schweiz gewinnt – aber auch wenn Deutschland gewinnt. Sein Credo: „Möge der Bessere gewinnen.“ 12 – TürkeiReschat Topoglu (50) arbeitet beim Reiseservice Deutschland. Seit 22 Jahren lebt er in München. Ursprünglich kommt er aus dem Nordosten der Türkei. „Wenn jemand in der Türkei Fußball nicht mag, wundern wir uns und fragen: Was ist bei dir in der Kindheit schiefgelaufen?“ Er fiebert „für Deutschland und die Türkei – und für Kroatien, weil meine Frau von da kommt“. 13 – SlowenienIris Mesko (64) ist Dolmetscherin, in Ljublana geboren und seit Ende der 80er-Jahre in München. Fußball interessiert die Hobbyimkerin weniger – sie liebt das Tanzen. So ganz am Fußball kommt auch Mesko nicht vorbei, denn demnächst gibt sie an der Volkshochschule eine Stunde zu „Fußball und die slowenische Sprache“. 14 –ItalienGianluca Gustafierro (40) ist Tennislehrer. Wie alle Italiener hat er als Kind auch Fußball gespielt. Seit 2009 ist der Turiner mit Unterbrechungen in München. „Es ist hier viel internationaler als in Turin.“ Er sagt: „Für den Fall, dass Deutschland gegen Italien spielt, wäre ich eher für Italien.“ Den Deutschen traut er aber viel zu. „Die Mannschaft ist gut aufgestellt.“ 15 – SpanienCarlos Michael Umbreit (54) ist Fan von Real Madrid und dem FC Bayern. Er ist hier geboren, seine Mutter ist Spanierin. „Bei der EM kommt erst Spanien und dann Deutschland“, sagt er. Er betreibt das spanische Lokal „Olé Madrid“ und zeigt dort auch viele EM-Spiele. „Die Gäste bei uns sind bunt gemischt, es sind auch viele Lateinamerikaner und Asiaten dabei.“ 16 – PortugalAna Maria Dias Pires (65) ist seit 35 Jahren in München und hat den „Club do Vinho“, eine portugiesische Weinhandlung. „Natürlich schaue ich Fußball. In München bin ich für Bayern und 1860.“ Sie hofft auf ein Endspiel Portugal gegen Deutschland. „Meine Töchter sind für Deutschland“, sie fiebert etwas mehr für Portugal. „Ich denke, dass Deutschland eine echte Chance hat zu gewinnen, weil wir zu Hause spielen.“ 17 –TschechienHelena Radostova (48) arbeitet für den Kreisjugendring. „In Tschechien hat Fußball den gleichen Stellenwert wie in Deutschland“, sagt Radostova, die selbst lieber Zumba macht. „Wenn Tschechien ins Finale kommt, schaue ich aber auf jeden Fall das Spiel an.“ 18 – KroatienDarko Dvorsek (48) ist Tennis-Trainer und erst seit zwei Jahren in München. Für die EM hat er versucht, Karten zu bekommen. „Ich bin zwar kein großer Fan, aber sollte Kroatien tatsächlich ins Endspiel kommen, fahre ich nach Kroatien und feiere drei Tage mit meinen Kumpels durch.“ 19 – BelgienNicole Pauli (71) ist ehemalige Kinderärztin, schaut gerne Fußball und ist selbst sportlich. Kürzlich kam die 71-Jährige von einer 400-Kilometer-Radtour durch Frankreich zurück – ohne Motor. Anfangs in München, lebt sie nun in Aichach. „Könnte sein, dass mein Bruder aus Belgien zur EM anreist.“ Pauli gibt Belgien gute Chancen, weiterzukommen. 20 – GeorgienIrma Bourntouli(44) ist Inhaberin des georgischen Restaurants „Iveria“ und versteht die Euphorie ihrer Landsleute. „Georgien ist zum ersten Mal überhaupt bei der EM dabei.“ Sie ist in Tiflis geboren, seit 15 Jahren in München. Privat liebt sie klassische Musik. 21 – SerbienAleksandar Gajic (18) ist im serbischen Kulturverein Kud Soku aktiv. Gajic ist in München geboren, hat selbst lange Fußball gespielt. „Für die Spiele, die ich sehen wollte, gab es leider keine Tickets mehr, aber ich werde im Fernsehen einige Spiele anschauen.“ Er hofft, dass Serbien weit kommt, vielleicht den Titel holt. 22 – PolenMax Halemba (25) ist Schiedsrichter und Fußballtrainer. Verletzt sich jemand, kann der Physiotherapeut gleich helfen. Das Münchner Kindl mit polnischen Eltern hat die Spiele fest im Kalender. „Das Herz schlägt für Deutschland und Polen. Aber wenn es zu einem Spiel zwischen beiden käme, wäre ich für den Außenseiter Polen.“ 23 – RumänienSevghin Mayr (54), Vorsitzende der Deutsch-Rumänischen Gesellschaft für Integration und Migration, freut sich schon: „Bei den Rumänen ist die Euphorie groß, weil wir seit Langem mal wieder dabei sind.“ Mayr kam vor 28 Jahren als Krankenschwester nach München, macht heute Migrationsarbeit. Für das Spiel Rumänien gegen die Ukraine organisiert sie in ihrem Volleyball-Projekt für rumänische Jugendliche ein Public Viewing: „Ich bin zuversichtlich, dass die Mannschaft etwas erreichen kann.“ 24 – SchottlandBob Ross (70) dirigiert das Ensemble „Blechschaden“ und ist seit 45 Jahren in München. Er hat inzwischen zwei Pässe – einen britischen und einen deutschen. „Ich werde deshalb auf jeden Fall nach dem Eröffnungsspiel als Sieger am Siegestor stehen“, sagt er und lacht. „Aber wenn Underdogs gewinnen, ist das immer gut!“ Darum fiebert er dann doch ein wenig mehr für Schottland. GABRIELE WINTER & NINA BAUTZ FOTOS: SJ, MS, AS, FAS, GRO, GÖ