Fußball-Stress – das K.o.-Spiel fürs Herz

von Redaktion

Ärztlich erlaubt: Fußballfan Felix Bernhard darf jetzt wieder unbesorgt jubeln und feiern. © privat

Funktioniert ähnlich wie ein EKG: Dr. Milan Dinic zeigt die Cardisiographie-Technik zur Untersuchung des Herzens. © A. SCHMIDT

Ein Moment der größten Anspannung: Jetzt schießt der Blutdruck in die Höhe. Stress pur für die Herzen der deutschen Fußballfans und nicht ganz ungefährlich für Herzpatienten. © Mauritius Images

München – Den Urahnen sicherte die Freisetzung von Stresshormonen das Überleben bei Angriff oder Flucht. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nur dass der Urzeit-Tiger heute Abend zum EM-Spiel Deutschland gegen Ungarn in Gestalt eines scheinbar harmlosen Balles daherkommt.

■ Großalarm im Körper

Fußball-Emotionen lösen augenblicklich Großalarm im Körper aus und können das Herz total aus dem Takt bringen. Wie dieses nervliche Feuerwerk explodiert, schildert der Münchner Kardiologe, Sport- und Stressmediziner Dr. Milan Dinic so: „Das vegetative Nervensystem feuert den Sympathikus an. Sofort werden große Mengen der Stresshormone Adrenalin, Noradrenalin und Kortisol ausgeschüttet. Die Folge: Hoher Puls, hoher Blutdruck, das Herz pumpt schnell, die Gefäße ziehen sich zusammen. Das alles kann zu einer hohen Belastung werden für das Herz.“ Sonne, Hitze, fettige und salzige Snacks und dazu reichlich Bier feuern die Kettenreaktion noch an. Ein gesunder, jüngerer Mensch ist danach einfach nur müde. „Für Menschen mit Herzproblemen, Bluthochdruck und Vorhofflimmern jedoch kann diese massive Belastung gefährlich werden“, warnt Dr. Dinic.

■ Die Studienlage

Nervenaufreibende Fußballspiele erhöhen bei Zuschauern das Risiko für akute Herzprobleme auf mehr als das Doppelte. Das zeigte die Studie des Universitätsklinikums München-Großhadern zum WM-Sommermärchen 2006. Wir erinnern uns ungern: Deutschland verlor damals das Halbfinale in einer dramatischen Verlängerung mit 0:2 (119./120. Minute), als sich alle schon auf ein Elfmeterschießen eingestellt hatten. Die Münchner Studie wurde im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Die Forscher werteten damals Einsatzprotokolle von 24 Notarztstandorten im Großraum München vor, während und nach der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 aus und verglichen sie mit den Sommerwochen der Vorjahre. Die Ergebnisse: Mit Herzinfarkten und akuten Herzrhythmusstörungen kamen während der WM 2006 fast dreimal so viele Menschen ins Krankenhaus. Besonders gefährdet sind Menschen, die bereits einen Infarkt hatten oder unter Angina pectoris leiden. Am deutlichsten war der Anstieg der Fälle in den zwei Stunden nach Spielbeginn. Die Autoren gehen davon aus, dass Stresshormone die Funktion der Gefäße direkt beeinflussen. Insgesamt umfasst die Studie Daten von 4279 Patienten. Die Wissenschaftler der Unikliniken Mainz und Heidelberg, die Krankenhausdaten des Statistischen Bundesamtes zur Fußball-WM 2014 in Brasilien auswerteten, kamen zu ganz ähnlichen Ergebnissen.

■ Die große Gefahr

Die eigentliche Gefahr jedoch ist die Ahnungslosigkeit. Denn Bluthochdruck und Herzerkrankungen zeigen lange keine Symptome. In Deutschland haben bis zu 30 Millionen Menschen Bluthochdruck. Aber: 20 Prozent – also sechs Millionen Menschen – wissen laut Deutscher Herzstiftung gar nicht, dass sie Bluthochdruck haben. So werden nicht wenige dann urplötzlich von Herzinfarkt und Schlaganfall überrascht. „Hoher Blutdruck und Stresshormone können kleine Einrisse in den von Ablagerungen vorgeschädigten Gefäßwänden verursachen. Dort bilden sich dann Blutgerinnsel (Thromben), die zur Verstopfung der Herzkranzgefäße führen. Das ist dann der Herzinfarkt“, erklärt Dr. Dinic.

■ Familiäre Vorbelastung

Genetische Vorbelastungen spielen beim Herz eine große Rolle. Zu diesen Patienten zählt auch der Rechtsanwalts-Fachangestellte Felix Bernhard (37), stolzer Vater von Naomi (5) und Robin (2) und glühender FC-Bayern-Fan, der vor lauter Begeisterung für den Fußball gern mal alles um sich herum vergisst: „Dann wird‘s laut bei uns. Zu Hause darf ich nicht mehr schauen, weil ich immer die Kinder wecke.“

Sein Vater und sein Großvater starben beide im Alter von erst 60 Jahren an Herzinfarkten. Auch seine Mutter und Großmutter haben beide Bluthochdruck. „Ich habe da lange nicht so drüber nachgedacht. Mir ging es ja gut. Ich habe auch nicht direkt gemerkt, dass ich Bluthochdruck habe. Außer, dass ich beim Treppensteigen etwas schnaufte und manchmal einen ziemlich roten Kopf hatte, wenn ich mich aufgeregt und angestrengt habe“, erzählt Felix Bernhard.

So ging er vor zwei Jahren dann doch zur Vorsorge zu Dr. Dinic. Die Diagnose war ein Schock. „Ich hatte einen Blutdruck von 140/110.“ Speziell der diastolische Wert von 110 war gefährlich hoch. Felix Bernhard nimmt seitdem täglich einen Blutdrucksenker (Candesartan 20 mg) und hat ein paar schlechte Gewohnheiten aufgegeben: „Ich bewege mich jetzt viel mehr, schaue auf meine Ernährung, laufe Treppe statt Aufzug und fahre mit dem Fahrrad von der Blumenau in die Arbeit nach Planegg.“

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