Atomkraftgegner besetzen 2005 die Castor-Transportstrecke, auf der Atommüllbehälter nach Gorleben rollen sollen. © pa
München – Es begann mit Gorleben, jenem kleinen Örtchen mit nicht einmal tausend Einwohnern im Nordosten von Niedersachsen. Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) verkündete, man könne doch Gorleben als Standort prüfen, samt Wiederaufbereitungsanlage, Brennelementefabrik und Endlager. 1977 war das. Albrecht dürfte kaum geahnt haben, was er damit auslöst: Es folgen lange Jahre des Widerstands, während der Bund ein Erkundungsbergwerk anlegen lässt. Als dann auch noch die Castor-Transporte mit leicht radioaktivem Material Richtung Gorleben rollen, kommt es zu Zusammenstößen zwischen Polizei und Atomkraftgegnern, die die Schienen blockieren.
36 Jahre ziehen so ins Land, bis der Bund 2013 die Erkundung von Gorleben als Endlager beendet. 2020 wird Gorleben endgültig als möglicher Standort beerdigt. Deutschland steht wieder am Anfang. Das alte Bergwerk soll jetzt verfüllt werden. 1,9 Milliarden Euro hat der Irrtum gekostet – und Jahrzehnte. Immerhin für die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle gibt es das Endlager Konrad in Salzgitter, das Anfang der 2030er-Jahre in Betrieb gehen soll. Aber wohin mit dem hochradioaktiven Atommüll?
Niemand weiß das im Moment. Laut Standortauswahlgesetz muss das Endlager eine „bestmögliche Sicherheit“ für eine Million Jahre gewährleisten. Hochradioaktiver Atommüll (vor allem Brennelemente aus Kernkraftwerken) macht zwar nur etwa fünf Prozent aller radioaktiven Abfälle aus – aber 99 Prozent der Strahlung. Als einzige sichere Lösung gilt eine tiefengeologische Lagerung, also tief in der Erde. Infrage kommen die Wirtsgesteintypen Steinsalz, Tongestein und Kristallingestein.
Den Gorleben-Irrweg muss jetzt die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) in Peine in Niedersachsen ausbaden. Die BGE wurde erst 2016 gegründet. „Wir haben mit einer weißen Landkarte angefangen“, sagt Sprecherin Dagmar Dehmer. Im Herbst 2020 hat die BGE einen Zwischenbericht vorgelegt, der 90 Gebiete mit günstigen geologischen Bedingungen auflistet – die aber immer noch 54 Prozent der Bundesfläche umfassen. Und innerhalb dieser Gebiete gibt es viele Teilgebiete. Auch Bayern ist noch im Rennen. Hier gibt es viel Kristallingestein und im Schwäbischen Tongebiete. Wirklich erkundet sei aber noch nichts, räumt Dehmer ein. Deutschland befindet sich erst in Phase 1 eines vierstufigen Plans.
Wie es weitergeht? „Ende 2027“, sagt Dehmer, „werden wir die Regionen herausdestilliert haben, die die beste Eignung aufweisen, und die schlagen wir für eine übertägige Erkundung vor.“ Was dann folgt, ist ein Marathon: regionale Beteiligungen, Stellungnahmen, Anhörungen, Erörterungstermine. Erst wenn der gesamte Beteiligungsprozess abgeschlossen ist, geht das Material ans Bundesumweltministerium, das dann einen Gesetzentwurf erarbeitet, der durchs Parlament und womöglich durch den Bundesrat muss.
Aber das war es noch lange nicht. Denn dann beginnt erst Schritt Nummer zwei von Phase eins. „Dann brauchen wir ein paar Jahre für die Erkundung, und das Ganze geht wieder von vorne los“, sagt Dehmer. Also Prüfungen, Beteiligungsverfahren, Parlament. Ist das geschafft, folgt die aufwendige vergleichende untertägige Erkundung der verbliebenen Standorte. Mit seismischen Messungen, Bohrungen und allem, was nötig ist, um zu entscheiden, ob der Boden wirklich eine Million Jahre dichthält. Natürlich folgt wieder ein umfangreiches Beteiligungsverfahren. Und so geht es weiter – mit dem Risiko, dass der eine Standort, der am Ende des Verfahrens übrig bleibt, von Endlager-Gegnern vor das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig gezerrt wird.
Die BGE-Sprecherin macht aus all dem keinen Hehl. Gorleben habe viel Zeit gekostet. „Finnland hat 40 Jahre gebraucht – und die hatten null Widerstand“, sagt Dehmer. Wann Deutschland ein Endlager haben wird, wagt sie nicht zu prognostizieren. Frühestens in den 2040er-Jahren ist laut BGE mit einer Standortentscheidung zu rechnen. Dann muss das Endlager noch gebaut werden. Auch das dauert.
Den Müll ins Ausland abzuschieben, ist nicht möglich. Die EU hat sich darauf geeinigt, dass jedes Land seinen Müll selbst entsorgen muss. Im Moment wird der hochradioaktive Müll bei den abgeschalteten Kraftwerken gelagert, und in zwei oberirdischen Zwischenlagern in Gorleben und Ahaus. Die sind aber nur für 40 Jahre genehmigt. WOLFGANG HAUSKRECHT