© OpenStreetMap, Grafik: PMS
Blick in einen der Versorgungstunnel des Endlagers. Hier fahren die Maschinen und Transportfahrzeuge.
Die zentrale Halle der Verkapselungsfabrik: Unten werden bald die Brennstäbe in die Endlagerkapseln umgehoben.
Eine der Endlagerkapseln: Rechts der Kern für die Brennstäbe, links die Kupferhülle, in die der Kern eingeschoben wird.
Die Rückseite eines Betonpfropfens, mit dem die Tunnel im Endlager Onkalo verschlossen werden. Das Bild zeigt einen Test der Technik. © Fotos: Björn Hartmann
Onkalo – Es ist trocken hier unten, bei dauerhaft elf Grad. Obwohl die Lüftung brummt, riecht es leicht nach Abgasen der schweren Maschinen. Während die Wände der Haupttunnel mit Stahlnetzen und grauem Beton verkleidet sind, tritt hier im Seitentunnel das rohe Gestein hervor, 1,9 Millionen Jahre alt. Am Boden sind im Licht der Leuchtstoffröhren etwa alle acht Meter grüne Kreuze zu sehen. Jedes markiert die Stelle für ein Loch, in dem vermutlich 2025 ein Behälter mit Atommüll versenkt wird. Denn was wie ein Bergwerk aussieht, ist das bisher einzige Endlager der Welt: Onkalo.
Knapp 450 Meter höher strahlt die Mai-Sonne auf das Gelände des finnischen Betreiberunternehmens Posiva. Rundherum drei Meter hohe Sicherheitszäune in zwei Reihen, an der Spitze Stacheldraht. Dahinter, jenseits der Straße zum Atomkraftwerk Olkiluoto, Birken, Fichten, Kiefern. Luchse sollen herumstreifen, Elche, sogar Wölfe, die übliche finnische Natur an der Westküste. Das Besondere hier ist neben dem Tunnelsystem das verschachtelte graue Gebäude, auf das Pasi Tuohimaa zeigt. „Weltweit einmalig“, sagt er. Eine Fabrik, in der Atommüll endgültig eingedost wird.
In Kupferkapseln in die Tiefe
Tuohimaa ist Kommunikationschef von Posiva und schon wegen seiner Funktion äußerst überzeugt. „Uran stammt aus Stein, wir geben es dem Stein zurück“, zitiert er einen Werbespruch des Unternehmens. Und: „Wir haben eine Lösung für das Atommüllproblem.“ Was stimmt. Kein anderes Land der Welt ist annähernd so weit wie Finnland, schon gar nicht Deutschland (s. Artikel unten).
Derzeit lagert Finnlands hochradioaktiver Atommüll neben den Kraftwerken: nahe Lovissa, gut 80 Kilometer östlich von Helsinki, und eben in Olkiluoto, gut 230 Kilometer nordwestlich der finnischen Hauptstadt. Hier gibt es unterirdische Becken, in denen die gebrauchten Brennstäbe in Behältern auf das Endlager warten. Wohl 2025 sollen die ersten dieser Behälter in das graue Gebäude wechseln.
Dort werden sie geöffnet, die Stäbe herausgenommen, getrocknet, in einen neuen Stahlbehälter gesteckt, der in eine etwa 5,5 Meter lange Kapsel aus mehreren Zentimetern dickem Kupfer geschoben wird. Sie wird mit einem Deckel verschlossen und zugeschweißt. Der Vorgang dauert je Kapsel etwa eine Woche. Alles läuft vollautomatisch, die inneren Räume sind geschützt wie die Reaktorkammer eines Atomkraftwerks. Von dort aus geht es dann mit einem Aufzug ins Endlager. Der Testlauf noch ohne radioaktives Material ist für August geplant.
Seit Anfang der 1980er-Jahre hat Finnland einen Standort gesucht. 150 Plätze schienen geeignet. Zuletzt stritten nur noch die beiden AKW-Gemeinden um Onkalo, was übersetzt „Hohlraum“ bedeutet. Es ging auch um Arbeitsplätze und das Geld, das das Endlager mit sich bringt. Bisher hat Posiva rund eine Milliarde Euro investiert. Die jährlichen Betriebskosten schätzt das Unternehmen auf 40 Millionen Euro. Das alles zahlt ein staatlich verwalteter Fonds, in den die Atomenergieunternehmen seit dem Start der Stromproduktion eingezahlt haben. Letztlich entschied sich der Staat für Olkiluoto. 2003 begann der Bau. Die Lagerlizenz erwartet Posiva noch in diesem Jahr.
Ingenieurin Marianna Hanni steigt in den Personenaufzug, drückt einen Knopf und es geht abwärts – von plus 13 auf minus 433 Meter in knapp einer Minute. Unten geht es durch zwei weiß gestrichene Räume vorbei an der Caféteria. Hanni ist eine der rund 90 Mitarbeiter von Posiva. Sie öffnet eine Tür in eine große Halle, die in den Fels getrieben ist. Von hier aus geht es mit dem Auto links in einen Tunnel. Sie fühle sich jedes Mal an eine Tiefgarage erinnert, sagt Hanni, während sie Gas gibt. Es gilt Tempo 20.
Der Wagen stoppt. Hier auf der untersten Ebene bei 450 Metern unter Null liegen jene fünf Tunnel, in denen die ersten Kapseln mit Atommüll eingelagert werden sollen. Die Gänge sind je 350 Meter lang, 4,5 Meter breit, 5,5 Meter hoch. In Tunnel zwei steht auf halber Strecke ein blauer VW-Bus. Dahinter dröhnt es. Mehrere Arbeiter in leuchtenden Westen und Schutzhelmen bohren Löcher in den Stein. Fertig werden sie acht Meter tief sein und einen Durchmesser von gut zwei Metern haben, sodass die Kapseln gut hineinpassen.
Wenn es so weit ist, wird eine Spezialmaschine etwas Bentonit einfüllen, vulkanischen Lehm, der auch in Katzenstreu verwendet wird und die wenige Feuchtigkeit, die aus dem Gestein kommt, langsam aufsagen soll. Darauf wird ein anderes Fahrzeug eine Kapsel rutschen lassen. Dann werden die Hohlräume mit dem Lehm aufgefüllt. Sind alle Löcher bestückt, verfüllt eine Maschine den Tunnel mit Bentonit. Am Ende wird er mit einem Betonpfropfen geschlossen. Die Fahrzeuge werden aus einem geschützten Raum ferngesteuert.
Einlagerung dauert ein Jahrhundert
Die fünf Tunnel reichen Kommunikationschef Tuohimaa zufolge bis 2035, neue würden von 2035 an gebohrt. Im Einsatz ist deutsche Technik des Bohrspezialisten Herrenknecht. Insgesamt können 6500 Tonnen Atommüll eingelagert werden. Viel mehr finnischen Atommüll wird es wohl nicht geben, weitere Kraftwerke sind nicht geplant. Und der Import radioaktiven Abfalls aus dem Ausland ist verboten. Für Deutschland schätzt das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung die hochradioaktive Abfallmenge auf 27 000 Tonnen.
Der Aufzug zischt wieder nach oben gen Tageslicht. Derzeit liefern Finnlands Reaktoren 40 bis 45 Prozent des benötigten Stroms, ein Drittel kommt aus den drei Blöcken von Olkiluoto, die zwei Kilometer entfernt stehen. Die Reaktorblöcke 1 und 2 laufen seit 1979 und 1982. Sie sollen 2039 und 2042 heruntergefahren werden. Block 3 ist der bisher leistungsstärkste europäische Reaktor, gebaut von der französischen Firma Areva. Siemens lieferte die Turbinentechnik. Er ging 2023 ans Netz, 14 Jahre verspätet, mit elf Milliarden Euro fast viermal so teuer wie geplant. Die Laufzeit ist auf 60 Jahre ausgelegt. Dazu kommen etwa 40 Jahre Abkühlzeit im Spezialbecken nahe des Reaktors, bevor die Brennstäbe in einem der Tunnel eingelagert werden können.
Die letzte Kapsel dürfte Mitte der 2120er-Jahre unter der Erde verschwinden. Danach werden die Tunnel komplett gefüllt, die Anlage oben abgebaut. Über Onkalo wachsen dann wahrscheinlich wieder Birken, Fichten und Kiefern.