München – Auf einer Gratwanderung befindet sich Michael Brinkschröder. Der Theologe, Soziologe und Religionslehrer ist mit halber Stelle beim erzbischöflichen Ordinariat angestellt – als Ansprechpartner für die Regenbogen-Pastoral. Zusammen mit Gerhard Wachinger hat er vor über 20 Jahren den Queer-Gottesdienst in der St.Pauls-Kirche nahe der Theresienwiese gegründet (jeden 2. Sonntag im Monat um 18.30 Uhr). Oft muss er sich als Kirchenmitarbeiter gegenüber der LGBTQ-Community rechtfertigen, im Ordinariat aber werden seine Äußerungen auch aufmerksam verfolgt.
Brinkschröder berichtet aktuell von einer gewissen Ernüchterung in der queeren Community in Bezug auf den Vatikan. Nachdem Papst Franziskus am 29. Juli 2013 auf einer Pressekonferenz gesagt hatte „Wenn jemand schwul ist und den Herrn sucht und dabei guten Willen beweist, wer bin ich, dass ich richte?“, hatten viele Homosexuelle, die sich bis dahin als unerwünscht in der Kirche gefühlt hatten, Hoffnung geschöpft. Inzwischen ist viel passiert, ein Segen für gleichgeschlechtliche Paare ist möglich. Doch um das Wie wird nach wie vor gerungen.
Eine Arbeitsgruppe hat im Nachklang des „Synodalen Wegs“ in Deutschland ein Papier erarbeitet, in dem Möglichkeiten für Segensfeiern vorgeschlagen werden. Dieses Papier muss aber erst noch mit dem Vatikan abgestimmt werden. Wie es heißt, liegt es zur Prüfung in Rom vor.
Äußerungen des Papstes über „einen Hauch von Schwuchtelei über dem Vatikan“ hatten die queere Gemeinschaft aber zuletzt irritiert. „Die Stimmung ist schlechter geworden“, sagt Brinkschröder. Trotzdem setzt der Theologe mittelfristig auf Fortschritte. Seit Franziskus Papst ist, könne man über das Thema Homosexualität offen reden. Unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. hätten Theologen, die sich dazu geäußert haben, keine Lehrstühle bekommen. „Ich bin froh, dass sich zuletzt in der Sozialethik der Kirche etwas geändert hat“, sagt Brinkschröder. Sprich: Dass homosexuelle Handlungen nicht mehr kriminalisiert werden dürfen. Das Dokument zur Segnung vom Dezember 2023 sieht er aber ambivalent, „eine grundsätzliche Öffnung, aber ein Rückschritt im Vergleich zu dem, was in Deutschland schon passiert“. Der Vatikan müsse halt auch die Weltkirche im Blick haben. In vielen afrikanischen Ländern etwa würden LSBTI-Personen mit allen politischen und kirchlichen Mitteln bekämpft. Dass der Papst die Morallehre nicht ändern wolle, wertet Brinkschröder als Signal an die Konservativen. Auf Dauer könne das aber nicht so bleiben.
Zugleich setzt der Theologe in Deutschland auf die seelsorgliche Praxis. Gleichgeschlechtlichen Paaren solle mehr Entgegenkommen gezeigt werden. Die Form der Andacht für Segensfeiern hält Brinkschröder für interessant. „Man sollte sich das noch mal anschauen. Was ist denn da möglich?“ Dann würde eine Segnung einen würdigen Rahmen bekommen – und nicht auf 15 Sekunden reduziert sein, wie ein Vatikan-Papier empfiehlt.
CM