Männer-Liebe mit Gottes Segen

von Redaktion

Hans-Werner und Christoph dürfen ihre Ehe kirchlich feiern – selbstverständlich ist das nicht

Den Segen Gottes für ihre Beziehung wünschen sich Hans-Werner D. und Christoph M. – am Samstag wird ihr Traum Wirklichkeit. © Foto: Marcus Schlaf

München – Die festlichen Trachtenjanker und die Lederhosen hängen schon im Schrank, die Lokalitäten für die 15 Gäste sind ausgesucht. Die Aufregung bei Hans-Werner D. (63) und Christoph M. (43) wächst. Am 6. Juli ist ihr großer Tag. Das Paar, das sich bereits seit gut 20 Jahren kennt und liebt, wird am Samstagmorgen standesamtlich heiraten. Bis hierher ist das – abgesehen für das Paar selber – keine Besonderheit mehr, denn die standesamtliche Eheschließung für gleichgeschlechtliche Paare ist seit Juni 2017 in Deutschland möglich. Doch Hans-Werner und Christoph gehen weiter: Sie lassen ihre Partnerschaft am Nachmittag in einer katholischen Kirche in München segnen. Möglich ist das erst seit dem 18. Dezember 2023, als der Papst überraschend die Segnung homosexueller Paare unter bestimmten Bedingungen erlaubte.

Für Christoph geht damit ein Traum in Erfüllung. Der jungenhaft wirkende Mann mit der markanten Brille stammt aus einer streng katholischen Familie in Polen. Eine Tante lebt als Ordensschwester in Rom. „Ich wollte sogar mal Priester werden“, verrät er. Aber er wollte und will sich nicht verstellen – und das hätte er gemusst, denn Homosexuelle sind in der katholischen Kirche nach wie vor nicht gleichberechtigt. „Ich habe mich nicht gewollt gefühlt in der Kirche“, sagt er. Schwer genug war es, seinen Eltern zu erklären, dass er schwul ist. Viele Jahre hofften sie, dass „es“ vielleicht doch noch vorbeigeht.

Christoph fühlt sich von Gott begleitet

Christoph befreit sich von den Zwängen und dem Versteckspiel, geht mit 23 Jahren nach München, studiert Kommunikationswissenschaften. „Ich habe meine Homosexualität voll ausgelebt.“ Dann lernt er Hans-Werner kennen und merkt, dass die Szene und das Schrille nicht sein Weg sind. Der 20 Jahre ältere Architekt und der junge Pole überstehen schwere Zeiten, Christoph erkrankt unter anderem an Krebs. „Aber ich habe immer eine zweite Chance bekommen“, sagt er. „Jetzt, wo wir beide älter geworden sind, haben wir uns entschieden, unsere Beziehung offiziell zu besiegeln und gemeinsam alt zu werden.“ Ihr Versprechen möchten sie unter den Segen Gottes stellen. Auch wenn sich der 43-Jährige erst von der Kirche abwandte, als er nach Deutschland kam: Er fühlte sich von Gott begleitet – gerade auch und erst recht, als er seine schweren Krankheiten überwunden hatte.

Der Zufall will es, dass das Paar Pfarrvikar Wolfgang Rothe kennenlernt. Ein katholischer Priester, der vom erzkonservativen Kleriker zu einer Art Kirchenrebell wurde. Der sich als homosexuell geoutet hat, sich als Missbrauchsopfer sieht. Einer, der im Erzbistum München und Freising geduldet wird und homosexuelle Paare gesegnet hat, als das noch offiziell verboten war. „Die allererste Segnung habe ich auf der Terrasse der ,Deutschen Eiche‘ gehalten“, erinnert sich Rothe lachend. „Umgeben von den Kirchtürmen Münchens, die um 12 Uhr alle geläutet haben.“ Er kennt die Frage aus der queeren Community: „Wollen wir überhaupt etwas von dieser Kirche, die von uns nichts will?“

Fragen, die sich auch Hans-Werner stellt, der katholisch erzogen wurde und als Kind sogar Messdiener im Erzbistum Bamberg war. Er ist vor Langem ausgetreten, seinen Glauben hat er aber nicht verloren. Für ihn ist die Segnung „Teil unserer christlichen Tradition“. Sie zeigt ihm, dass er Bestandteil der christlich-abendländischen Kultur ist und nicht ausgegrenzt wird. Ohne die christlichen Werte wäre für ihn das Versprechen, füreinander da zu sein und einzustehen, wertlos. Rothe ist es, der D.‘s Mutter zu Grabe trägt. So lernen sie sich kennen und schätzen. „Wir sind so gerührt, wie zuvorkommend wir von ihm behandelt werden“, sagt Christoph den Tränen nahe. „Ich habe eine ganz andere Vorstellung von Kirche bekommen.“ Die Bereitschaft, sie zu segnen, sei wunderbar.

Dabei bewegt sich Rothe, der im Erzbistum nicht unumstritten ist, auf dünnem Eis. Denn laut den bislang bekannten Vorschriften muss jeder Eindruck vermieden werden, dass es sich bei der Segnung um eine Art kirchliche Trauung handelt. Der 57-Jährige hat beim umstrittenen traditionalistischen Opus Dei in Rom studiert. Das Werk bezeichnet er heute als „toxisches Milieu“. Kirchenrechtlich hat er sich genau auf die Segnungsfeier vorbereitet – unterscheidet peinlich genau zwischen rechtsverbindlichen Äußerungen aus dem Vatikan und Pressemitteilungen aus dem Dikasterium für die Glaubenslehre, der früheren Glaubenskongregation (s. Artikel unten), die seiner Meinung nach nur zur Beruhigung empörter Traditionalisten gedacht seien. Wenn die Kirche einen „winzigen Freiraum“ ermögliche, das Positive bei homosexuellen Partnerschaften zu sehen, könne das „der Ausgangspunkt für eine vertiefte Diskussion über die grundsätzliche Lehre zur Homosexualität und die katholische Sexualmoral überhaupt“ sein.

Die Segnung wird also nicht nur vorm Altar stattfinden – Hans-Werner und Christoph werden auch die Ringe tauschen und sich in der Kirche ein Treueversprechen geben. Dass sie kirchlich feiern können, wird, so glaubt Christoph, ein kleiner Schock für seine Eltern sein. Aber sie stünden hinter ihm. Mehrere Generationen, unterschiedliche Lebens- und Kulturkreise werden zum Gottesdienst zusammenkommen, um ein Paar zu feiern, das für seine Liebe göttlichen Beistand erbittet. Ein Fest der Liebe mit Gottes Segen. CLAUDIA MÖLLERS

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