Fördert die Konzentration und entspannt zugleich: Die Gruppe beim gemeinsamen Kickern im Steinachhof.
Stefanie und Thomas W. bei der gemeinsamen Wanderung. Bei Thomas wurde im Jahr 2020 Alzheimer diagnostiziert.
Ein Ausflug in die Bergwelt von Saalbach-Hinterglemm: Die Stimmung ist trotz Regen und Nebel bestens.
Momente des Glücks: Ute D. und ihr erkrankter Mann Axel.
Nimmt sich für die Woche extra frei: Stefan und seine Eltern Christine und Rolf beim gemeinsamen Abwasch.
Gemeinsam turnen: Ute D. bietet auch eine Gymnastikeinheit für die ganze Gruppe an.
Die gemeinsame Küchenarbeit ist täglicher Bestandteil der Reise. Mit so vielen Händen ist das Kartoffelschälen dann auch schnell erledigt. © alle Fotos: Dorit Caspary
Saalbach-Hinterglemm – Es wird gelacht, geweint, gewandert und gekocht. Aber vor allem geredet. Über die Dinge, die niemand sonst so gut versteht wie die 54 Menschen, die diese eine Woche zusammen in einem Selbstversorgerhaus verbringen. Die Idee der deutsch-französischen Partnerschaft stammt von Lisa Junglas. Junglas ist eine geborene Kirchmayer, kommt aus Farchant im Landkreis Garmisch-Partenkirchen und ist mit ihrem Mann und den beiden Kindern vor 34 Jahren in die Nähe von Avignon in der französischen Provence ausgewandert.
Mit Alzheimer kam die 69-Jährige durch ihre erkrankte Mutter in Berührung. „Ich habe mitbekommen, wie unterschiedlich die Dinge in Deutschland und Frankreich laufen und dachte mir, dass alle profitieren, wenn wir uns austauschen und voneinander lernen“, erzählt die Ehe- und Paartherapeutin. „In Deutschland gab es schon Seminare für Paare, bei denen ein Partner an Demenz erkrankt ist, in Frankreich nicht.“
So lag es für Lisa nahe, in ihrer neuen Heimat ein ähnliches Angebot zu initiieren. „Irgendwann ist dann das Experiment Begegnungen ohne Grenzen entstanden“, erzählt sie. An der Vorbereitung und Organisation sind sowohl die Alzheimer Gesellschaft München, die Vereine „France Alzheimer Vaucluse“ und „La Maison Jean Touraille“ von Le Pontet/Avignon und München beteiligt.
Ein Großteil der Kosten wird durch Spenden getragen
2012 fand die erste Reise unter der Leitung von Lisa Junglas und Tobias Bartschinski, Geschäftsführer der Alzheimer Gesellschaft München, statt. Seitdem wechseln sich die Franzosen und Deutschen mit der Organisation ab. Heuer hat sich die Gruppe in die Alpen aufgemacht und im österreichischen Saalbach-Hinterglemm im Steinachhof eingemietet. Ein Selbstversorgerhaus und auch ein geschützter Raum, den die Teilnehmer dringend brauchen. Jeder Einzelne wird in seiner Persönlichkeit wahrgenommen – die Voraussetzung für ein respektvolles, tolerantes Miteinander.
„Ich geh jetzt mal Kartoffeln schälen“, sagt Axel D. Küchenarbeit ist voll sein Ding. Und sie ist zentraler Bestandteil der Reise. Es wird französisch parliert, deutsch gescherzt und gemeinsam gelacht. Das Sauerkraut, das Lisa Junglas kocht, ist ein Wunschgericht der französischen Gruppe. Dazu gibt es Bratwürste und sieben Kilo Kartoffeln. Die sind im Nu geschält, bei der großen Anzahl an Küchenhilfen.
Während Axel mal hier, mal dort in den Topf schaut, hat seine Frau Ute ein wenig Zeit für sich. 2019 war bei ihrem Mann die Diagnose Alzheimer gestellt worden. Das Münchner Paar suchte damals sofort Beratung. Siebdruck-Künstler Axel D. nimmt seitdem regelmäßig an den Programmen der Alzheimer Gesellschaft München teil. Anna Wallner, Projektleiterin der Aktivitäten: „Unsere Vereine tragen einen Großteil der Kosten durch Spenden und Stiftungsgelder, diese müssen erst akquiriert werden, dadurch bleibt es jedes Jahr aufs Neue unsicher, ob die Begegnung stattfinden kann. Damit wirklich jeder mitfahren kann, der Interesse hat, ist der Kostenbeitrag für die Teilnehmenden relativ gering.“ Diesmal sind 22 französische und 32 deutsche Teilnehmer inklusive Betreuer dabei.
Ein strukturierter Ablauf ist wichtig
„Wir haben viel mehr Kontakt als in unserem Alltag. Denn Alzheimer macht ganz schön einsam“, erzählt Ute D. Sie schreibt ein Reisetagebuch. Das erste Wort in diesem Jahr: Geborgenheit. „Hier weiß jeder genau, was Sache ist, der Umgang ist ganz selbstverständlich. Keiner nimmt es einem übel, wenn jemand die gleiche Geschichte zum x-ten Mal erzählt.“ Der Tag ist trotz des Programms mit Ausflügen, Vorträgen und Zeit zum Spielen sehr strukturiert. Das ist wichtig für die Teilnehmer. Die Mahlzeiten und die dazugehörigen Vorbereitungen bilden den Rahmen. „Trotzdem müssen wir absolut flexibel sein“, erklärt Anna Wallner.
Sohn Stefan hält sich die Woche immer frei
Dass immer etwas passieren kann, zeigt sich am dritten Morgen. Georges (86) ist gestürzt und hat eine Platzwunde am Kopf. Lisa fährt ihn zum Arzt, sie spricht zum Glück beide Sprachen perfekt, kann Georges und seine Frau beruhigen. Dann ist es doch nicht nur eine Platzwunde. Georges muss ins Krankenhaus.
„Viele von uns erleben sehr schwere Zeiten. Wir verlieren unsere Partner, obwohl sie noch da sind“, sagt Ute D. Wie ihr geht es auch Katharina W.: „Mein Dieter war früher ein Mann der Sprache und der Fantasie. Das ist Vergangenheit. Für die Gruppe hier spielt das aber keine Rolle, er ist immer dabei und fühlt sich wohl.“
Der erste Ausflug der Reisegruppe geht zu Europas höchstgelegenem Wipfelwanderweg. Die Runde fällt auf. Nicht weil schwer kranke Menschen dabei sind, sondern weil wieder so viel gelacht wird. Weil das Glück, das gerade alle im Hier und Jetzt erleben, für jeden sichtbar ist.
Stefan J. (50) ist einer der Betreuer, aber auch Begleitperson für seine Eltern. Früher sind Christine und Rolf J. alleine mitgefahren. Seit es dem 80-Jährigen immer schlechter geht, ist Sohn Stefan mit dabei. „Ohne Stefan hätte ich mich wahrscheinlich nicht mehr getraut“, sagt seine Frau, ebenfalls 80. Umso mehr genießen die drei jetzt die Familienzeit. „Wir machen immer wieder mal zu dritt Ausflüge“, sagt der Bauingenieur und Landschaftsarchitekt. Die Woche für „Begegnungen ohne Grenzen“ hält sich Stefan bewusst frei. Er weiß, wie wichtig die Zeit für die Angehörigen ist. „Von außen sieht man das nicht, was es heißt, mit einem Demenzkranken zusammenzuleben.
Mancher kann sich später nicht mehr an die Reise erinnern
Manche vergessen auf dem Weg zum Duschen, was sie tun sollen, andere haben null Orientierung. Wieder andere können keine sinnvollen Worte mehr artikulieren. Das bringt einen schlicht an die Grenzen des Machbaren. Stefans Mutter ist froh, dass ihr Sohn dabei ist. „Er hat oft einen anderen Zugang und geht mit einer größeren Leichtigkeit mit seinem Vater um.“
Stefanie W. ist mit 56 Jahren die jüngste Teilnehmerin. Ihr Mann Thomas (63) hat seit 2020 die Diagnose Alzheimer. Ein paar Wochen bevor es nach Saalbach-Hinterglemm ging, hatte er einen heftigen Schub mit einem einwöchigen Schluckauf. Eine Reaktion seines Körpers, wenn dem Kopf alles zu viel wird. Das weiß die Verwaltungsfachangestellte jetzt. „Deshalb machen wir nur das mit, was Thomas guttut.“ Die 56-Jährige genießt die Momente, in denen sie etwas gemeinsam erleben. Und jene, die sie nur für sich oder mit den anderen Angehörigen hat. „Alzheimer verändert einfach alles.“
2023 waren sie und Thomas das erste Mal dabei in Frankreich. „Wir hatten dort silberne Hochzeit. Aber das wusste keiner. Für uns beide war es aber das schönste Geschenk in diesem Moment, diese Reise machen zu können.“ Thomas W. hat auch daran keine Erinnerung mehr, aber lächelt, wenn ihm Stefanie davon erzählt. Das wird sie auch von den wunderbaren Begegnungen ohne Grenzen in diesem Jahr. „Daraus werde ich Kraft schöpfen für die kommenden Herausforderungen. Und mich schon jetzt auf die nächste Reise freuen.“
Wer sich näher über Demenz und Alzheimer informieren will oder Kontakte zu Beratungs- und Selbsthilfegruppen sucht, findet Hilfe im Internet unter www.deutsche-alzheimer.de/adressen.