Braucht Deutschland eine Zuckersteuer?

von Redaktion

Zucker ist nicht nur in Süßigkeiten enthalten. Auch wenn wir ihn als Energiequelle brauchen, nehmen wir viel zu viel davon zu uns. © Foto: Daniela Staerk/PA

München – Auch Pete Doherty hat die Diagnose Diabetes mellitus Typ 2. Der britische Indie-Rocker, bekannt für seine Liaison mit dem Model Kate Moss – und seine Drogen- und Alkoholeskapaden –, hat das in der britischen Tageszeitung „Guardian“ publik gemacht. „Ich bin ein Vielfraß. Das ist kein Scherz“, sagte er. Und dass es ihm an Disziplin fehle, seine Blutzuckerwerte in den Griff zu bekommen. Mit seiner Diabetes-Erkrankung ist der Musiker nicht allein. Fast 7,3 Millionen Deutsche, davon rund 1,3 Millionen Bayern, haben Diabetes mellitus Typ 2, landläufig Altersdiabetes genannt. Und es werden immer mehr. Altersdiabetes als Volkskrankheit: Die Vereinten Nationen haben Diabetes sogar zu einer globalen Bedrohung erklärt.

Die Folgen für das Gesundheitssystem sind enorm. Das Bundesgesundheitsministerium schätzt die Kosten für die Behandlung samt Folgekomplikationen auf jährlich 35 Milliarden Euro. „Menschen mit Diabetes verursachen etwa doppelt so hohe Kosten wie vergleichbare Versicherte ohne Diabetes“, so die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG). Dazu kommen Experten zufolge volkswirtschaftliche Kosten in ähnlicher Höhe zum Beispiel durch Krankheitstage oder Frühverrentung.

Christoph Straub, Chef der Barmer Krankenkasse, fordert eine „nationale Diabetesstrategie“. Kern der Strategie müsse sein, die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung zu stärken, sagt Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin der Barmer. „Das ist eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft. Im Grunde wissen wir, was Diabetes verursacht und was wir dagegen tun können. Es ist aber für die Betroffenen eine tägliche Herausforderung, einen Lebensstil zu entwickeln, der der Erkrankung gerecht wird.“

Jede Fertigpizza zählt

Dr. Michael Bührlen, Oberarzt in der Diabetologie der München Klinik Neuperlach, kennt das nur zu gut. Das Hauptproblem sei, dass viele Menschen immer mehr Industrieprodukte konsumieren. „Mit jeder Fertigpizza steigt das Risiko, einen Diabetes zu entwickeln.“ Den Nutri-Score auf den Verpackungen hält er für nicht ausreichend informativ, „da hier der Grad der Verarbeitung nicht angegeben ist“.

Rund 80 Prozent der Altersdiabetes-Fälle sind laut der Deutschen Diabetes Gesellschaft auf Adipositas zurückzuführen, also Fettleibigkeit. In Gesprächen mit Patienten macht Bührlen immer wieder die Erfahrung, dass ein schmaler Geldbeutel da eine große Rolle spielt. „Fertigprodukte sind billiger und lange haltbar.“ Und die Kombination von Fett, Salz und Zucker habe Suchtpotenzial. „Damit erreicht man sozial schwächere Gesellschaftsschichten oft leichter.“ Zucker müsste generell teurer und Bio-Produkte dafür günstiger werden. „Und wir müssen lernen, unser Essen wieder selbst zuzubereiten.“

Dass die moderne Lebensweise ein Problem ist, bestätigt auch Prof. Michael Laxy von der Technischen Universität München. Der Epidemiologe und Gesundheitsökonom hat sich intensiv mit Diabetes und ihren Ursachen und Folgen beschäftigt. Unser Leben sei heute weniger von körperlicher Arbeit geprägt, sagt er. „Zweitens haben wir andere Ernährungsmuster. Wir konsumieren viel mehr Nahrungsmittel mit einer sehr hohen Energiedichte.“ Also mit viel Zucker, Salz und gesättigten Fettsäuren. Bei Adipositas und Diabetes Typ 2 sei zugesetzter Zucker ein großes Problem. Zum Beispiel in Softdrinks. „Der durchschnittliche Deutsche trinkt im Jahr 60 bis 80 Liter dieser gesüßten Erfrischungsgetränke“, sagt Laxy.

Unsichtbarer Zucker

Auch wenn bei Fertiggerichten vermeintlich Gesundes wie Fisch oder Gemüse enthalten sei, dürfe man sich nicht täuschen lassen, warnt Laxy. Oft würden Zucker oder Stabilisatoren wie Salz zugesetzt, „um das Gericht attraktiver und haltbarer zu machen“. Ultra-processed food, also hochverarbeitete Lebensmittel, habe es vor einigen Jahrzehnten nicht gegeben. „Inzwischen macht das einen großen Anteil unserer Ernährung aus.“ Eine aktuelle Meta-Studie hat laut Laxy ergeben, dass der Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel die Wahrscheinlichkeit für Diabetes Typ 2 und Herzkreislauferkrankungen erhöht.

Ein spezielles Thema ist Zucker. „Zucker“, sagt Laxy, „ist ein Energieträger und überlebenswichtig für uns.“ Worauf es ankomme, sei die Dosierung. Die maximal empfohlene Menge für einen gesunden Erwachsenen sei – maximal – 50 Gramm am Tag, inklusive des im Obst enthaltenen Fruchtzuckers. Der Deutsche konsumiere im Schnitt aber fast 100 Gramm Zucker am Tag – so viel, wie in einem Liter Cola enthalten ist. Große Beobachtungsstudien haben gezeigt, dass der regelmäßige Konsum von einer Dose Softdrinks am Tag das Risiko für Übergewicht und Typ-2-Diabetes um 25 bis 30 Prozent erhöht.

Steuer würde helfen

Laxy war beteiligt an einer Studie, die die Wirkung einer Zuckersteuer für Softdrinks untersucht hat. Ergebnis: Würden gesüßte Getränke pauschal mit 20 Prozent besteuert, würde das den Zuckerkonsum in Deutschland im Schnitt um ein Gramm pro Tag und Person reduzieren. „Das klingt erst mal nach relativ wenig“, sagt Laxy. Aber im Einzelfall, zum Beispiel bei jungen Männern, sei die Reduktion deutlich höher. Die Folge: In den nächsten 20 Jahren könnte so eine Steuer laut Studie 130 000 Diabetes-Neuerkrankungen verhindern oder zumindest verzögern. Das würde den Krankenkassen und der Wirtschaft an die zehn Milliarden Euro sparen.

Laut Laxy wäre noch mehr machbar. In Großbritannien etwa gilt: Je mehr Zucker im Getränk, desto höher die Steuer. „Damit entsteht ein Anreiz für Hersteller, ihre Rezeptur zu verändern.“ Tatsächlich sei der Zucker in Softdrinks in Großbritannien durch die Steuer um fast 30 Prozent zurückgegangen. In Deutschland sei der Zuckergehalt trotz Versprechen der Industrie annähernd gleich geblieben. Laxy und seine Kollegen haben das britische Modell auf Deutschland transformiert: Ergebnis: Es könnten in 20 Jahren sogar 240 000 Diabetes-Neuerkrankungen vermieden werden. Und das ohne Veränderung im Konsumverhalten, sondern allein über weniger Zuckereinsatz in der Industrie.

Laxy hält eine Zuckersteuer für überlegenswert. „Sie hat laut Studienlage einen Einfluss auf die Häufigkeit von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen.“ In Deutschland gebe es dafür im Moment aber offenbar keine politische Mehrheit.

Eine Zuckersteuer könne aber nur Teil einer Gesamtstrategie sein, sagt Laxy. Auch über Werbeverbote für gesüßte Kinderprodukte müsse gesprochen werden, über Verbote von Lockangeboten oder Quengelware an den Kassen. Zudem sei Aufklärung wichtig: an Kitas, Schulen, Universitäten. Und Bewegung! „Wir müssen Angebote für Kinder und Jugendliche schaffen, ihnen Spaß am sich Bewegen vermitteln.“ Das betreffe auch die Infrastruktur, etwa attraktive und sichere Fahrradwege. „Da ist noch viel Luft nach oben.“

Industrie ist gefordert

Zum Vorschlag des Bürgerrats (siehe Artikel unten), die Mehrwertsteuer als Lenkungsmittel einzusetzen und gesunde Lebensmittel geringer oder gar nicht mehr zu besteuern, sagt Laxy: „Ich könnte mir vorstellen, dass das ein vielversprechender Weg ist.“ Man sei gerade dabei, dazu aktiv zu forschen. „Menschen sind preissensitiv. Es ist deswegen davon auszugehen, dass veränderte Mehrwertsteuersätze einen Einfluss auf das Konsumverhalten haben würden.“

Laxy warnt davor, nur dem Verbraucher den Schwarzen Peter zuzuschieben. Um gesundheitliche Chancengleichheit zu erreichen, müsse die Politik die Industrie in die Pflicht nehmen. „Wir haben uns zu einer Gesellschaft entwickelt, in der das, was man schnell und preiswert kriegt, Produkte mit viel Zucker und Kalorien sind.“

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