Beim Wettkampf: Brigitte Weinzierl in ihrem Element.
Training im Garten: Norbert Röhrle beim Speerwurf.
Brigitte Weinzierl und Norbert Röhrle im Fitnessraum des SV Lohhof in Unterschleißheim. Die beiden lieben es, Sport zu treiben, auch wenn die Leistungsfähigkeit nicht mehr so ist wie früher. © Foto: Max Wochinger
München – Ein Herzinfarkt, Diabetes Typ 2 und 82 Jahre auf dem Buckel halten Norbert Röhrle nicht davon ab, seinen 400 Gramm schweren Speer zu werfen. Erst vor wenigen Wochen kehrte er von der Senioren-Weltmeisterschaft im Speerwerfen aus Schweden nach Karlsfeld (Kreis Dachau) zurück. „Ich bin nur Fünfter geworden, weil ich im Moment Probleme mit dem Knie habe“, sagt der Senior. Arthrose hat er auch noch. So wie Röhrle nimmt auch die 72-jährige Schwimmerin Brigitte Weinzierl noch an Meisterschaften teil. Vor einigen Jahren wurde sie Europameisterin über 400 Meter Lagen. Warum quälen sich die betagten Ausnahmesportler noch so?
Ein Fitnessraum des SV Lohhof in Unterschleißheim. Brigitte Weinzierl ist die Präsidentin des Vereins – und hat an diesem Tag die Türen für ein gemeinsames Training mit Norbert Röhrle geöffnet. Der ehemalige Architekt versucht sich gerade im Bankdrücken. 30 Kilo hat er auf die Stange geladen. Für den Sportler ist das Gewicht kein Problem, er bläst die Wangen auf und streckt die Hantel nach oben. Bankdrücken trainiert die Brust- und Schultermuskulatur sowie den Trizeps. Wenn Röhrle seine Muskeln spielen lässt, spannt sich seine schon etwas faltige Haut.
Sport ist auch gut für die geistige Fitness
„Ich habe schon als Kind Leichtathletik gemacht und war bayerischer Juniorenmeister“, erzählt Röhrle. So kam er zum Fünfkampf und zum Speerwerfen. „Es macht mir einfach Spaß, Sachen zu werfen – egal ob Steine, einen Diskus oder den Speer.“
Nur wenige Senioren treiben so viel Sport wie Norbert Röhrle und Brigitte Weinzierl. Und die wenigsten nehmen an Wettkämpfen teil, deshalb haben die beiden oft nur wenige Konkurrenten. Dabei gibt es gute Gründe, sich auch im Alter fit zu halten. Sport stärkt die körperliche und geistige Gesundheit. Bewegung hält die Muskeln kräftig und die Gelenke beweglich – das kann das Risiko von Stürzen und Verletzungen verringern. Sportliche Betätigung unterstützt auch das Herz-Kreislauf-System und wirkt sich positiv auf Krankheiten wie Arthrose, Rückenschmerzen oder Diabetes aus. Und sie kann helfen, Stress abzubauen und das Risiko für Depressionen zu senken.
Wo die sportlichen Grenzen im Alter liegen, hängt vom Fitness- und Gesundheitszustand sowie von der früheren sportlichen Aktivität ab, sagt der Sportwissenschaftler Tom Brandt von der Universität der Bundeswehr München (siehe Interview). Die Schwimmerin und Hobby-Tennisspielerin Brigitte Weinzierl aus Unterschleißheim treibt fünf Stunden Sport pro Woche – und das ist auch nötig, findet sie. „Wenn ich zwei, drei Tage keinen Sport mache, fühle ich mich nicht gut“, sagt die studierte Mathematikerin. „Außerdem komme ich gerne ins Schwitzen.“
Um auch im Alter Sport treiben zu können, sei Krafttraining wie heute im Fitnessstudio das A und O, sagt die 72-Jährige. Auch als Basis für ihre Wettkämpfe. Dafür ist sie schon um die ganze Welt gereist. Bei der Weltmeisterschaft in Japan wurde sie im vergangenen Jahr Dritte über 200 Meter Schmetterling. Insgesamt hat sie schon an zehn Europa- und Weltmeisterschaften teilgenommen.
Auch Norbert Röhrle ist schon viel herumgekommen: Er war in Polen, Australien, Brasilien und Tunesien. Dort wurde er afrikanischer Meister im Speerwerfen. Das können nicht viele Ü-80-Sportler von sich behaupten. In Göteborg warf er in diesem Jahr 27,83 Meter – allerdings aus dem Stand, weil er wegen Knieproblemen keinen Anlauf nehmen konnte.
Wer so viel Sport treibt, braucht auch Ruhepausen, betont Weinzierl. Denn auch sie hat Beschwerden: ein gerissenes Kreuzband und Schmerzen im Handgelenk. „Und beim Schnaufen merke ich, dass ich alt werde“, sagt Weinzierl. „Man muss sich im Alter etwas zurücknehmen – und sich eingestehen, dass man nicht mehr so kann wie früher.“
Trotzdem will sie weiter Wettkämpfe bestreiten und Sport treiben: „Es fühlt sich gut an, an seine Grenzen zu gehen“, sagt Brigitte Weinzierl. Ihre Jahresbestzeit über 100 Meter Freistil liegt bei 1:48,37. Und sie ist überzeugt, dass sie durch den Sport auch im Alltag beweglicher ist – sei es beim Treppensteigen oder beim Tragen von Einkäufen. „Würde ich keinen Sport machen, würde mir es wohl gesundheitlich schlechter gehen.“ Außerdem habe der Sport eine soziale Funktion, sagt Weinzierl. „Vor allem, wenn man keinen Ehepartner mehr hat.“
Norbert Röhrle braucht die Wettkämpfe für sein Ego – und die Bewegung für seine Gesundheit. Mit 70 Jahren erlitt er einen Herzinfarkt, danach stellte er seine Ernährung um und bewegte sich wieder mehr. Ein Jahr später wurde er bayerischer Meister, vor ein paar Jahren deutscher Meister. „Ich spüre, wie gut der Sport meinem Körper tut.“ Manchmal wache er nachts auf, erzählt Röhrle, gehe in seinen großen Garten und werfe ein paar Speere. „Ich bin ein Verrückter“, sagt er über sich selbst.
Trotz Sport und bewusster Ernährung: Das Alter fordert natürlich seinen Tribut. Manchmal stehe er morgens auf und frage sich, was heute schon wieder mit dem Körper los ist, sagt Röhrle. „Es ist schon niederschmetternd, wenn man nicht mehr die Leistung bringt wie früher.“ Ein Grund, deshalb mit dem Sport aufzuhören, ist das für die beiden Senioren aber nicht. „Sport treiben bis ins hohe Alter und bis man umfällt und stirbt – das wäre das Schönste”, sagt Schwimmerin Weinzierl.