INTERVIEW

„München braucht wieder mehr Mut“

von Redaktion

Ralf Fleischer, Chef der Stadtsparkasse, vermisst die Bereitschaft für neue große Zukunftsprojekte

In keiner deutschen Großstadt ist die Kaufkraft so groß wie in München. © Quelle: Acxiom Deutschland GmbH/Grafik: mm

Ralf Fleischer, Chef der Stadtsparkasse München, vor der Zentrale des Finanzinstituts in der Altstadt. © Foto: Oliver Bodmer

München – Die Stadtsparkasse München feiert heuer ihren 200. Gründungstag. Jeder zweite Münchner hat sein Konto dort. Wir sprachen mit Ralf Fleischer (61), der nächstes Jahr aus gesundheitlichen Gründen als Chef der Stadtsparkasse aufhört, über die Wirtschaftskraft der Stadt. München stehe gut da, sagt Fleischer. Sich auf dem Erreichten ausruhen dürfe sich die Isar-Metropole aber nicht.

Herr Fleischer. Wenn Sie im April als Chef der Stadtsparkasse aufhören, bleiben Sie dann in München oder kehren Sie zurück ins Ruhrgebiet, aus dem Sie ja kommen?

In München fühle ich mich sehr wohl. Ich bin seit fast zwölf Jahren hier und habe in dieser Zeit viele Kontakte geknüpft und Freundschaften geschlossen. Insofern werde ich dieser Stadt immer verbunden bleiben. Aber meine Familie und viele Freunde aus der Kinder- und Jugendzeit sind in Mülheim. Es wird ein „sowohl als auch“ sein.

Was mögen Sie an München – und was nicht so?

Ich habe München schon vor meiner Zeit hier lieben gelernt, als ich nur zu Besuch in der Stadt war. Mir war immer klar, wenn ich mal aus meiner Heimatstadt weggehe, dann nach München.

Warum?

Obwohl München eine der größten Städte Deutschlands ist, hat es vielfach auch einen – im positiven Sinne – dörflichen Charakter. Ich habe München nie als Großstadt wahrgenommen, sondern einfach als sehr schöne Stadt, in der man sehr gut leben kann und die außerdem ein sehr schönes Umland hat. München ist auch sehr unterschiedlich, Nymphenburg ganz anders als Giesing, Trudering oder Schwabing, jeder Stadtteil hat seinen eigenen Charme. Das macht München so lebenswert: Die Stadt ist vielfältig, bunt und tolerant.

Und was ist nicht so toll?

Mir fällt über die Jahre auf, dass die Individualisierung extrem zugenommen hat. Das gilt natürlich nicht nur für München, aber auch. In der Tram oder der U-Bahn fällt auf: Fast jeder schaut nur noch in sein Smartphone. Früher hätte man sich vielleicht noch mit seinem Nachbarn unterhalten, heute nicht mehr. Mein zweiter Punkt ist München-spezifischer. Die Stadt hat ihren Status, weil die Stadtgesellschaft vor 50, 60 Jahren sehr mutig war und sich auf neue Weichenstellungen eingelassen hat. Das vermisse ich heute.

Was meinen Sie?

Nehmen Sie das Beispiel der Olympischen Spiele 1972: Mit der Entscheidung für die Spiele wurde vieles in der Infrastruktur angeschoben – das U-Bahn-Netz, die Verkehrsadern, der Wohnungsbau. Das hat die Stadt über die folgenden 30 bis 40 Jahre zu dem gemacht, was sie jetzt ist. Heute nehme ich eine gewisse Zufriedenheit der Menschen mit dem Status quo wahr, eine Saturiertheit, die dazu führt, dass man neuen Projekten kritisch gegenübersteht. Das ist sehr schade.

Können Sie das konkreter machen?

Nur ein Beispiel ist der Bürgerentscheid von 2013 gegen eine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022. Eine Stadt wie München steht ja weltweit im Wettbewerb mit anderen Städten. Dass München der Sitz so vieler Dax-Konzerne ist (siehe auch Grafik), liegt an den attraktiven Rahmenbedingungen, die man in der Vergangenheit geschaffen hat. Das alles wird gefährdet, wenn man sich nicht weiterentwickelt. Ich spreche nicht die Politik an, sondern die Gesellschaft, die bereit sein muss, Veränderungen anzunehmen. Damit unsere Kinder und Enkel es so gut haben wie meine Generation, ist es zwingend, nach vorn zu schauen und etwas voranzubringen.

Sprechen wir über die Stadtsparkasse. Jeder zweite Münchner hat sein Konto hier. Was können Sie uns über den Münchner und seine finanzielle Situation sagen?

Im Durchschnitt hat ein privater Haushalt bei uns 40 580 Euro Vermögen. Aber die Bandbreite ist in München sehr groß. Es gibt viele Menschen mit einem Netto-Einkommen von 2000 bis 3000 Euro und andere, die vielleicht von den Großeltern und Eltern geerbt haben. Das ist von Kunde zu Kunde, Stadtteil zu Stadtteil sehr unterschiedlich. Insgesamt merkt man, dass München wohlhabend ist.

Woran merken Sie das?

Zum Beispiel daran, dass bei uns die Einlagen um 1,5 Milliarden Euro höher sind als die Summe, die wir an Krediten ausreichen. Auf der Kreditseite haben wir seit der Zinswende im Jahr 2022 außerdem festgestellt, dass die Nachfrage nach Immobilienkrediten deutlich zurückgegangen ist. Die Zinsbelastung hatte sich in kürzester Zeit verdreifacht bis vervierfacht. In den letzten Monaten spüren wir wieder eine Belebung. Wir haben 2024 schon wieder 15 Prozent mehr Finanzierungen abgeschlossen.

Wie werden sich die Zinsen entwickeln? Lohnt es sich, noch zu warten? Oder steigen dann die Immobilienpreise wieder?

Ich gehe davon aus, dass die Zinsen noch etwas fallen werden. Eine Leitzinssenkung wird es in diesem Jahr wohl noch geben. In Richtung Null-Zins-Phase wird es auf absehbare Zeit nicht mehr gehen. Das Inflationsgespenst ist noch nicht besiegt, niemand weiß, wie sich die internationalen Krisen und damit die Energiepreise entwickeln werden. Der Fachkräftemangel könnte zu weiter steigenden Lohnkosten führen. Die Transformation der Wirtschaft wird zig Milliarden kosten. Das alles spricht gegen extrem niedrige Zinsen. Für die kommenden fünf Jahre gehe ich von langfristigen Finanzierungskosten von 2,5 bis 3 Prozent aus.

Dann ist der Zeitpunkt für eine Immobilienfinanzierung jetzt gar nicht so schlecht?

Das sehe ich auch so. Bei der Finanzierung sind die Kosten von über vier Prozent in der Spitze schon wieder auf knapp über drei Prozent gesunken. Und die Immobilienpreise sind in den letzten zwei Jahren gefallen, sodass Immobilien-Interessenten jetzt eigentlich wieder anfangen können zu rechnen. Die Nachfrage unserer Kunden hat bereits spürbar zugenommen.

Die Münchner scheinen trotz der hohen Preise den Traum von den eigenen Wänden nicht aufgegeben zu haben.

Auch hier muss man differenzieren. München hat im Vergleich zum Rest der Republik mit rund 20 Prozent eine recht geringe Eigentumsquote, in Bayern sind es überdurchschnittliche 45 Prozent. Natürlich ist die Quote in Großstädten niedriger als auf dem Land, aber in München ist die Quote schon sehr niedrig. Die Preise sind einfach zu hoch. Sogar mit einem leicht überdurchschnittlichen Einkommen hat man es in München extrem schwer. Ohne Eigenkapital, etwa aus einer Erbschaft, geht fast gar nichts in Sachen Immobilieneigentum. Kein Wunder, bei Quadratmeterpreisen um die 8000 Euro, bei Neubauten noch deutlich mehr. In ländlichen Gebieten ist es weniger als die Hälfte.

Aber nicht in ländlichen Gebieten in der Nähe von München.

Nein, da muss man schon weit raus aus dem S-Bahn-Einzugsgebiet. Deshalb hat der Normalverdiener ohne Eigenkapital innerhalb dieses Speckgürtels auch kaum eine Chance. Was man aber auch sagen muss: Die jüngere Generation der 30- bis 40-Jährigen kann sich im Laufe ihres Lebens durchaus nicht selten über eine Erbschaft freuen, die den Grundstein für einen Immobilienerwerb legen kann. Das sieht man auch daran, dass die durchschnittliche Immobilienfinanzierung 2023 bei rund 250 000 Euro lag, das verfügbare Eigenkapital ist also entsprechend hoch.

Münchner gelten als besonders einkommensstark. Wie merkt man das in der Stadtsparkasse?

Die Kaufkraft in der Stadt ist weit überdurchschnittlich. Das merken wir auch daran, dass die Münchner im deutschlandweiten Vergleich weniger Geld für den Konsum aufnehmen. Der durchschnittliche Betrag für einen Autokredit liegt zum Beispiel bei rund 20 000 Euro.

Sie haben ja nicht nur Privat-, sondern auch Firmenkunden. Wie würden Sie da derzeit die Stimmung beschreiben?

Wir spüren momentan nicht viel von einer vermeintlichen Krise. Den meisten Unternehmen geht es sehr ordentlich. Auch bei den Insolvenzen ist die Lage stabil. Allerdings merkt man, dass es nicht immer rund läuft. Es gibt Liquiditätsengpässe, Rechnungen werden nicht so zügig bezahlt wie sonst. Aber wie gesagt: Wir sind weit entfernt von einer krisenhaften Entwicklung. Was wir sehr wohl merken, ist eine gewisse Zurückhaltung bei Investitionen.

Woran liegt das?

Hauptgrund ist die Unsicherheit über die künftigen Rahmenbedingungen. Jeder Unternehmer ist davon abhängig, ein sicheres, kalkulierbares Umfeld zu haben. Das ist derzeit nicht immer gegeben – das liegt an internationalen Krisen, aber auch an hausgemachten Problemen. Aber wenn die Frage lautet: Stecken wir in der Krise? – dann wäre meine Antwort: nein.

Wie würden Sie das denn nennen?

Es hilft, präzise zu sein. Der Duden definiert Krise als „Höhe- oder Wendepunkt einer sehr gefährlichen Entwicklung“. Sind wir da schon? Ich würde sagen: nein. Aber wir sind auf dem Weg dahin, wenn wir die Kernfragen der Zukunft, wie zum Beispiel die Demografie, die Energieversorgung und zwei oder drei mehr, nicht zeitnah und überzeugend klären – und ins Handeln kommen.

Wie zuversichtlich sind Sie da?

Zur Wahrheit gehört, dass die Probleme nicht erst seit drei Jahren bestehen, sondern schon mehrere Legislaturperioden älter sind. In den vergangenen 20 Jahren ist – bis auf Schuldzuweisungen – zu wenig bis nichts passiert. Ich habe aber das Gefühl, das Bewusstsein wächst, man kann die aktuellen Herausforderungen nicht allein mit Blick auf eine erhoffte Wiederwahl lösen. Deshalb bin ich zuversichtlich – auch, weil sich Zuversicht in meinem Leben bewährt hat.

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