Und wie war Dein Schlaganfall so?

von Redaktion

Schlechte Nachricht: Dieses Foto veröffentlichte Dickopf wenige Tage nach seinem Schlaganfall aus der Klinik auf Sozialen Medien. © privat

Bluthochdruck ist der größte Risikofaktor für einen Schlaganfall. © Mauritius Images

„Alte Bekannte“ bei einem Auftritt. Die Choreographie sagt: Mikro links – Dän Dickopf hält es vorsichtshalber rechts, damit es nicht aus der Hand fällt … © Ingo Wolfgarten

Sänger Dän Dickopf und Redakteur Uli Heichele (re.) trafen sich in der Alten Kongresshalle. © Foto: Michaela Stache

München – Die Musikgruppe Wise Guys, man kennt sie noch gut – oder jedenfalls ein paar ihrer Lieder. Zum Beispiel „Sommer ist, was in Deinem Kopf passiert“ oder „Sänk ju for träwelling wis Deutsche Bahn“. Der Mann, der diese Stücke geschrieben hat, heißt Daniel „Dän“ Dickopf (54). Die Wise Guys in alter Besetzung gibt es seit 2017 nicht mehr, Dickopf ist jetzt mit der Nachfolge-Band „Alte Bekannte“ unterwegs. Auch sie singt a cappella: Musik ohne Instrumente und auf höchstem Niveau. Fünf Männer auf der Bühne, ihre Texte mal die pure Gaudi, mal sehr nachdenklich.

Im vergangenen Jahr waren sie in München, gaben ein Konzert in der Alten Kongresshalle. Ich war mit meiner Frau und unseren beiden Töchtern da – wir alle mögen diese Musik. Und dann hatte ich meinen Aha-Moment. Denn: Irgendwann mitten im Konzert erzählte Dän, dass er nur noch selten die Hauptstimme singt. Weil er es nicht mehr so kann wie früher. Weil er vor bald drei Jahren einen Schlaganfall hatte.

In mir haben diese Worte sofort den eigenen Blitzeinschlag von damals wieder wie ein Standbild vors innere Auge gezeichnet. Ich habe das Konzert genossen, aber die Gedanken haben sich in mir gedreht. Und als wir später am Abend wieder daheim waren, wusste ich: Diesen Mann würde ich gern treffen, wenn er wieder mal in München ist. Und das war jetzt der Fall. Die „Alten Bekannten“ haben wieder in der Alten Kongresshalle gesungen. Davor haben Dän und ich uns zu einem Gespräch getroffen. Denn als ich ihn angeschrieben hatte, hat er sofort ja gesagt zu der Idee: Lass uns über unsere Geschichten reden – und lass mich das aufschreiben.

Nichts verpassen, immer schneller sein

Ich, der Zeitungs-Redakteur, brenne für meinen Beruf. Ich darf den Lokalteil dieser Zeitung gestalten: Das empfinde ich als eine große Freude, eine große Aufgabe und eine große Herausforderung. Heute ist mir klar: Damals, vor dem Schlaganfall, habe ich dabei das Wort „Herausforderung“ zu groß gesehen. HERAUSFORDERUNG! Immer die spannendsten und wichtigsten Geschichten Münchens finden. Nichts verpassen, keine Patzer machen. Schneller sein als die Konkurrenz. IMMER! Nicht, dass mein Verlag oder mein Chef das von mir verlangt hätten. ICH habe es von mir verlangt. Es hat mich in die Selbstzweifel getrieben und vor allem: in eine Dauer-Anspannung, die ich selbst nicht gespürt habe. VOLLGAS!

Und ich lausche ungläubig, als Dän mir seine Geschichte erzählt. So ähnlich ist das Muster. Der Sänger sagt: „Heute weiß ich, dass ich früher zu viel Stress hatte. Ich war der Haupt-Songschreiber der Wise Guys und hab die ganze Zeit nur ans Liederschreiben gedacht. Ich muss heute den Kopf schütteln, wenn ich daran denke, dass wir zweimal die Nummer zwei der Album-Charts waren und uns danach nicht mal einen Tag genommen haben, das zu genießen. Für mich gab‘s immer nur: Weiter.“ WEITER! 150 Konzerte in einem Jahr, jeden zweiten Tag in einer anderen Stadt. VOLLGAS!

Als belastend haben wir beide unseren Alltag nicht empfunden, jedenfalls nicht als zu belastend. Dän erzählt, dass er ein paar Monate vor seinem Schlaganfall ein Lied mit dem Titel „Das Leben“ schrieb. Darin stellt er sich vor, wie er nach einem Crash im Krankenhaus liegt und langsam das Gehen wieder lernen muss: „Das beschreibt meine Haltung ganz gut. Ich hab mir gedacht: Wenn es wirklich schlimm um mich stehen könnte, dann müsste das an etwas wie einem Autounfall liegen.“

In Wirklichkeit lauerte die Gefahr anderswo. Innen. Wenig später musste Dän tatsächlich das Gehen wieder lernen. Wegen eines inneren Einschlags. Fünf Wochen Krankenhaus und sechs Wochen Reha waren es bei ihm. Am Anfang saß er im Rollstuhl: „Und ich musste immer die linke Hand in den Schoß legen. Weil ich kein Gefühl hatte, hätte ich nicht gemerkt, wenn die Hand in die Speichen geraten wäre.“

Der Tag, an dem mein Körper rebellierte

Ich erinnere mich an den 28. Mai 2016. Kurz vor Mitternacht im Bett. Ich konnte nicht einschlafen, hatte Nackenschmerzen. Stand auf und wollte mir ein Glas Wasser holen. Fünf Meter weit bin ich gekommen, dann bin ich umgefallen, weil die Hälfte meines Körpers zusammensackte. Ich konnte nicht mehr gehen. Ich saß auf dem Boden und sah den Flur doppelt, links und rechts. Und: Ich konnte nicht sprechen, nichts zu meiner Frau sagen. Ich hatte die Worte im Kopf: „WAS IST LOS MIT MIR? BITTE HILF MIR!“ Aber mein Mund hat nicht funktioniert, die Sätze kreisten nur in meinem Kopf. Meine Frau, die den Sturz gehört hatte, hat auch ohne Worte gewusst, was zu tun war und sofort den Notarzt gerufen. Sie hat mich gerettet.

So einen rettenden Engel in der Wohnung: Den hat auch Dän gehabt an jenem 12. Dezember vor drei Jahren. Er erzählt: „Ich war abends zu Hause auf der Couch, der Fernseher lief. Irgendwann machte es PLING. Ich hatte das Gefühl, der Fernseher wird leiser. Und ich war ein bisschen benommen – wie wenn man einen Fußball ins Gesicht bekommt, bloß ohne Schmerz. Ich dachte: Naja, eine kleine Kreislaufschwäche, ging raus auf den Balkon. Aber es wurde nicht besser. Zum Glück war meine Freundin da. Sie hatte den Verdacht auf Schlaganfall und hat sofort die Rettung gerufen. Die haben ihren Verdacht bestätigt und mich in weniger als zehn Minuten in die Uniklinik gebracht. Ich glaube, ohne meine Freundin wäre ich einfach ins Bett gegangen.“ Und dann gute Nacht.

Dän traf der Schlag schwerer als mich

Es geht mir gut. Wer es nicht weiß, würde nie vermuten, dass ich einen Schlaganfall hatte. Es hat zwar über ein Jahr gedauert, bis ich meine alte Kraft wieder gewonnen hatte (und eine Riesen-Portion neues Selbstvertrauen), aber davon abgesehen: keine Folgen, weder körperlich noch geistig. Ich habe so viel Glück gehabt, bin durch den Einschlag mehr gewachsen, als ich mir je erträumt hätte. Und frage mich, womit ich das verdient habe.

Dän hat es schwerer als ich, er spürt Folgen. Ganz praktisch, im Alltag, im Job. Er erzählt: „Bei manchen Liedern erfordert es die Choreografie, dass ich das Mikrofon mit der linken Hand halten muss. Dann muss ich mich darauf konzentrieren, dass ich es nicht fallenlasse. Ich habe links eine seltsame Mischung aus Gefühllosigkeit und Schmerz. Das kann zum Beispiel auch dazu führen, dass ich zurückzucke, weil sich eine Kaffeetasse anfühlt, als wäre sie 400 Grad heiß. Wenn ich sie dann mit rechts anfasse, merke ich: Sie ist nur ein bisschen warm.“

Autofahren oder schwimmen darf er ein Jahr lang nicht, weil die Gefahr zu hoch ist, dass er einen epileptischen Anfall bekommt. Die Fußballschuhe hat er vor kurzem weggegeben, weil er weiß: Kicken wird er nie wieder können. Das Fußballspielen hat er so sehr geliebt, jetzt ist es Geschichte. „Ich hab den Arzt gefragt, wie lang es dauern wird, bis ich wieder bei 100 Prozent bin. Er hat mir gesagt: ‚Sie werden nie wieder bei 100 Prozent sein.‘ Das war ein Tiefschlag für mich.“

Aber Dän Dickopf steht wieder auf der Bühne. Er singt, zusammen mit seinen Kollegen. So perfekt, dass ich als Zuhörer nicht gemerkt hätte, dass auch er ein Schlaganfallpatient war – wenn er nichts gesagt hätte. Er gibt Vollgas, wieder. Ich tue es auch. Alles wie früher? Nichts gelernt?

Am Ende überwiegt die Dankbarkeit

Ganz im Gegenteil: Alles hat sich geändert nach dem Blitzeinschlag. Nämlich die Einstellung. Ich, der Journalist, arbeite heute zwar genauso intensiv wie früher, aber ohne inneren Stress. Ich will die beste Zeitung machen – aber ich mache mir keine Sorgen mehr darüber, was passieren könnte, wenn ich das nicht schaffe. Das macht das Leben wunderbar leicht und die Zeitung nicht einen Millimeter schlechter. Ich bin deshalb einfach nur froh, dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist.

Und wie denkt Dän? Er sagt: „Wenn ich‘s mir aussuchen könnte, hätte ich lieber ein Leben ohne Schlaganfall. Trotzdem überwiegt in mir die Dankbarkeit. Ich hätte tot sein können oder ein Pflegefall für den Rest meines Lebens. Beides ist nicht geschehen. Ich darf mein Leben leben, ich darf singen und damit mein Geld verdienen. Das macht mich glücklich.“

Auch diese Dankbarkeit fürs Grundsätzliche teilen wir – noch eine Parallele. Bloß in einem Punkt haben wir eine unterschiedliche Meinung (was an dem Luxus liegt, dass ich keine Folgeprobleme habe). Wenn ich es mir aussuchen könnte: Nein, ich möchte meinen Schlaganfall nicht ungeschehen machen. Ich habe in dieser Nacht damals in zehn Minuten mehr über das Leben gelernt als zuvor in 40 Jahren. Ich habe gelernt, was wichtig ist.

Neues Album am Freitag

„Alte Bekannte“ ist die Nachfolgeband der „Wise Guys“ und hat seit 2017 vier Alben veröffentlicht. Ihren Musikstil beschreibt die Band selbst als „A-cappella-Pop“. Am Freitag erscheint jetzt das fünfte Album. „Weihnachten kommt immer so plötzlich“ heißt das Werk, auf dem die fünf Sänger traditionelle Weihnachtslieder in Alte-Bekannte-Sound singen. Selbst geschriebene Songs sind aber auch drauf. Mehr Infos: www.altebekannte.band.

Artikel 2 von 2