Künstliche Intelligenz unterstützt die Forscher bei der Suche nach Molekülkombinationen und Wirkstoffkandidaten. © Sanofi
München/Neubeuern – Das Wissen verdoppelt sich in einer rasanten Geschwindigkeit. Das betrifft auch die Medizin. Vor allem die Gentechnik bietet Möglichkeiten, die man noch gar nicht komplett absehen kann. Medizin werde immer individualisierter, sagt Prof. Jochen Maas, früher Forschungschef beim Pharmariesen Sanofi. Ein Beispiel ist Krebs. Die gefürchtete Erkrankung werde irgendwann beherrschbar sein, sagt Maas. Eine wichtige Rolle spielen dabei auch mRNA-Impfstoffe. Ein Gespräch über den Fortschritt der Medizin – und den Aufklärungsbedarf, der damit verbunden ist.
Herr Professor Maas: Wie sieht die Zukunft aus?
Die Medizin entwickelt sich zu einer individualisierten Präzisionsmedizin. Man kann das einfach anhand einer Analogie zu Kleidergrößen erklären. Früher gab es im Grundsatz eine Größe, also ein Medikament, für alle. Wenn man das auf den Kleidermarkt überträgt, musste also eine zierliche junge Frau die gleiche Größe anziehen wie ein übergewichtiger alter Mann. Inzwischen sind wir weiter, zumindest in einigen Bereichen. Auf den Kleidermarkt übertragen haben wir heute für die Prävention und die Behandlung einiger Krankheiten standardisierte Größen, also etwa S, M, L und XL. Ziel ist der Maßanzug in Einzelanfertigung, also die personalisierte Präzisionsmedizin. Hier sind wir bis auf wenige Ausnahmen noch nicht angekommen.
Können wir in Zukunft Krebs heilen?
Heilen – da wäre ich vorsichtig. Was ich aber sicher glaube, ist, dass wir viele Krebsarten zu einer chronischen Erkrankung machen können. Bei der Tumorbehandlung der Zukunft wird es weiterhin Operationen geben, wenn Tumorzellen entfernt werden müssen. In einem zweiten Schritt wird man mit Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten die Krebszellen abtöten. Die neuen Konjugate bringen Medikamente, sogenannte Zytostatika, direkt an den Tumor, indem die chemotherapeutischen Substanzen an Antikörper gekoppelt werden, die sich an Krebszellen binden. Erst wenn der Antikörper angedockt und das Zytostatikum die Krebszelle sozusagen verspeist hat, entfaltet die Chemo ihre Wirkung. So schädigen die Zytostatika nur den Tumor und nicht umgebendes Gewebe oder andere Organe.
Das klingt vielversprechend. Aber die große Angst bei Krebs ist ja, dass ein Tumor zurückkommt.
Ja, genau, und damit komme ich zum dritten, entscheidenden Punkt: Hat man den Tumor durch OP und Chemo erfolgreich bekämpft, dann muss man ihn unter Kontrolle halten. Das erreicht man mit sogenannten Tumor-Vakzinen. Das sind Impfungen mit bestimmten Nucleinsäure-Cocktails, sogenannte mRNA-Impfstoffe. Eine mRNA bringt dem Körper bei, wie er ein spezielles Protein herstellen kann, welches das Immunsystem zur Vorbeugung oder Abwehr bestimmter Krankheiten braucht. Weiterhin kann man Tumorzellen mit der sogenannten Checkpoint-Therapie unter Kontrolle halten. Bei dieser wird den Krebszellen sozusagen eine bremsende Tarnkappe abgerissen, sodass das körpereigene Immunsystem sie erkennt und bekämpft.
Die mRNA-Impfstoffe wurden 2020 gegen Covid 19 für Menschen zugelassen. Erwarten Sie eine neue Pandemie?
Ja – ich hoffe, erst 2028 oder 2030 und nicht schon im kommenden Jahr. Aber es wird mit Sicherheit wieder eine Pandemie kommen. Die kann nicht nur in tropischen Ländern, sondern auch bei uns vor der Haustür entstehen. Denken Sie sich einen an Grippe erkrankten Schweinezüchter mit unbemerkt an Schweinegrippe erkrankten Tieren, in deren Stall eine an Vogelgrippe erkrankte Schwalbe fliegt. Da können drei verschiedene Influenza-Viren zusammenkommen und niemand weiß, was passiert. Ich möchte aber hier keine Ängste schüren – im Gegenteil machen mich einige Ängste sogar besorgt. Zum Beispiel die in Deutschland weitverbreitete Angst vor Gentechnik. Ein mRNA-Impfstoff kann das Erbgut nicht verändern. Und man muss sich klarmachen: Ohne Gentechnik hätten wir bis heute keinen einzigen Corona-Impfstoff. Das zeigt: Gentechnik hat Vor- und Nachteile. Was ich an der deutschen Mentalität kritisiere, ist, dass wir oft eine Technologie im Vorhinein komplett ablehnen. Bei der Gentechnik liegen die Chancen darin, dass wir Krankheiten heilen können. Die Risiken liegen beispielsweise in noch nicht bekannten Langzeitfolgen, es gibt auch ethische Bedenken. Wollen wir einen breiten gesellschaftlichen Konsens erreichen, dann müssen wir den Leuten sehr transparent erklären, um was es geht.
Bei Covid kann es auch ein Problem gewesen sein, dass die Einschätzungen von Wissenschaftlern so unterschiedlich waren.
Man kann nicht davon ausgehen, dass die Wissenschaftler bei einem unbekannten Problem von Anfang an dasselbe sagen. Man tastet sich an die Lösung heran, es gibt verschiedene Lösungsansätze – und die können am Anfang durchaus unterschiedlich aussehen. Das Wesen der Wissenschaft besteht in heftigen Auseinandersetzungen zu einer Sachfrage, also in Kontroversen. Und diese Auseinandersetzungen verlaufen heute viel schneller als früher. Im Mittelalter brauchte es 500 Jahre, bis sich das Wissen der Menschheit verdoppelte. Heute dauert es 70 Tage. Dies kann natürlich überfordern. Woran wir uns auch gewöhnen müssen, ist das vernetzte Denken. Es gibt nicht viele Gesundheiten, sondern nur eine.
Wie meinen Sie das?
Das ist die „One Health“-Definition: Will man gesundheitliche Risiken managen, muss man gleichzeitig fünf Komponenten betrachten. Diese sind die Gesundheit von Menschen und die von Tieren, zudem Klima- und Umweltschutz, Lebensmittelsicherheit und internationaler Handel. Ein Beispiel: Wir haben 21 Klassen von Antibiotika, davon sind 17 Naturstoffe. Mit jeder Tier- oder Pflanzenart, die ausstirbt, geht vielleicht ein potenzielles Arzneimittel verloren. Die Klimaerwärmung birgt Gesundheitsgefahren, etwa jene, dass tropische Krankheiten auch bei uns heimisch werden.
Setzen wir die richtigen Schwerpunkte?
Mehr als 90 Prozent der Gesundheitskosten in Deutschland werden für Therapien ausgegeben, weniger als zehn Prozent für Prävention. Ich wünschte, es wäre umgekehrt. Die Menschen wollen nicht nur ein Medikament, sondern eine individuell auf sie zugeschnittene Lösung zur Abwendung einer Gefahr für die Gesundheit.